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Amphiteater in Trümmern. Ueberhaupt ergötzt das Spiel auch noch so gut nachgemachter Ruinen nur wenige Tage und Stunden. Die Evidenz des Unnatürlichen und Unzweckmässigen ist für Verstand und Sinn zu auffallend.

H o h e n t h a l . Aber nichts desto weniger kann man Bäche rauschen lassen, wo sie von natur nicht rauschen; Brunnen springen lassen, um die Luft zu erfrischen, ohne Issland gesehen zu haben, wo die Quellen von selbst so ungeheuer hoch springen sollen; und die Pfirsich- und Aprikosenbäume an die Wände ziehen und pfropfen, um köstlichere Früchte zu erhalten. – Auch das erhebt den Menschen, dass die natur ihm dienen muss, und ist gar kein schlecht Gefühl; wenn er nur ein guter und verständiger Herr ist.

H i l d e g a r d schwieg zu diesem allen, um ihr geheimnis nicht zu verraten; nämlich alle Kunst und Feinheit so viel wie möglich zu verbergen.

Sie sonderte sich unvermerkt mit dem jungen Meister von der Gesellschaft ab, wandelte mit ihm durch die schattigsten Gänge, und liess sich in ein trauliches Gespräch ein. Frau v o n L u p f e n , sagte sie, sei ihre Gespielin von Kindheit an gewesen; und noch ihre beste Freundin, von vortreflichem erprobten Charakter. Ihr Gemahl, hiesiger Oberjägermeister, habe sie vor einem Jahre geheuratet; sie wäre vor kurzem aus dem Kindbette von einem reichen Gut in Schwaben zurückgekommen. Unglücklicher Weise habe sie dabei ihre schöne stimme fast gänzlich verloren, da sie vorher eine der besten Sängerinnen gewesen sei. Nichts desto weniger aber liebe sie noch die Musik mit Entusiasmus, und errege Bewunderung auf dem Klaviere; spiele die schwersten Sachen von den B a c h e n , M o z a r t , S t e r k e l und C l e m e n t i mit einer seltnen Fertigkeit, und habe sehnlichst gewünscht, mit ihm bekannt zu werden.

F e y e r a b e n d sei stark in der Griechischen und Römischen Litteratur, mache artige Deutsche Gedichte, vertiefe sich zugleich in die Philosophie, habe viel Herzensgüte, eine wesentliche Eigenschaft für seinen Stand, und nichts von Schulmeisterdünkel.

Dann sah sie ihn nach einer Pause von etwa hundert Schritten mit schüchternem freundlichen blick an, und sagte: "Wenn Ihre Geschäfte gestatten, die Woche wenigstens einmal zu uns zu kommen, um mir von Ihren Schätzen aus Italien etwas mitzuteilen, und ich einiges Unterrichts von einem so grossen Meister nicht unwürdig bin; so werden Sie von meiner Mutter und mir, jedoch ohne die geringste Zudringlichkeit, darum ersucht. Mein Bruder spielt ziemlich fertig die Geige, Herr F e y e r a b e n d die Bratsche; Sie könnten vielleicht manchen Abend, wo Sie nichts Besseres tun wollen, gesellschaftlich diesen Sommer bei uns zubringen."

L o c k m a n n antwortete: "Sie kommen meinem eifrigsten Wunsche, seitdem ich Sie sah und hörte, zuvor; nicht, um Ihnen Unterricht zu geben, sondern an Ihren Vollkommenheiten zu lernen und zu studiren. Hätte mir die natur nur einige Funken von der schöpferischen Kraft eines H ä n d e l , L e o und J o m e l l i verliehen, welche Schönheiten und Reize, welchen Reichtum fände ich da nicht für meine Kunst! Noch nichts auf der Welt, weder in Deutschland, noch in Italien, hat mich nur einigermaassen so zur Verehrung und Anbetung hingezogen."

Gewiss tat ihr diess von dem holden jungen Mann in ihrem inneren wohl. Sie nahm es aber, jedoch mit einer wie plötzlich entstehenden und wieder verschwindenden leichten Bewegung, einer Art von Rührung des schönen geistreichen Kopfes, bloss als höfliche gefälligkeit auf; und versetzte, indem sie nicht weit von sich die L u p f e n mit ihrer Mutter erblickte: "Wenn Sie Lust haben, so gehen wir gleich auf unsern Musiksaal."

"Mit Freuden!" war die Antwort.

Die Gesellschaft vereinigte sich wieder, und nahm den Weg dahin.

Im saal, welcher schön ausgetäfelt zur reinen Verstärkung des Tons fast eben so eingerichtet war, wie L o c k m a n n in Florenz N a r d i n i ' s Zimmer gesehen hatte, stand eins der schönsten Englischen Pianoforten, und, was ihn sehr freute, mit Pedal.

Er setzte sich gleich daran; probirte erst die einzelnen Töne und Tasten; tat einige Griffe, machte Läuft mit beiden Händen, dann überraschende Gänge von Harmonie, und brauchte dabei wie ein geübter treflicher Organist das Pedal; pries das ganze Instrument sehr, vorzüglich aber zur Begleitung, rühmte den Ton und die Gleichheit. Alle aber kamen darin überein, dass die Klavierinstrumente von dem Augsburger S t e i n angenehmer wegen Beziehung und Proporzion der saiten, Leichtigkeit des Anschlags und des Spiels über die Tasten wären.

Nur die Stimmung billigte L o c k m a n n nicht so ganz. Er meinte: es sollte in der gleichschwebenden Temperatur gestimmt sein. Jedoch sei diess das Unglückliche von dem Instrument überhaupt, und die grössten Meister wären hierüber noch nicht einig. Jeder Klavierspieler sollte billig sein Instrument leicht selbst stimmen können.

Frau v o n L u p f e n bat ihn inständig desswegen um Unterricht.

Er fuhr fort.

"Wenn der Klavierspieler ein ächter Freund der Musik ist, und reine Begriffe und Empfindungen liebt, so muss es ihm den angenehmsten Zeitvertreib gewähren