1795_Heinse_036_135.txt

Den Abend, kurz vor dem Abgange der Post, bat sie ihre Freundin in einer Nachschrift zu dem schon fertigen Briefe: sie möchte in Basel noch einen andern von ihr abwarten. Vielleicht könnte sie bei gelegenheit der Reise nach Wien, die sie ihr gemeldet hatte, es möglich machen, dass sie in der Nähe von Basel einander wieder sähen und sprächen.

Uebrigens stellte sie eben dieselben Betrachtungen an, wie ihre Mutter: dass der Kreis, worin sie lebe, nicht mehr für sie tauge, dass sie den Nachstellungen des Prinzen hier eben so ausgesetzt sei, als an jedem andern Orte, und dass es sich nicht schicke, ihr gewöhnliches Stillschweigen über ihn zu brechen, weil die Mutter sonst nur zu neuer Furcht und unnötiger Vorsicht veranlasst werden, und in sie dringen würde, eine Partie zu nehmen.

H o h e n t h a l freute sich wie ein Kind auf Wien. F e y e r a b e n d pries den Aufentalt daselbst aus allen Gründen; die M u t t e r sah dort die grössten Vorteile. H i l d e g a r d musste von ihrer Verstellungskunst Gebrauch machen, und stimmte jungfräulich schüchtern mit in diese Aeusserungen. Der Prinz hielt sich nun klüglich zurück, wie ein Vogelsteller, nachdem er genug gelockt hat, hinter dem Herde bleibt. Uebrigens wurde von dem Vorhaben noch nichts bekannt gemacht.

Im nächsten Konzert sang H i l d e g a r d nur das Duett aus S a r t i ' s Giulio Sabino: Come partir poss'io; aber fast zerstreuet, und nicht mit der Lust wie gewöhnlich. Doch entzückten ihre süssen Töne. Die heroische Arie des Giulio Sabino von L o c k m a n n gesungen: La tu vedrai, chi sono, no, non ti parlo invano; ergriff den Prinzen ganz sonderbar. So wie hierin, wurde L o c k m a n n auch in dem göttlichen Rondo: In qual barbaro momento io ti do l'estremo addio! allgemein bewundert. Der Prinz erstaunte bei diesen ersten Worten; doch hörte er bald, dass sie nicht weiter auf die gegenwärtigen Umstände passten. H i l d e g a r d tat sich Gewalt an, ihn gelassen anzublicken, und ihm hier und da eine Antwort zu geben. Er machte immer gewandt und fein den Hofmann.

L ö f f l e r spielte dazwischen mit seltner Fertigkeit ein Violin-Konzert von V i o t t i .

L o c k m a n n hatte seine Oper schon seit einigen Wochen zu Ende gebracht, sie doppelt abschreiben, und die drei Akte des einen Exemplars, jeden besonders, leicht und zierlich Italiänisch einbinden lassen. Am folgenden Nachmittag, wo er auf einige Augenblicke mit H i l d e g a r d e n allein war, überreichte er ihr sein Werk, und nahm sich gleich dafür einen himmlisch süssen Kuss, nach welchem er, wie ein gejagter lechzender Hirsch nach frischen Quellen, so lange geschmachtet hatte.

"Ach Gott!" rief sie, voll wehmütigen Mitleidens, aus.

Die Mutter war eben bei ihrem Sohne auf der andern Seite; sie kam aber bald wieder, so dass er nur noch sagen konnte: sie möchte verschweigen, dass die Musik von ihm wäre. Er hatte nicht die geringste Ahnung von dem, was vorging, legte den Ausruf zu seinem Vorteil aus, setzte sich, erquickt und gestärkt, ans Klavier, und fing an.

"Achille in Sciro,

von einem jungen neuern Tonkünstler."

"Das Gedicht von M e t a s t a s i o ist das ergreifendste und erfreulichste Schauspiel für diejenigen, die den Achill aus der Iliade kennen."

"Das Heer der Griechen war versammelt, und schon bereit, nach Troja hinüber zu schiffen, um die Schmach des Vaterlandes zu rächen. Nur ging die Sage: diese Stadt könne ohne den jungen Achill nicht eingenommen werden."

"Tetis, seine Mutter, wusste aber schon, dass er nach dem Verhängnisse dort umkommen sollte, und hatte ihn durch einen Getreuen, den Nearch, in Frauenzimmerkleidern am hof des Lykomedes auf der Insel Skyros versteckt. Er wird da unerkannt unter die nommen. Achilles gibt sich dieser bald zu erkennen; beide verlieben sich in einander, und so weiter."

"Ulysses wird auf ein dunkles Gerücht nach Skyros geschickt, ihn dort auszukundschaften. Es gelingt dem Schlauen. Nach einem harten Kampfe zwischen Ruhm und erster Jünglingsliebe in dem Herzen des Helden, bei der hohen Schönheit und dem zauberischen Widerstand der Geliebten, segelt der Kühne mit ihm ab."

"Der Stoff gehört gewiss unter die anziehendsten; und der Dichter wusste ihn für die Italiänischen Teater, besonders für das Römische, reizend zu bearbeiten. Er hatte im V i r g i l , A r i o s t , und T a s s o bewunderte Muster vor sich. Die Fabel ist indess viel reiner und natürlicher, als die von der Dido, und von der Armida. Das Unschickliche darin, nämlich dass man einen Achilles verkleidet unter Mädchen steckt, ohne an den Erfolg zu denken, geht voraus, und fällt nicht auf den Vater der Deidamia; man denkt nun wenig daran, Tetis mag es lächelnd verantworten: es ist nun einmal geschehen, wird für bekannt angenommen, und Dichter sowohl als Zuhörer bekümmern sich weiter nicht darum."