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mit der Herzogin in demselben Zimmer.

Dann ging es im Fluge, doch für das brennende Verlangen des Verliebten noch immer zu langsam, mit steigender Lust fort durch die glücklichen Gefilde von Kampanien, bis sie die königliche Heerstrasse hinter Kapua erreichten.

Wie im Triumph zog der Lord an einem heitern Morgen mit H i l d e g a r d e n in dem Menschengewimmel der Strada di Toledo auf. "O, welch ein schönes Paar!" hörten sie überall bis zum Albergo reale.

Schon gegen Abend kam der Ungeduldige mit einem Notar, der den Ehekontrakt ausfertigen sollte. H i l d e g a r d weigerte sich, und zürnte über die Eilfertigkeit; die Herzogin aber redete ihr zu, gab ihr einen geheimen Wink, und liess, doch gegen H i l d e g a r d s Willen, schreiben. Als ihr Name kommen sollte, diktirte sie, anstatt C ä c i l i a P a s s i o n e i , zu des Lords Erstaunen: H i l d e g a r d v o n H o h e n t h a l . Die Herzogin schob das Papier lachend weg, und schickte mit Freundlichkeit den Notar fort, welcher sehr natürlich glaubte, dass man ihn zum Besten hätte. Und nun erfolgte zu des Lords unaussprechlicher Lust die wahre Entdeckung und Erkennung. Er hatte in London den Gesandten v o n H o h e n t h a l und dessen Gemalin öfters in Gesellschaft gesehen, auch H i l d e g a r d e n selbst einigemal, jedoch fast noch als Kind. Die Ferne der Zeit schwand, und er lag, glücklich wie ein Gott, zu ihren Füssen.

"Ach, dass der edle vortrefliche Mann nicht mehr lebt!" Bei diesen Worten bewölkten Tränen seinen blick, und H i l d e g a r d seufzte tief.

Sie erklärte ihm nun mit Festigkeit, dass die Vermählung nicht eher vor sich gehen könne, als bis sie die Einwilligung ihrer geliebten verehrten Mutter und ihres teuern Bruders erhalten habe.

"O Himmel!" rief er aus, wie ein lechzender Wandrer, der noch eine lange Strecke zum Felsenquell hinanklimmen muss. Er und die beiden Damen setzten sich in ihren Zimmern nieder, und schrieben, was ihnen Herz und Verstand eingab. Noch in derselben Nacht ward sein Kammerdiener als Kurier nach Wien abgeschickt.

H i l d e g a r d hatte schon vor drei Wochen in Rom durch die Frau v o n L u p f e n einen Brief von ihrer Mutter erhalten, worin diese ihr sagte: der Prinz wäre, bald nachher, als er von ihr erfahren hätte, dass sie mit der Herzogin eine Reise durch die Provence mache, mit seiner Gemahlin nach Prag abgegangen; sie bitte und beschwöre sie nun bei ihrer Pflicht und kindlichen Liebe, so bald wie möglich zu ihr zurückzukehren.

H i l d e g a r d s Antwort auf diesen Brief verspätete sich, weil die wichtigen begebenheiten sie zurückhielten; jetzt ward sie aber ein reiner Ausguss des zärtlichsten Herzens. Doch verschwieg H i l d e g a r d das grosse Abenteuer in Rom, über welches sie jetzt, da die genialische leidenschaft ihr Ziel erreicht hatte, selbst erschrak, obgleich ihre Meinung über die Würde des Teaterlebens immer dieselbe blieb. Sie schilderte kurz, aber stark und treffend, die Schönheiten von Italien, sowohl der natur als der Kunst; ging dann über zu der Bekanntschaft mit dem jungen Lord, dessen Namen die Mutter wohl kennen müsse; und beschrieb mit Grazie seine person, seinen Charakter, sein Herz und seinen Geist. Noch setzte sie hinzu: ihre Hochachtung könne sie ihm nicht versagen; auch ihre Liebe nicht, wenn die gütigste Mutter und der Bruder in sein Verlangen willigten. Noch habe kein Sterblicher einen so tiefen Eindruck auf sie gemacht; mit keinem andern hoffe sie ihre übrige Lebenszeit so glücklich zuzubringen; ihre Neigungen stimmten durchaus schön und rührend zusammen.

Der Brief des Lords war voll Feuer und männlich: zwar nur wenige Züge von H i l d e g a r d e n , aber meisterhaft, Tizianisch. Er bat in den zärtlichsten Ausdrücken um ihren Besitz; und äusserte sehnliches Verlangen, die Mutter, welche ihre schöne Tochter zur Lust und Bewunderung aller edlen erzogen und gebildet habe, und eben so den teuern Bruder, wieder zu sehen und zu umarmen.

Die Herzogin sagte in ihrem Briefe: sie wüsste keine bessere Partie für ihre Freundin; H i l d e g a r d wäre des Lords wert, so wie der Lord ihrer; die schönsten und reichsten Töchter der besten Häuser in London würden sie beneiden.

Dem Kammerdiener brauchte für Eilfertigkeit keine Belohnung versprochen zu werden, da er die Freigebigkeit seines Herrn hinlänglich kannte.

H i l d e g a r d und der Lord machten bald Bekanntschaft mit den vorzüglichsten Menschen in Neapel, die dem unvergleichlichen Paare alle huldigten; auch mit den berühmtesten Tonkünstlern, die anfangs nur wenig von H i l d e g a r d s Talent zu hören bekamen, von denen sie aber auch schon dafür Bewunderung erhielt.

Damit nicht gleich verraten würde, wie sie die Römer zum Besten gehabt hätte, so wurden öftere Spazierreisen in die schöne Gegend angestellt; und sie genoss den Unterricht der Liebe über dieses merkwürdige Stück Welt. Auch fasste sie alles sehr leicht,