1795_Heinse_036_146.txt

machen würde. – Langsam ging er unter die Linden, und fing an, die Bisse zu fühlen, die sie ihm mit ihren perlenartigen, aber scharfen Zähnen in die Lippen und ins Kinn gegeben hatte; auch summte ihm der Kopf noch von den gewaltigen Ohrfeigen.

Jetzt blieb ihm kein andrer Versuch übrig. Wehmütig und traurig, doch dabei noch voll seliger Empfindung über das ihm ganz neue Ringspiel, kletterte er die buch hinauf, und liess sich an der Stange die Mauer wieder hinunter, schweifte noch einige Zeit wild im feld herum, und begab sich dann in das Schloss. Hier begegnete ihm, als er nach seinem Zimmer eilte, auf der zweiten Treppe der Prinz.

Diesen dünkte, beim Lampenschein L o k k m a n n s Haar und Kleidung durchaus nass gesehen zu haben; aber er trauete seinen Blicken nicht, weil er sie nur so flüchtig geworfen hatte.

Der Biss in die Unterlippe war heillos. Er wusch die Wunde, so wie die andern, mit Essig aus. Natürlicher Weise schmerzten sie ihn heftig; aber sie waren noch in der Ursache entzückend. Nun fing er an vernünftiger zu denken: "Immer ein starker Schritt weiter! die Abreise wird nicht so geschwind vor sich gehen."

etwa eine Stunde nachher kam der junge H o h e n t h a l nach haus, und H i l d e g a r d wurde zu Tische gerufen. Sie war daran, obgleich wieder in Ordnung, sehr zerstreut, doch äusserst lebhaft. Um ihren Mutwillen an irgend etwas auszulassen, neckte sie ihren Bruder mit seinem kriegerischen Wesen, und F e y e r a b e n d e n zum Kontrast mit seinem Stubensitzen. Beide wehrten sich tapfer; doch blieb etwas Komisches, das sie nicht von sich abwälzen konnten. Der Mutter schmeichelte H i l d e g a r d auf die angenehmste Weise.

Vor dem Schlafengehen war ihr Bruder einige Augenblicke mit ihr allein auf dem Musiksaal. Hier sagte er ihr im Vertrauen, dass W a l l e r s h e i m und T ö r r i n g einander in einem Zweikampf verwundet hätten. Sie erschrak darüber, und beider Torheit tat ihr leid; doch kam der Vorfall ihr gerade gelegen.

Den folgenden Morgen nach dem Frühstück erzählte sie ihn der Mutter, und diese erschrak darüber weit mehr. Tief bewegt, mit Tränen in den Augen, fasste H i l d e g a r d ihre Rechte, küsste sie zärtlich, drückte sie an ihr Herz, und sagte: "O, liebe teure Mutter, ich kann hier nicht länger bleiben. Die L u p f e n reist in den ersten Tagen der nächsten Woche ab. Lassen Sie mich mit ihr gehen. Wir treffen einander dann binnen Kurzem in Regensburg. Vierzehn Tage, drei Wochenwas will das sagen? Meine beste Freundin nächst der L u p f e n , die Herzogin D****, ist jetzt in Basel, und verlangt sehnlich, mich einmal wieder zu sprechen. Das Gut der L u p f e n ist nicht weit davon; ich könnte die D**** dahin bescheiden. O, liebe teure Mutter, schlagen Sie mir diese Bitte nicht ab. Vielleicht bered' ich die Herzogin, uns nach Wien zu begleiten."

Die Mutter antwortete nicht sogleich, und dachte eine Weile nach. H i l d e g a r d schmiegte sich an ihren Busen: "O, beste Mutter, ich bin bei der L u p f e n gut aufgehoben. An meiner Aufführung haben Sie, glaube ich, nichts auszusetzen; lassen Sie mich nicht vergebens bitten!"

"Liebe Tochter, was machst Du mir für sorge!" sagte die Mutter dann gerührt; und fuhr mit kluger Miene fort: "O, wie wird L o c k m a n n e n zu Mute sein, wenn Du so plötzlich wegreisest!"

"L o c k m a n n e n ? " erwiderte H i l d e g a r d schnell, und errötete; "dem mag zu Mute sein, wie ihm will. Es ist wahr, der junge schöne vortrefliche Mann voll Geist und Talent hat, bei öfterm Umgange und gleicher Beschäftigung, Neigung, ja leidenschaft für mich bekommen, und es auch gewagt, sie mir zu entdecken; ich habe ihn aber mit Spott und Vernunft davon zurückzubringen gesucht, und die letzte Zeit, wie Sie wissen, ihn fast niemals allein gesehen. Ihre Vorsorge, dass Sie bei seinen Stunden immer zugegen waren, habe ich innerlich gepriesen. O, es ist sehr gut, dass ich auch von d e m schnell wegkomme! Er würde mir, bei längerem Aufschub, ganz natürlich die Ohren voll jammern. Doch, liebe Mutter, schonen Sie ihn, und lassen Sie Sich nichts merken."

Sie sagte diess mit so viel Unschuld, und einem Ausdruck so voll Wahrheit, dass die Mutter ihr Herz erleichtert fühlte, und beinahe schon nachgab.

H i l d e g a r d drang noch einmal in sie, und stellte vor: was für ein Gerede die W o l f s e c k e , W a l l e r s h e i m e , und die Fürstin anfangen würden; und wie stolz oder kindisch sie dabei erscheinen müsste. Endlich sagte die zärtliche Mutter: "Nun denn