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und konnte sich auch nachher nicht gleich wieder davon erhohlen. Sie wusste nicht, woher das Wort kam. Der Engländer war ihr freilich jederzeit in die Augen gefallen, und sie sah seinen schönen Kopf gern, so wie die noch schönern Augen, welche so voll Seele Acht gaben und auf ihr Spiel lauerten. Sie dachte einen Augenblick, die Herzogin oder ihr Gemal müssten sie verraten haben; doch verwarf sie diesen Argwohn bald.

Als die Gefahr mit T r a e t t a überstanden war,

glaubte sie endlich das Natürlichste: es habe ein feiner Lobspruch sein sollen.

Bei den Abendmahlzeiten, und am folgenden Mor

gegen in den Kaffeehäusern, urteilte man über die Oper ziemlich eben so wie das Orchester. Von P a s s i o n e i aber sagte man: er sei ein Phönix von Sänger; alle wesentlichen Eigenschaften vereinigten sich bei ihm in hoher Vollkommenheit.

Bei der zweiten Vorstellung gefiel alles weit mehr;

man übersah nun das Ganze, und erwartete mit Begierde den dritten Akt. Die erhabne tragische Scene zerriss das Herz nicht mehr so stark, und tat nur lieblich weh; der Beifall war daher froher, besonnener und allgemeiner. H i l d e g a r d s Blicke bewachten fein, doch nicht unbemerkt, den jungen Lord. Sein Herz schlug ihr in vollen Flammen entgegen; doch betrug er sich sehr verständig.

Den Vormittag darauf kamen die drei Unternehmer des Teaters zu ihrem Abgott P a s s i o n e i , schütteten einen Haufen schöner vollwichtiger Zechinen auf eine Tafel, zählten ihm achtundert Stück vor, die er gegen Quittung in Empfang nahm, und sagten ihm, dass der Rest beim Schluss des Karnevals erfolgen würde. Sie wollten zugleich für das nächste Jahr einen Kontrakt mit ihm schliessen; er liess sich aber noch nicht ein, ob er gleich ihnen hoffnung machte.

Als sie fort waren, tat H i l d e g a r d dreihundert Zechinen in einen Beutel, rief F a n n y 'n, und drückte ihr denselben, zum Lohn für ihre Treue und Verschwiegenheit, in die Hand. Das übrige Geld schloss sie ein.

Mittags speiste sie bei der Herzogin, welche mutwillig darüber scherzte, dass die Römer sich klüger als alle Welt dünkten; und den Nachmittag fuhr sie zu einem Banquier, den ihre Freundin ihr als den sichersten empfohlen hatte, um für die andern fünfhundert Zechinen einen Wechsel zu kaufen.

P a s s i o n e i kam vor dessen Haus, nahe bei der

Villa Aldobrandini, und stieg, als die Tür geöfnet wurde, noch in Gedanken verloren, aus dem Wagen. Man führte ihn in ein Zimmer, undwelche angenehme Ueberraschung! – dieselbe junge schöne Römerin, von der er bei seiner Ankunft unweit des Ponte Molle bewillkommt worden war, kam ihm freundlich entgegen.

Sie errötete, als sie den Sänger empfing, der sie,

wie noch kein Mensch, gerührt hatte. Ihre Augen waren wirklich s c h ö n e Gestirne der L i e b e , wie es in der Arie heisst, und die natur schien sie aus den reinsten und heissesten Sonnenstrahlen gebildet zu haben; ihre Blicke loderten von unwillkürlichem Feuer.

Auch sie war überrascht von der Zusammenkunft;

und ehe sie noch fragte, was sein Begehren sei, dankte sie ihm mit abgebrochnen Worten für das unaussprechliche Vergnügen, das er ihr als Achill gemacht habe.

Indessen kam ihr Bruder, der Banquier. P a s

s i o n e i sagte in wenig Worten sein Verlangen, welches sogleich erfüllt werden konnte. Er schrieb dem Banquier den Namen Kapellmeister L o c k m a n n auf, zählte ihm die fünfhundert Zechinen vor, und blieb dann wieder mit der schönen Römerin allein, weil der Bruder wegging, ihm den Wechsel auszufertigen.

Sie erzählte ihm geschwind ihr Familienverhältniss. Vater und Mutter wären gestorben. Ihr Bruder sei das älteste Kind vom haus; seine Frau lege so eben einen Besuch ab; und zwei ältere Schwestern wären verheuratet: eine in Ancona, die andre in Neapel. Dabei war sie so gut, so freundlich, mit Einem Wort: in P a s s i o n e i verliebt.

H i l d e g a r d fühlte hier zum erstenmal etwas von dem Uebernatürlichen der S a p p h o . Sie ward blass; ihr Herz schlug, dass sie Mühe hatte, es zu verbergen, und ein Seufzer nach dem andern drängte sich aus ihrer Brust hervor. Der blick der himmlischen Unschuld flammte auf sieach! – wie eine zärtliche Umarmung. Sie konnte sich nicht entalten, als sie neben dem schönen Mädchen am Fenster stand, dessen zarte Hand zu fassen, und an ihre Lippen zu drükken. Und das Mädchen liess es lächelnd geschehen, als sie sich nur ein wenig geweigert hatte.

Der Bruder kam darüber wieder, und brachte den Wechsel, der auf die Gebrüder B e t h m a n n in Frankfurt am Mayn gestellt war.

Jetzt fing auch er an, P a s s i o n e i 'n Lobsprüche zu machen, und erzählte dabei, dass E u g e n i a – so hiess die Schwesterebenfalls sänge, und seine Art und Manieren nachzuahmen gesucht hätte. Sie schlug bescheiden die Augen nieder, und sagte: "Warum musst Du meine Verwegenheit dem Unerreichbaren entdecken?"

Er erwiderte: "Vielleicht