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und lockte die tiefsten Kenntnisse aus dem Lord hervor, so dass er zuerst den süssesten Genuss von ihnen hatte. Die Aussichten, die er pries, zeichnete sie mit mehr Fleiss und Treue, als gewöhnlich; und entzückte ihn auch durch dieses neue Talent.

Sie waren kaum eine Woche in Neapel gewesen, so erhielt sie schon Antwort von ihrem L o c k m a n n . Die Unschuld errötete bei den Zügen seiner Hand, und freute sich, dass ihr der Brief nicht in Beisein ihres Geliebten gebracht war. L o c k m a n n hatte den Wechsel richtig empfangen, und gehoben; auch wusste er, wofür. Er schrieb Hildegarden: "die Arie Begli astri d'amore, wäre ihm, klein geschrieben, von seinem Kopisten in Rom auf der Briefpost zugeschickt und dabei gemeldet worden, dass Allen vor Entzücken über einen neuen Sänger, Namens P a s s i o n e i , verwaisten Sohn des Komponisten, die Köpfe brennten. Zu seinem allerhöchsten Vergnügen und Erstaunen sehe er, dass dieser P a s s i o n e i Niemand anders sein könne, als sie selbst. Er hätte geglaubt, sie befinde sich in Wien; und wäre im Begriff gewesen, eben dahin zu reisen."

Der Brief schloss sich mit einem Dityramb dar

über, dass sie ihren Beruf vom Himmel erkenne. Noch setzte L o c k m a n n hinzu: sein Hof solle keine Sylbe davon erfahren, bis sie es selbst für gut finde.

H i l d e g a r d erblasste beim Lesen, weil sie die

Folgen ihres Abenteuers im geist voraussah.

Die Herzogin ward betroffen über den Eindruck.

H i l d e g a r d gab ihr den Brief, der mit Besonnenheit geschrieben war und nichts Verfängliches entielt; und entdeckte ihr nachher, dass der junge feurige Mann eine unglückliche leidenschaft für sie gefasst habe. Die Herzogin sprach ihr Mut zu, und lachte, dass der Brief nichts Schlimmeres entielte. Dergleichen Anfechtungen, sagte sie, wären die Glorie ihres Geschlechts. Das würde sich schon vermitteln lassen.

H i l d e g a r d selbst lachte und scherzte nun; doch

war das nur Verstellung, damit ihre Freundin keinen Argwohn schöpfen sollte. Diese dachte indess vor sich: mit dem jungen schönen Kapellmeister möchte' es wohl nicht ganz richtig sein, wenn auch in der Hauptsache nichts geschehen wäre: denn sonst hätte sie, bei ihrer Klugheit und Feinheit, gewiss andre Maassregeln genommen.

H i l d e g a r d betrug sich gross bei ihrem Geliebten; sie zeigte ihm den Brief, und sagte ihm dabei noch, dass sie mit den andern dreihundert Zechinen die Treue, Verschwiegenheit und guten Dienste ihrer F a n n y belohnt hätte. Dann schilderte sie ihm L o c k m a n n e n nach dem Leben, verschwieg aber doch behutsam dessen leidenschaft.

Bald schlug H i l d e g a r d eine Reise nach Pestum vor, um sich zu zerstreuen. Sie ward sogleich gemacht, konnte aber den Kapellmeister nicht aus ihren Gedanken bringen.

Den Tag nach der Rückkehr von dort traf der Kammerdiener wieder ein, und brachte den Segen der Mutter und des Bruders. Die erstere erinnerte sich des jungen schönen vielversprechenden Mannes noch sehr wohl; und wünschte nur, dass die Vermählung in Wien vollzogen werden möchte.

Der bis zur höchsten Inbrunst verliebte Lord konnte so lange nicht warten, und bestürmte H i l d e g a r d e n mit den zärtlichsten Bitten. Schon den andern Morgen wurden sie von einem Englischen Geistlichen getrauet; wobei H***, ein alter Freund von dem Vater des Bräutigams, und L**, nebst andern Engländern und Deutschen zugegen waren, die alle nie ein reizenderes Paar gesehen hatten.

Der edle Jüngling war kein Sterblicher mehr, nur entzücktes ewiges Leben, als sie nun ganz die Seine ward, und er bezaubert die Blume der Schönheit in himmelreiner Knospe lieblich umschattet fand. Diese letzte Entdeckung war die köstlichste Zierde, der wahre Schmuck jeder andern. Er hatte kaum sie zu hoffen gewagt; und schwelgte nun mit wütender Gierde.

Auch sie genoss, von den neuen brennend-süssen gewaltigen Gefühlen durchstürmt, die volle Wonne der Keuschheit. Im Taumel der Lust stiegen sie immer höher und höher; die Welt schwand vor ihnen, und man konnte sie lange Zeit wenig mehr sehen und sprechen. Sie schweiften allein zu Bajä umher, oder am Vesuv, ihrem, jetzt nur ruhigen, Ebenbilde. Noch öfter fuhren sie in einer niedlichen Art von Gondel, am Pausilipp vorbei, wo schon alles grünte und blühte, nach den schönen Inseln.

Die Herzogin fing an darüber eifersüchtig zu werden, und sagte ihr im Scherz: sie sei fast nur ihre e h e m a l i g e Freundin. H i l d e g a r d erstickte ihre Vorwürfe errötend und lächelnd mit Küssen; und das glückliche Paar wurde nach und nach wieder gesellig. Hierzu trug ein andrer Umstand nicht wenig bei.

Der alte R e i n h o l d hatte seinen lieben L o c k m a n n inzwischen an Kindesstatt angenommen, und ihn, mit Ausnahme einiger wenigen Vermächtnisse, zum Universalerben eingesetzt. L o c k m a n n konnte sich nun leicht unabhängig machen; und erpresste dadurch von seinem Fürsten, dem er sagte, dass er eine besondre Art von Heimweh