n gleich nach.
Fast eine Stunde weges wurde wenig oder nichts gesprochen. Endlich sagte H i l d e g a r d lächelnd, vom lieblichsten Purpur der Morgenröte beleuchtet: "War es doch bei einem so leichten Geschöpfe, wie ich bin, als hätte ein grosses Floss auf dem Rheinstrom sollen flott gemacht werden. Ein paar Dutzend Anker wurden erst gelichtet." Vor sich dachte sie hinzu: "Aber nun soll es auch unaufhaltbar fortgehen."
Die Frau v o n L u p f e n pries die Engländerinnen, im Punkte des Reisens, vor den Weibern jeder andern Nazion glücklich; und setzte hinzu: "Sie allein führen das wahre menschliche Leben."
Der Postillion fuhr scharf, und die Pferde jagten in der Kühle mit Lust. Schon sahen sie auf den Höhen die schönen Gewässer des Vater-Rheins blinken, aus welchen hier und da ein dünner Nebel dampfte. Die ganze Gegend war eine pittoreske Masse, ein grosses harmonisches Werden. Die Sonne stammte und glühte durch das Gewölk; und nun strahlte sie weit und breit durch die freien Räume des Aeters.
Am Gebirge schoss ein Falk auf, und verlor sich bald in hohem Fluge. "glückliche Vorbedeutung!" riefen beide.
H i l d e g a r d fuhr fort: "Es gehört viel Uebung dazu, die Verschiedenheit des Lichts rein empfinden zu können; von dem leisesten Piano und den zarten Melodien der ersten Morgendämmerung, bis zu den grossen Accorden und starken Tönen in ihren Verbindungen, Dissonanzen und Auflösungen. Die natur ist auch hierin unendlich reich. O, der Mensch hat viel zu geniessen!"
Eine Weile hernach sprachen sie von der Herzogin D****. H i l d e g a r d erzählte dabei, dass diese, noch unverheuratet, mit ihrer Mutter schon zweimal ganz Italien durchreist wäre. Nach verschiedenen andren Anekdoten von der Herzogin und ihrem Gemahl, setzte sie hinzu: die erste Frucht ihrer Liebe sei gleich nach der Geburt gestorben; und jetzt reisten sie, um sich zu zerstreuen, von einem angenehmen Ort zum andern.
Nun erst brachte Frau v o n L u p f e n das Gespräch auf den komischen W o l f s e c k , die Herren v o n W a l l e r s h e i m und T ö r r i n g , den schlauen P r i n z e n , und den vortreflichen Meister, den schönen jungen L o c k m a n n . Die Eigenschaften Aller, und zuletzt der ganze Hof, wurden mit weiblicher Feinheit und vieler Kenntniss beurteilt. "Ach, der arme L o c k m a n n !" brach die Frau v o n L u p f e n schalkhaft noch einmal über ihn aus, als sie eben bei der ersten Stazion anlangten; "dass so etwas doch so umständlich ist, und man es nicht so leicht mit sich nehmen kann!" H i l d e g a r d hatte keinen Moment mehr, ihr darauf zu antworten.
L o c k m a n n wusste noch nichts von der plötzlichen Abreise, und machte sich allerlei Grillen, als das Schreibezeug mit dem Billet überbracht wurde. Wie erstaunte er, als er dieses las! "Wann ist sie abgereist?" fragte er den Bedienten hastig. – "Diesen Morgen, mit der Frau v o n L u p f e n ." – Er erkundigte sich nach der übrigen Begleitung, und fertigte den Bedienten geschwind ab, um mit seinen Empfindungen allein zu sein.
Ihr nach, ihr nach, wallte jeder Blutstropfen in ihm. Unzähligemal betrachtete er die holden Züge ihrer Hand mit nassen Augen, und drückte sie an Mund und Herz. Dann eröfnete er das schöne Schreibezeug. Die Goldstücke, welche er darin fand, sah er mit dem höchsten Widerwillen an; doch beruhigte er sich endlich auch darüber mit dem Gedanken: es war der Mutter wegen schicklich. "O, ein langer, langer trauriger Winter! Ach, sie kehrt nie wieder zurück! O natur, ich habe dein schönstes Kleinod verloren! Welchem Unwürdigen wird es zu teil werden! Ich bin ein Schatten; mein Leben ist fort!" So tobten die Gefühle in ihm auf und ab.
Der Prinz vermutete eine Verabredung zwischen beiden, auf diese feine Weise durchzugehen, und hielt L o c k m a n n e n streng im Auge. W a l l e r s h e i m und T ö r r i n g ärgerten sich über ihre Wunden, als sie die Abreise erfuhren. Der letztre glaubte noch immer, jener habe hauptsächlich Schuld daran, dass er nicht glücklicher gewesen sei. W o l f s e c k fing endlich an zu begreifen, dass er ein dummes Unternehmen gewagt habe. Die Weiber, welche Anspruch auf Eroberungen machten, waren froh über H i l d e g a r d s Entfernung. Aber alles fühlte, dass der Hof seiner schönsten Zierde beraubt sei. R e i n h o l d besuchte das nächste Konzert in Trauerkleidung; die ganze Kapelle sah verstört aus, und nichts wollte klingen. Selbst Madam E w a l d und die andern Zofen krächzten wie die Raben. Niemand hörte zu. Im Hohentalischen haus machte man Anstalten, der Schönheit so bald wie möglich nachzufolgen. Man vermisste sie überall, und die Gesellschaft hatte