1795_Heinse_036_153.txt

sollten, wie man doch, da Du erst so kurze Zeit von haus weg bist, gar nicht erwarten kann: so erkennen sie Dich unter der Travestirung zuverlässig nicht, und finden höchstens nur sonderbare Aehnlichkeit. Das Teater und die nächtliche Beleuchtung verändern übrigens so sehr, dass oft der Freund seinen Freund nicht erkennt. – Und bedenke den Ruhm, wenn es gelingt, woran ich gar nicht zweifle! – Von T r a e t t a ' s Sophonisbeich will meinen Kopf darauf verwettenweiss Niemand in Rom eine Note und Sylbe. Wir können sogleich eine probe an dem Unternehmer machen. Das Geld teilst Du, heilige Cäcilia, unter die Armen aus. Ich habe mächtige Freunde in Rom; doch werde' ich mich bis auf die Letzt unbekannt halten. Die Gefahr ist auf jeden Fall nicht gross. – Auch alles dieses bei Seite gesetzt: warum soll der öffentliche Unterricht auf dem Teater, der oft so viel wirkt und so tief eindringt, immer Lohnbedienten, und nicht selten Personen von den verderbtesten Sitten überlassen werden, und Männern oder Frauenzimmern aus den höhern Klassen von ausnehmendem Genie und der ausgebildetsten Kunst versagt bleiben! Es ist Zeit, einmal ein untadelhaftes reizendes Beispiel zu geben."

H i l d e g a r d sank bei diesen Reden auf einen Sopha, und stützte ihren schönen Kopf nachdenkend auf den rechten Arm.

Die Herzogin fuhr fort: "In Frankreich ist durch ein Gesetz entschieden, dass auch eine person vom ältesten Adel, die sich dem Teater widmet, dadurch nichts von ihren Vorzügen und Rechten verliert. König L u d w i g d e r V i e r z e h n t e hat sich selbst auf dem Teater gezeigt. Sollte sich ein junges schönes Deutsches fräulein, voll Leben, Geist und Talent, erniedrigen, wenn es auf einer Reise im Vorbeigehen mutwillig den Römern durch Kontrast ihre Torheit darstellte? Eine H i l d e g a r d ist von der natur dazu bestimmt, noch lange Zeit das Auslesen unter den edelsten Männern aller Nazionen zu haben. Ich wüsste nicht, was ich täte, wenn ich an ihrer Stelle wäre. – Und T r a e t t a ' s Oper? – die wollen wir n a c h dem Achill geben. Es ist endlich einmal Zeit, die alten Meisterstücke nicht vermodern zu lassen, und sie wieder aufzuführen, wenn die neuen Ernten schlechten Ertrag geben. Sollte auchwas doch gar nicht zu befürchten istein musikalischer Cerberus in Rom den Schatz bewachen: so ist er doch für die übrigen hundert und sechzig tausend Seelen gewiss ganz neu. Und übrigens wird jeder Vernünftige die Entschuldigung des geschmackvollen Betrugs für gerecht erkennen. – Ferner soll L o c k m a n n seinen verdienten Preis erhalten. Was kann er mehr verlangen, als dass sein erstes Werk in Rom aufgeführt, und von einer H i l d e g a r d gesungen wird! Wir brauchen kein Geld. O, wenn eine neuere dürftige F a u s t i n a so auftreten könnte! Es entschiede ohne allen Zweifel für das Glück ihrer übrigen Laufbahn. Ein Wunder, dass der schöne kühne Gedanke noch keiner eingefallen ist! – Und endlich, Kind, kann alles verborgen bleiben; es ist leicht so einzurichten, dass selbst Deine Kammerjungfer nichts davon erfährt. – Damit der Unternehmer von der Sophonisbe nicht nachteilig denke: so soll er, anstatt dafür zu bezahlen, die Einnahme von einer Vorstellung derselben geben."

Der Herzog hatte stillschweigend mit vieler über

legung zugehört, und sagte nun: "Der Gedanke ist kühn, aber schön, edel, wenn er glücklich ausgeführt werden kann. Ich mag freilich nichts damit zu tun haben; doch will ich alles Mögliche beitragen, wenn die Sache ins Missliche geraten sollte, sie wieder gut zu machen."

Die Herzogin erwiderte in dem Schwung und

Eifer, worin sie nun einmal war: "O, es kann nicht anders als gut gehen."

H i l d e g a r d schwieg noch eine Weile, und be

deckte mit den zarten Händen die schönen Augen, aus denen der Trieb ihres Herzens gewaltig hervorstrahlte. Die D**** hatte ganz aus ihrer Seele gesprochen, und alles, was sie von ihrem L o c k m a n n wusste, stimmte damit überein. Endlich sagte sie unentschieden und leise: "Gewiss, der Zeitpunkt zur Tat ist da; doch das Unternehmen gefährlich. Wir müssen es noch reifer überlegen."

Die Herzogin sagte zum Beschluss: "Was von fern wie Gefahr aussieht, ist in der Tat oft keine, sondern ein Vergnügen."

Den andern Morgen war der Unternehmer wieder bei ihnen. H i l d e g a r d versprach ihm noch nichts; doch liess sie sich Signor Passionei nennen, und hoffnung von sich blicken.

Sie gingen mit ihm den Achill durch, der ihn entzückte und bezauberte. Dann auch die Sophonisbe, von der H i l d e g a r d noch am vorigen Abend vor dem Schlafengehen den Namen des Komponisten weggerissen hatte. Er setzte die erhabne Scene darin über alles, was er kannte; doch hielt er die Oper im Ganzen bei weitem nicht für ein so vollkommnes Kunstwerk, als die erstere. – An T r a e t t a dachte er dabei mit keinem Gedanken. Er liess nicht ab mit Bitten, dass der junge