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; und ich schämte mich meiner Verwegenheit, den grössten aller Helden, auch nur als verliebten Jüngling in Frauenzimmerkleidung, darzustellen. Wie weit muss in Ihren Augen der sanfte zierliche M e t a s t a s i o hinter Ihrem H o m e r zurückgeblieben, und wie leichtsinnig ich Ihnen vorgekommen sein! Zu seinem und meinem Glück sind die heutigen Römer so zahm geworden, dass Ihnen solche heroische wilde Gefühle ganz fremd sind."

Sie sagte diess in der besten Londoner Aussprache, mit einem solchen Feuer, und so schnell, dass der Lord erstaunte, und augenblicklich wieder anfing, über ihr Geschlecht zu zweifeln.

Unterdessen hatte der Küster die Herzogin eingehohlt. Sie wendete sich um, und erblickte den Lord bei H i l d e g a r d e n , eben als er sie fragte: "Wie lange sind Sie in England gewesen? So leicht und vortreflich hat unsre Sprache noch kein Italiäner gesprochen."

Die Herzogin rief und winkte beide herbei, weil sie ganz richtig dachte, das würde eine geschichte geben.

Der Lord zögerte; H i l d e g a r d aber eilte zu ihr hin, und antwortete nur, ganz als Italiäner: "Ich kam in früher Jugend, wo die Organe noch geschmeidig sind, nach London; und der gewaltige Trieb, die Sprache der ersten Nazion auf der Erde zu sprechen, machte, dass ich die meinige fast vergass."

Die Herzogin kam ihnen auf halbem Weg entgegen. "Verzeihen Sie, Herzogin," stammelte der Lord verwirrt: "das glücklichste Ungefähr –" Die Wangen glühten, die Augen flammten ihm.

"Es freut mich, erwiderte die Herzogin, dass wir uns endlich alle drei zusammen finden, was so oft mein Wunsch gewesen ist."

Der Antiquar fuhr in seiner Erklärung fort, und wiederhohlte, wie kostbar, schön und zweckmässig das Dachwerk des ungeheuren Wundergebäudes sei; und welche Päpste, welche Architekten im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert sich dadurch verewigt hätten. Dann erzählte er, wie die Pfeiler der Kuppel gesunken, ein Riss in dieser entstanden, und der starke eiserne Reif darum befestigt worden wäre.

Der Küster fuhr fort, und beschrieb den Knopf der Kuppel. Vier bis fünf Personen, sagte er, könnten geräumig darin stehen, so klein er auch unten auf dem platz aussähe; und alle Englische Damen, die hieher kämen, stiegen hinein.

"Die Verhältnisse," sagte der Antiquar, "sind bei jedem teil auf ein Haar berechnet; und diess macht, dass das Ungeheure nirgends hervorspringt und auffällt, so bald man einigermaassen das Ganze übersieht."

Dabei kam die Gesellschaft in das Geländer oben auf der Kuppel, und genoss der schönsten Aussicht über Rom hin in die weite herrliche Gegend, und bis an das Seegestade. Von Griechenland her wehete heiter ein gelinder Ostwind.

Jetzt drängte die Herzogin den Lord nach der andern Seite voran, um ein Wort mit ihm allein zu sprechen, und zu hören, was er von P a s s i o n e i denke. H i l d e g a r d e n wandelte, indess der Antiquar anfing, ihn zu unterhalten, die Lust an, auf die Leiter zu steigen, die nach dem Knopfe führt; und in Gedanken schritt sie eine Sprosse nach der andern weiter, bis sie endlich an die schmale Oefnung kam.

Der Lord wollte sich noch nicht über P a s

s i o n e i auslassen, und langte das Geländer herum gerade unten bei dem Türchen an, dem Eingang zur Leiter, als H i l d e g a r d den Kopf eben in den hohlen Raum steckte, und sich nun empor hob, und mit den Füssen hinein schritt.

Er versäumte die gelegenheit nicht, und stieg

schnell hinter drein. H i l d e g a r d wollte, als sie kaum einige Namen gelesen hatte, wieder zurück; aber jetzt war er schon mit halbem leib hinter ihrem rücken.

Sie erschrak, als sie bei einer plötzlichen Wendung

ihn erblickte; doch konnte sie ihn jetzt nicht wohl mehr aufhalten. Zwar sagte sie, hastig bittend: er möchte sie erst hinunter lassen; aber in dem Augenblick stand er schon vor ihr. Ihr Mantel, in welchen sie sich fest wickelte, flog mit einem Riss aus einander; und so waren ihre arme, ihre Weste und Halskrause dem Gierigen ein schwacher Widerstand. Er fasste entzückt die lieblich warmen herblich zarten schönsten Formen des Gefühls, die er bald von aller Hülle freigemacht hatte.

Sie schrie und rief, und suchte sich los zu winden; ihr war, als ob der Satan sie in Händen habe, aber Satan der Engel des Lichts.

"Wundergeschöpf! Wir müssen Eins werden; so wollen es natur und Schicksal!" Diess flog unter Kuss auf Kuss voll Zärtlichkeit aus seinen Lippen.

Die Herzogin war schon an der Oefnung, H i l d e g a r d e n zu hülfe zu kommen, und rief dem Lord zu: er sollte sich mässigen; aber er liess sich nicht stören, und flisterte: "Besänftige Dich! sei gut und hold! Mein Herz und Geist, alle meine Sinne, mein Leben hängt an Dir; ich bete Dich an. Dein Geschlecht war mir den ersten Augenblick, als ich Dich sah, nicht verborgen."

H i l d e g a r d weinte vor Scham und Zorn.