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gar keinen Reiz mehr.

Die Reise der beiden Damen war eine immerwährende Lustbarkeit. Frau v o n L u p f e n hatte den Weg oft gemacht, und ihre Bekannten beeiferten sich, H i l d e g a r d e n fest zu halten. Die Männer dünkte, nie etwas Schöneres gesehen zu haben; und doch sang sie nirgends: sie trieb nur, fort zu kommen, und gab auf dem letzten Drittel des Weges keinen Besuch mehr. Wenn sie einen Wagen hinter sich rollen hörte, so dachte sie immer, ihre Mutter und ihr Bruder wären darin.

Es schien ein höheres Wesen im Spiel zu sein. Den andern Tag, als sie auf dem Gute der Frau v o n L u p f e n angekommen waren, traf auch schon die Herzogin ein. Welche Herrlichkeit und Wonne! Die beiden Freundinnen konnten sich an einander nicht satt sehen, nicht genug küssen und umarmen; und alle drei wurden ein Kleeblatt. Frau v o n L u p f e n fand die Herzogin so recht nach ihrem Geschmack: gut, lebhaft, voll Geist, und fern von aller Ziererei. Sie hätte die neue Freundin gern den ganzen Winter bei sich behalten mögen; aber H i l d e g a r d ging bei ihrem Anliegen rasch zu Werke. Schon den andern Morgen, wo sie eine Unterredung mit der Herzogin allein hatte, ward beschlossen, dass sie in ihrer Gesellschaft den Winter, und vielleicht noch den Sommer, eine Reise durch Italien machen wollte. "Es wäre kindisch und einfältig," sagte die Engländerin, "Gefahren, oder wenigstens verdriesslichen Händeln, die wir vor uns sehen, nicht klug und vernünftig ausweichen zu wollen! schreibe das Deiner Mutter und Deinem Bruder. Sie werden nach und nach schon zufrieden sein, wenn sie sehen, dass sie nicht anders können; und wir ziehen über den Brenner in das gelobte Land. Sind die vortreflichsten Menschen im Unglück, dann sagt mancher Tropf: hätten sie nur dieses oder jenes getan! und doch würde er eben dasselbe vorher sehr bitter getadelt haben."

Frau v o n L u p f e n , auf die das Unangenehme des Entschlusses fallen musste, fand ihn etwas grell; doch ergab sie sich endlich aus zärtlicher Freundschaft. Damit der Weg dem Prinzen nicht verraten werden könnte, wurde ferner beschlossen, der Mutter zu melden: sie wären nach den Hierischen Inseln gereist, und wollten den Ueberrest des Winters in dem einsamen Nizza zubringen. Frau v o n L u p f e n versprach, das geheimnis getreulich zu verschweigen.

H i l d e g a r d studirte dann den Brief an ihre Mutter aus, und schrieb ihn den folgenden Morgen unter Herzklopfen. Sie erzählte alles von dem Prinzen, auch das Gespräch bei dem l'Hombrespiel, und erklärte, weshalb sie diess nicht sogleich entdeckt habe. Ueberhaupt schilderte sie den Prinzen als einen zweiten L o v e l a c e ; und setzte hinzu: ihr Geschlecht habe an Einem weiblichen Messias genug; sie wolle sich nicht zur zweiten Clarisse kreuzigen lassen.

Es koste ihr, hiess es in dem Briefe weiter, viel Ueberwindung, diesen Schritt zu tun; aber er sei notwendig. Uebrigens gelobte sie die untadelhafteste Aufführung an, und wiederhohlte die eignen Worte der Mutter. Endlich schloss sie mit der Aeusserung: Binnen einem halben Jahre würde sie hoffentlich ohne Gefahr wieder bei ihr sein können, wonach sie sehnlich verlange.

Beide Freundinnen fanden den Brief vortreflich; und Frau v o n L u p f e n versprach, ihn durch einen Kurier zur gehörigen Zeit nach Regensburg zu überschicken. "drei solche Weiber," sagte die Herzogin, "werden doch wohl mit einem Deutschen Prinzen fertig werden!"

Damit sie nicht übereilt würden, fuhren sie gleich den folgenden Tag nach Inspruck ab. Den Leuten im haus ward eine ganz andre Fahrt, und nur die nächste Stazion gesagt.

Wie auch die geistreichsten Weiber immer etwas, und zuweilen das Wichtigste, vergessen: so schrieb die D**** erst in Inspruck selbst an die Frau v o n H o h e n t h a l ; versprach ihr die höchste Sorgfalt für ihre Tochter; und bat sie rührend, dass sie ihr das unschätzbare Glück gönnen möchte, nur die kurze Zeit, sechs Monate lang, die Gesellschaft derselben geniessen zu dürfen. Sie werde, setzte sie noch hinzu, bei ihr besser aufgehoben sein, als bei einem Herrn v o n W o l f s e c k ; in welchem Fall sie deren Begleitung doch auch würde haben entbehren müssen.

Den Brief datirte sie von dem Gute der Frau v o n L u p f e n , und schickte ihn dieser durch eine Stafette.

Von eben daher meldete mit dieser gelegenheit auch H i l d e g a r d ihre Ankunft; und beschrieb bei guter Laune, wie galant die Herren in Franken und Schwaben auf ihrer Reise gewesen wären; fügte aber einige dunkle Worte von den Gefahren hinzu, die sie in Wien erwarteten.

Nun ging es ohne Säumen von dem Tal, durch welches die Inn schnell wie ein Pfeil schiesst, den steilen Brenner hinauf, und von dessen Marmorhöhen mit Lust hinab durch die pittoresken Felsenwände von Tyrol, den Weg entlang, welchen die Etsch zeigt, in eine Stadt nach der andern. In dem angenehmen geräumigen Kessel von Gebirgen zu Roveredo, von wo schon der Monte