"Sie sehen mich für etwas anders an, als ich bin. Lassen Sie mich! Ich beschwöre Sie bei Ihrer edlen denkart."
Die Herzogin hatte ihn einigemal so derb in die Waden gekneipt, dass er endlich nachgab. H i l d e g a r d schlug sogleich den Mantel wieder um sich, und stieg dann mit der Herzogin zuerst hinunter.
Antiquar und Küster waren gleich anfangs wieder auf das Geländer gegangen; sie verstanden nichts vom Englischen, glaubten, da die Sprache der Fremden so gedämpft war, sie trieben Scherz, und redeten der Herzogin zu, ebenfalls hinauf zu steigen.
H i l d e g a r d eilte nun mit dieser die Kuppel hinunter. Die Herzogin verabredete mit ihr in aller Geschwindigkeit, sie für P a s s i o n e i ' s Tochter auszugeben; und übrigens sollte alles beim Alten bleiben.
Der Lord kam ihnen schnell nach. Sie fassten sich in Gegenwart des Antiquars und des Küsters, wie Leute von Welt. Die letzteren beschrieben noch, wie prächtig die architektonische Erleuchtung des Tempels und der Kuppel am Petersfeste wäre. Die Fremden mochten aber nicht länger bleiben, gingen wieder hinunter, und trennten sich unten auf dem platz: H i l d e g a r d mit zornigem und verschämtem blick; der Lord mit Augen, worin die Freude über seine Entdeckung funkelte.
Die Herzogin sagte nachher zu H i l d e g a r d e n : sie stände für seine Verschwiegenheit. Auch dieser selbst war desswegen nicht sehr bange; nur fürchtete sie sich vor seinen Verfolgungen.
Der Lord verlangte unterwegs sehnlich, ihre wahre geschichte zu wissen. "Wer mag sie sein? – Eine Römerin? und so vertraut mit der Herzogin! So schön, so reizend, so blühend, so vortreflich: und doch so unbekannt! so fertig in unsrer Sprache! Wie entständ' in London und in ganz England eine solche Sängerin? Ihr Ruhm ginge ja durch Europa, und erschallte in beiden Indien. Ein unerklärliches Rätsel! ... Aber mein muss sie werden, für alles was ich habe!"
Er nahm sich fest vor, auf jeden Fall ihr jährlich zwei-, drei-, viertausend Guineen – bei seinen reichen Einkünften gar nicht zu viel – auf Lebenslang auszusetzen; und mit der Zauberin zu reisen, wohin sie nur wollte.
H i l d e g a r d spielte diesen Abend, gegen alles Erwarten der D****, die Sophonisbe vortreflicher als je, weil sie ganz zur bangen leidenschaft gestimmt war. Der Lord befand sich in der Loge der Herzogin, erfuhr aber von dieser nichts anders, als das Verabredete. Die reinsten Seelenaccente, alles, was Kunst und Empfindung vermag, durchblitzten und durchflammten sein Wesen.
Am Ende gab er der Herzogin in feinen Ausdrükken seinen Entschluss zu verstehen; diese benahm ihm aber im Ton der ungeheucheltsten Wahrheit alle Hoffnung, auf solche Weise je zu seinem Zwecke zu gelangen. Die P a s s i o n e i , sagte sie, wäre ein Muster der strengsten Tugend.
"Wie kommt sie aber auf dieses Teater? und auf welchen andern ist sie schon gewesen?"
"Noch nie auf einem!"
"Nie auf einem Teater?"
"Nie, auf einem öffentlichen. Ich allein verleitete sie mutwillig zu diesem Schritte; gegen ihren Willen, obgleich nicht gegen ihre Neigung. Ihr Vater war, als ich sie an einem Deutschen hof kennen lernte, vor Kurzem gestorben. Ich nahm sie mit mir, dass sie in Italien die grossen schulen der Musik kennen lernen möchte."
Dann wiederhohlte die Herzogin voll Entusiasmus, mit weit mehr Beredtsamkeit, einen teil von dem, was sie H i l d e g a r d e n in Parma gesagt hatte. Ihre Erzählung war durch die Tatsachen und den Erfolg so wahrscheinlich, dass der junge Lord glaubte und erstaunte.
Er bat um erlaubnis, sie nach haus begleiten zu dürfen.
Sie fanden ihren Gemal in Gesellschaft mit zwei Künstlern, einem Italiäner und einem Deutschen, denen er einige ihrer besten Gemählde abgekauft hatte. Als sie sich zur Tafel setzen wollten, fand zu allgemeiner Freude auch H i l d e g a r d sich ein, und bekam ihren Platz zwischen dem Lord und der Herzogin.
Man sprach bald über die Erziehung und Bildung der Künstler in Rom, über die Urteile des Publikums, und über die immer entscheidenden Stimmen.
Die beiden Meister beklagten sich bitter über Ränke und Kabalen; und erzählten drollichte Anekdoten.
Dann sprach man über die vorzüglichsten lebenden Künstler, und die Hauptwerke, durch welche sie ihren Ruhm erlangt hatten; und verglich sie mit denen im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, und mit den Antiken. Die Laien sagten frei und edel ihre Meinung.
H i l d e g a r d machte mit reizender Bescheidenheit über das, was sie gesehen hatte, die feinsten und richtigsten Bemerkungen, worin lebendige Empfindung und geübter Verstand entzückend schön vereinigt waren. Die Künstler hörten dem unvergleichlichen Sänger, von dem sie so etwas nicht erwarteten, mit Vergnügen zu; und dem Lord schwoll die Brust noch höher von leidenschaft.
Auch er sprach dann mit der Suada der Liebe von dem gegenwärtigen Griechenland, von Kleinasien, und seinen Reisen durch beide Länder; er rühmte C h o i s e u l s Eifer, und glänzte mit dem gebildetsten Geschmack, wie mit den gründlichsten Kenntnissen.
Die Zeit schwand