wäre doch nur wieder die alte Leier; da sässe die Mutter, und es würde dir nicht möglich sein, deine Empfindungen zu verbergen."
H i l d e g a r d hatte sich auf jeden Fall schon zur Abreise vorbereitet; sie erwartete ihn voll Unruhe, sorge und überlegung, wie sie ihm die Neuigkeit beibringen könnte. Es war ihr recht und auch nicht recht, als er gegen Abend sich noch immer nicht hatte sehen lassen.
Schon glänzte Jupiter am östlichen Himmel. – In Gedanken versunken und verloren, doch fest in dem Entschlusse, sogar bis in H i l d e g a r d s Schlafgemach zu dringen, ging L o c k m a n n die Schlosstreppen hinunter, und eilte nach der Stelle des Gartens, wo er über die Mauer gestiegen war. Er fand noch die Stange da liegen, und der Abendstern funkelte ihm Mut ein. Weil sich niemand sehen liess, so Diessmal hatte er den rechten Zeitpunkt getroffen. Bald sah er sie in einem weissen Gewande den Er versteckte sich tiefer. Sie drehte den schönen, in d e g a r d sich endlich das Hemd über dem Kopf, und bekam die arme frei. Nun begann der Kampf. Sie war übermannt: er hielt sie fest; doch vermocht' er nicht, etwas auszurichten.
"Falsche!" sagte er leise mit süssem Tone, und liess Kuss über Kuss auf ihre Lippen regnen: "Heimlich wolltest Du von hier weg, nach Wien, und Deinen Getreuen verspottet zurücklassen? O, wir sind für einander geboren und erzogen, himmlisches Wesen, süsses reizendes Leben! Wir werden mit einander glücklich sein, glücklicher als irgend ein andres Paar. Nur in die weite Welt! Ich muss Dich mit Gewalt von Deinem mütterlichen Boden los reissen!"
Sie trat unterdessen mit beiden Beinen nach ihm, suchte ihn von sich zu stossen, konnte es nicht, biss nun, und flehte, weil er sie geschickt der Anwendung ihrer Stärke beraubt hatte.
"Lassen Sie mich, L o c k m a n n ! Sonst ewige, bittere Feindschaft! Sie sollen mir nachfolgen, ich will alles tun; nur lassen Sie mich jetzt."
Vor Wut der leidenschaft sah und hörte er nicht. Er flehte nur: "Barmherzigkeit, Mitleiden! Sei gütig, sei hold, Engel! O, alles in mir ist unüberwindliches Feuer der Liebe für Dich, für alle Deine unaussprechliche Schönheiten und Reize!" Mit diesen Worten drückte er sein flammendes Gesicht an ihre Brust.
"Mörder! Räuber!" schrie sie endlich, rang sich darüber die hände los, wälzte sich auf die Seite, und in einem listigen Ruck stürzte sie mit ihm – er unten, sie oben – ins wasser, wo es am tiefsten war. Auch jetzt hielt er noch fest, bis ihm das wasser in Nase, Ohren und Mund drang. Schon sanken sie beide; jetzt griff er aus Instinkt um sich, und liess sie, um sich selbst zu retten.
Wie ein Schwan schwamm sie nun empor, und davon. Schon im Ertrinken, ganz unter der Flut, umklammerte er noch ihr linkes Bein; und so ward er von ihr fortgezogen, bis in seichtes wasser, und ans andre Ufer, wo keine Gefahr mehr war.
Ganz von sich und sinnlos lag er da. Von neuem erschreckt, zog sie ihn mit den Händen aufs Trockne, und rüttelte und schüttelte an ihm, bis er anfing, sich zu regen, und das wasser ihm wieder zum mund herausquoll. Sie zupfte ihn in der Angst an der Nase, und kneipte ihn in die Seiten. Als er sich endlich hob und erbrach, gab sie ihm, damit er desto besser zu Bewusstsein käme, eine hinlängliche Zahl derber Ohrfeigen links und rechts, und rechts und links. Er stützte sich darüber mit beiden Händen auf, und würgte sich aus allen Kräften.
Sie eilte zu ihrem Gewand und Hemde, trocknete sich geschwind, warf beides über sich, und sah nach ihm hin. Als er sich noch mehr aufrichtete, und um sich blickte, vergass sie die Pantoffeln, und lief wie eine Atalanta davon. Sie musste aber unwillkührlich ein helles Gelächter aufschlagen, als sie sah, wie er sich so würgte, wodurch er völlig wieder zu sich kam.
Inzwischen war sie den langen Garten zu Ende, schon vorn, schloss auf, schlüpfte durch die Tür, schloss zu, und ging nun bedachtsam mit nackten Füssen in das Haus, und die Treppe hinauf in ihre Zimmer. Noch ganz in Wallung und in Furcht blickte sie zum Fenster hinaus, wo sie aber nichts mehr von ihm sehen konnte.
"O L o c k m a n n ! Du schlimmer als alle Andre!" Mit diesen Worten ging sie nun auf und ab, und freute sich, dass sie glücklich entkommen war. Dann wusch sie sich die niedlichen Füsse, einen nach dem andern, und kleidete sich um. "Nein, nein," sagte sie dazwischen; "so weit soll es nicht kommen, guter L o c k m a n n !"
Er stand unterdessen, nun wieder zu sich gekommen, stumm und verzweifelt an der Wasservertiefung. Die Nässe troff ihm von Kleid und Haaren. Er war schon im Begriff, sich von neuem hinein zu stürzen, als seiner Phantasie auf einmal vorschwebte, welche lächerliche und erbärmliche Figur er tot darin