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Tenorist zuerst bewundert, aber noch mehr der Meister.

Das Lied der Pyrrha: Se un core annodi, erregte allgemeinen jubel. Doch der Kern des Ganzen: Ove son? che ascoltai? machte den stärksten Eindruck. Der Tenorist und H i l d e g a r d wetteiferten; sie war aber unendlich mehr der Griechische Held, und liess sich von seinem Teatralischen nicht missleiten. Das Erstaunen des Lords stieg bis zum höchsten Entusiasmus; er wusste selbst nicht mehr, was er über das Geschlecht der person denken sollte, da er noch keinen Musico genau und oft beobachtet hatte. Gesang, Begleitung und Aktionalles täuschte ihn, wie antik, wie natur. Er rief ihr auch nach der vorübereilenden Arie:

Dille, che si consoli,

Dille, che m'ami;

so stark zu: Bravissimo Achille! dass H i l d e g a r d nach ihm blicken musste, und die Blitze der Augen in einander flogen. Der Lord war ein schöner junger Mann, und hatte selbst etwas Griechisches in seinem kopf, besonders in den runden braunen von natur gelockten Haaren.

Nach dem zweiten Akt war ein Toben und Lärmen der Bewunderung, dass man sein eigenes Wort nicht hören konnte; selbst das neue Ballet, die Einschiffung eines Französischen Regiments zu Toulon nach Amerika, brachte lange keine Stille zuwege.

Das

Tornate sereni

Begli astri d'amore!

im dritten Akt, übertraf aber an wirkung alles Andre bei weitem. Auch zeigte H i l d e g a r d darin, von dem allgemeinen Beifall begeistert und hingerissen, und nun freier, mutiger, die Gewalt und Fülle ihrer Kehle, und den Reichtum ihrer Kunst am meisten. Nichts regte sich vor unaussprechlicher Lust. Sie machte Läufe und Stürze und Sprünge von drittehalb Oktaven, und schlug Nachtigallenreine Triller.

Am Ende der Arie richteten sich alle Gesichter mit bittenden Bewegungen nach der Loge des Gouverneurs, weil nur er in Rom das Recht hat, wiederhohlen zu lassen. Der strenge Mann rief auch zu allgemeinem Frohlocken, nach undenklicher Zeit zum erstenmal wieder: Ancòra!

Aber man traute seinen Ohren kaum, als der Gesang anfing, und man etwas ganz anders zu hören meinte. Da waren keine Flüge und Sprünge, sondern die lautersten einfachsten Accente wahrer Empfindung, die natur durchaus in der höchsten Unschuld. Besonders der zweite teil:

O Dio, lo sapete,

Voi soli al mio core

Voi date, e togliete

La forza, e l'ardir;

presste auch den Kältesten Tränen aus: so wahr hatte man die zärtlichste Sprache der Liebe noch nicht gehört.

Eine edle Schönheiteben die, welche H i l d e g a r d e n bei ihrer Ankunft in Rom vor dem Ponte Molle anhieltrief dazwischen unwillkürlich, nach einem starken Seufzer, mit lauter stimme aus: "So hat mich noch kein Mensch gerührt!" Ihre Nachbarn mussten, lachen; fühlten aber dasselbe.

Ein uralter, längst vergessener, Kapellmeister mit schneeweissen Haaren, noch aus L e o ' s zeiten, konnte sich ebenfalls nicht entalten, dazwischen auszurufen: "Das ist der wahre Gesang; der greift ans Herz, und ist kein Spiel der Phantasie!"

Jeder Ton war ein elektrischer Schlag, und Parterre und Logen eine Flut von göttlichem Gefühl.

O, wie glücklich war H i l d e g a r d , als sie diess sah! sie hätte ihr Talent nicht für Zepter und Kronen vertauscht. Selbst Mutter und Bruder würden ihr die Ausschweifung vergeben haben, wenn sie zugegen gewesen wären. Ihren L o c k m a n n wünschte sie guterzig her nach Rom, in den Taumel der Bewunderung.

Die Herzogin schrieb ihr in der Loge: sie müsse diese Nacht bei ihr essen. Ach, viele Damenverlangten heftig P a s s i o n e i ' n dasselbe zu schreiben. Der Herzog überbrachte das Billet seiner Gemalin; er wartete, bis H i l d e g a r d sich umgekleidet hatte, und nahm sie dann gleich mit in seinen Wagen.

Die D**** fiel über sie her, und erdrückte sie fast vor Liebe. "O, wenn Jemand für das Teater geboren ist: so bist Du es gewiss, mehr als G a r r i c k Deines Geschlechts!"

Man hält in dem land des Improvisirens die erste Vorstellung nur für die letzte probe; daher stiegen an den zwei folgenden Tagen die Billete noch höher. P a s s i o n e i erschien immer mit neuen Reizen, und ward vergöttert, angebetet. Nach und nach senkte sich das Stürmische der ersten Empfindungen in einen klaren See von allgemeinem Urteil. "Es gab seines gleichen nicht, und er übertraf alles, was man gesehen und gehört hatte." Kenner nannten die Musik ein Meisterstück; der Vater P a s s i o n e i , sagten sie, habe gezeigt, wie ein Mann von Genie reformiren müsse, und sei nicht barbarisch, wie G l u c k , zu Werke gegangen. Der Ausdruck herrsche bei der Der grosse Haufe der Römer schwärmte inzwischen Der Lord erfuhr gleich den zweiten Tag P a s s i o n e i ' s kurze geschichte, die bald allgemein bekannt wurde. Niemand dachte weiter darüber nach; ihm allein kam sie verdächtig vor. Er hatte in London, von wo er freilich schon seit drei Jahren abwesend war, nie etwas von