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t e i n e r und S t r a t u a r i u s , die bei einigen Familien immer vom Vater auf den Sohn kommen, nicht veräussert werden dürfen, und folglich immer in dem Orte bleiben. Der äterreine, gewölbtvolle, süsse Kapweinklang des vortreflichsten unter allen Instrumenten bringt hier auch immer Virtuosen hervor, und die Reisenden bewunderten mehrere edle junge Herren, die mit grosser gefälligkeit ihretwegen einen Wettstreit hielten.

Sie setzten über den königlichen Po, den Rheinstrom von Italien. H i l d e g a r d konnte der Begierde kaum widerstehen, sich hinein zu stürzen, wie eine Najade durch seine Quellenwasser zu gaukeln, und sich mit ihm zu vermählen.

Den andern Morgen, als sie zu Parma angekommen waren, wallfahrteten sie sogleich zu C o r r e g g i o ' s Zaubereien; spielten in Lust und Vergnügen mit dem heitern Knaben Jesus auf der Flucht nach Aegypten; vergossen Tränen mit der in den tiefsten Schmerz versunknen Magdalena bei dem vom Kreuz abgenommenen Geliebten im Schoosse der erblassenden Mutter, und schwebten mit dem Verklärten in den Höhen des himmels.

Den Nachmittag weideten sie Herz und Auge an der Erscheinung der Madonna mit dem Kleinen bei dem heiligen Hieronymus. O, wie so lieblich der holde Knabe mit dem zarten Händchen in den blonden Locken der schönen Magdalena spielt! Der Herzog sagte scherzend: er möchte wohl mehr als eine Ewigkeit mit der Magdalena beisammen sein. Die Herzogin bemerkte unterdessen, dass die Kinder der Lombardei an Schönheit und Lebhaftigkeit alle andern überträfen, und dass T i z i a n und C o r r e g g i o die göttlichsten Modelle gehabt hätten. Mit einem schmachtenden blick gegen Himmel erbat sie sich einen solchen Engel. H i l d e g a r d stand schwebend in dem lichten See von Schönheit.

Die Sonne senkte sich schon nach den Alpen hinab, als sie noch das alte jetzt ungebrauchte Teater besahen. Sie massen es mit ihren Schritten, und fanden es gerad' in zwei gleiche Teile geteilt: funfzig Schritte des Herzogs nahmen die zwölf Bänke und die achtzehn Logen, jede mit Toskanischen Säulen ein; und funfzig die Bühne. Die grösste Breite hielt ihrer vierzig. Für Scenen zur See konnte es drei Fuss unter wasser gesetzt werden. Es gefiel der ganzen Gesellschaft ungemein; der Herzog und die Herzogin wünschten es nach London.

H i l d e g a r d war aus geheimer Lust auf der Bühne geblieben, indess ihre Freundin, und, ausser andern Personen, die sie hinein begleitet hatten, auch ein Unbekannter auf die hintersten Logen stiegen. Die Herzogin rief ihr zu: sie möchte einige Töne singen, damit sie vernähme, wie es für die Zuhörer ausfiele.

Sogleich trat H i l d e g a r d an das äusserste Ende, und gab leise das zweigestrichne C an. Der Ton flog süss und rein durch den ganzen Raum. Sie gab ihn noch einmal leise an, schwellte ihn bis zu einer beträchtlichen Stärke, und liess ihn allmählich sinken, dann langsam verschwinden, und zwar mit einer solchen Festigkeit und klarheit, dass alle Anwesenden erstaunten.

Bravissimo, bravone! rief der Unbekannte, ganz ausser sich.

Sie trat etwas hervor, und machte erst einen leisen Lauf, dann einen stärkeren, dann einen in weitem Umfang und mit der grössten Fülle. Es war, als ob bei einem majestätischen Gewitter Blitze zum Einschlagen am Himmel flammten.

Sogleich erhob sich ein jubel von Beifall, worüber H i l d e g a r d vergnügt lächelte.

Der Unbekannte sagte vor sich: "Wer ist der Musico, der unter allen, die ich je gehört habe, bei weitem die vortreflichste stimme hat, dass ich ihn nicht kenne!"

Die Herzogin betrachtete ihn aufmerksamer; er war ein wohlgewachsner Mann in den Vierzig, mit geistreicher Physiognomie, schönen grossen Augen voll Feuer, und, nach seiner Kleidung zu urteilen, von Vermögen.

Sie rief H i l d e g a r d e n zu: Se un core annodi! H i l d e g a r d sang es zum Entzücken.

Die Herzogin rief weiter: Tornate sereni! – Die Welschen Herzen brannten, und konnten ihren Rausch von Beifall nicht bändigen.

Der Unbekannte fragte in loderndem Entusiasmus die Herzogin: "Ist er auf das Karneval schon versprochen? Wer ist der göttlich schöne Jüngling? Er fällt mir wie vom Himmel."

H i l d e g a r d fing inzwischen, ihrer Seits ebenfalls voll Entusiasmus, an, das erhabne Recitativ zu deklamiren: Dove son? che m'avenne? Ihre Action dabei war die natur der leidenschaft selbst. Die Herzogin hatte während dessen Zeit eine ganze zusammenhangende geschichte für den Unbekanntenden Hauptunternehmer des Teaters Argentina zu Romauszudenken. Der erste Sänger, welchen er für das nächste Karneval angenommen hatte, lag in Turin gefährlich krank, und er reiste nun herum, einen andern aufzusuchen. Das von H i l d e g a r d e n gesungene Recitativ bestärkte ihn vollends in seinem Entschlusse, diesen Sänger anzunehmen, es möchte auch kosten, was es wollte; und wenn er sich auch schon anderswohin versprochen hätte.

Er kannte den Achill von M e t a s t a s i o sehr

wohl, und auch die Musik dazu von verschiednen Meistern; aber diese übertraf bei weitem alle andren, und war ihm ganz neu. Er