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l d e g a r d nahm mit ihrem gefälligen Wesen und sinnvollen Ausdruck bald alle für sich ein, so wenig Besonderes sie ihnen auch sagen konnte, da sie ihre Eigenschaften und Verhältnisse noch nicht kannte. Sie ass und trank wenig, und bemerkte für sich die Teatersitte, undso viel davon zum Vorschein kamdas Eigne von denen, die sich auszeichneten.

Den Abend machte sie die Höflichkeitsbesuche bei den Herren, die das Teaterwesen unter sich hatten; ihnen gefiel H i l d e g a r d s reizende Figur und ihr bescheidnes, doch edles Betragen ungemein. Die nächstfolgenden Abende fuhr sieimmer von dem Unternehmer begleitetzu den Römischen Damen und Vornehmen, die in der Musik den Ton angaben. Diese baten, um etwas von H i l d e g a r d s stimme und Metode zu hören, dass sie einige Kleinigkeiten, Lieder von M i l l i c o , Rondos von S a r t i und C i m a r o s a , singen möchte. Sie tat es, obgleich nachlässig und ohne Anstrengung, zu allgemeiner Bewunderung, besonders der Damen. Dabei erzählte der Unternehmer immer ihre geschichte mit neuen Veränderungen und Zusätzen.

Erst als dieses beschwerliche Geschäft glücklich vollendet war, ging H i l d e g a r d , und zwar des Nachts, zu der Herzogin, die weit von ihr auf dem Spanischen platz wohnte. Diese erzählte ihrer Freundin Wunder, was für Eroberungen sie schon gemacht, ohne dass man den geringsten Verdacht wegen ihres Geschlechtes hätte.

Gerade den achten Tag nach H i l d e g a r d s Ankunft in Rom sollte Abends die erste probe gehalten werden. Sehr viele Menschen hatten den neuen Sänger auf seinen Spaziergängen nach dem Vatikan und in die nahen Palläste, so wie auf seinen Spazierfahrten nach den entfernten, und nach den Villen, schon gesehen und gesprochen. Alles brannte nun vor Verlangen ihn auch singen zu hören. Der ganze Platz vor dem Teater stand gedrängt voll. Ungeachtet des strengsten Befehls, niemanden vom volk hinein zu lassen, drohten die Verwegensten, das Tor zu erbrechen, wenn man es nicht öfnen wollte. Es war das wütendste Geschrei und Getümmel.

P a s s i o n e i zeigte sich endlich auf einem Balcon; und man gebot Stille, um zu hören, was er sagen würde.

"Meine Herren," erscholl weit und breit die süsse helltönende stimme, "wir dürfen für uns nicht tun, was Sie verlangen, so gern wir auch wollten. Haben Sie aber Geduld! Ich werde sogleich zum Gouverneur fahren, ihn dringend bitten, und, wie ich hoffe, bald mit der erlaubnis wieder hier sein."

"Es lebe der Freundliche, Gute!" rief alles aus Einem mund.

Wie gesagt, so getan. Man hielt sich ruhig, bis er durch dringende Vorstellungen und einnehmende Bitten die gewünschte erlaubnis erhalten hatte, und glücklich wiederkam. Das Tor ward geöfnet, und die Menge strömte nun unter jubel in Parterre und Logen.

Nichts regte sich mehr, sobald das Orchester die Symphonie anfing. Sie gefiel, nebst dem Kontretanz und dem Chor, gleich ausserordentlich.

H i l d e g a r d - P a s s i o n e i sang darauf seine Scenen und Arien meistens nur sotto voce, zeigte aber bei einzelnen schweren Stellen die ausgebildetste Kunst einer reinen tonvollen Kehle. Er hatte sich für die achtzehn bis zwanzig Vorstellungen der Oper schon seine Oekonomie eingerichtet; und der rauschende Beifall bei jenen schweren Stellen lockte ihm nur wenig mehr ab, als er geben wollte.

Der beliebteste Kapellmeister in Rom, ein junger Mann in die dreissig, dirigirte. H i l d e g a r d selbst aber gab fast immer das Tempo an, liess wiederhohlen, was nicht ganz nach ihrem Sinne ging, zeigte, jedoch gefällig und bescheiden, den rechten Vortrag; und man folgte gehorsam ihrer bessern Einsicht. Sie erstaunte über die vorher unerkannte wirkung ganzer Scenen in dem weiten raum des grossen Teaters, und bewunderte L o c k m a n n ' s zweckmässige Kunst: die kühnsten Striche gleichsam al Fresco, und die herbsten Dissonanzen in den entschiedensten rührungvollsten Ausdruck verschmolzen. H i l d e g a r d war oft bei S a c c h i n i ' s Proben in London zugegen gewesen; sie liess sich daher von der Menge nicht stören, sondern sprach und handelte wie ein erfahrner Meister.

Kurz, die erste probe fiel äusserst gut aus. Alle Zuhörer fanden in der ganzen Oper nichts Mittelmässiges, sondern jede Scene ungewöhnlich ausgearbeitet; und die feinsten Kenner bewunderten einen Reichtum klassischer Schönheiten, und den durchaus originellen grossen Styl. Bravone il Maestro! bravissimo Passionei! erscholl oft von einzelnen Stimmen da und dort.

Am allgemeinsten bewunderte man: Se un core annodi; und die Scene: Ove son? che ascoltai? – Dille, che si consoli. Aber bei Tornate sereni begli astri d'amore! konnte man das Entzücken und den jubel nicht bändigen. Eine rührende stimme bat im Namen Aller schmeichelnd um Wiederhohlung. P a s s i o n e i liess sich auch gefällig finden, und zeigte nun, was er vermochte. Man hatte nie etwas Göttlicheres gehört, und gestand sich einander mit Zähren der Wonne in den Augen, dass er in Bravour und Ausdruck gleich stark sei, und alle