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Fürsten keine wohnung hatte? Dass die Tochter beide begleitete, war höchst schicklich. Für sie besonders musste Wien, der Musik wegen, viele Reize haben; auch konnte er sagen: dort sei gelegenheit für sie, eine grosse Partie zu machen. Er fühlte wohl, dass der Fürst, der von ihrem Umgang bezaubert war, sie ungern entbehren würde; aber er durfte ja nur vorstellen: es wäre bloss auf einen Winter, und sie käme im Frühling mit neuen Vollkommenheiten zurück. Die Fürstin sollte getreulich dazu helfen.

Fürs erste suchte er den jungen H o h e n t h a l nach diesem Aufentalt lüstern zu machen, und schilderte ihm mit Beredtsamkeit alle die Vorteile, die er dort für seine künftige Laufbahn hätte. Diess gelang ihm gleich nach Wunsch.

Alsdann wendete er sich an die Mutter, in Gesellschaft der Fürstin. Die Sache war so klar, dass sie wenig Bedenklichkeiten gestattete; H o h e n t h a l konnte nirgends seine Studien mit mehr Nutzen fortsetzen, und bessere Bekanntschaften für die Zukunft machen. H i l d e g a r d regte ihr zwar dabei das Herz auf, und sie blickte dem Prinzen hell in die Augen; inzwischen verliess sie sich darauf, dass ihre Tochter den edelsten Charakter hatte, und der grossen Welt schon gewohnt war.

Der Prinz redete mit seinem Vater darüber, wie sich leicht denken lässt, nur in Rücksicht H o h e n t h a l s ; und erhielt dessen ganzen Beifall. Es könne nicht fehlen, meinte der Fürst: der heroische, verstand- und kenntnissreiche Jüngling müsse bei dem erhabnen J o s e p h bald wohl angeschrieben stehen.

Man dachte auf baldige Ausführung des Plans.

Es fiel H i l d e g a r d e n sehr auf, als die Mutter ihr zuerst Nachricht davon gab. Sie wurde davon ganz durchdrungen, wusste sich nicht sogleich zu fassen, und schwebte mit der Mutter im Zimmer auf und nieder. Der angelegte Plan war ihr deutlich; und sie brach nur deshalb nicht los, weil ihre Mutter hinzusetzte: "G l u c k und H a y d n sind jetzt die grössten Meister der Musik in Deutschland, und wohl in ganz Europa. Auch kommen die besten Italiänischen Sänger und Sängerinnen nach Wien; deren Bekanntschaft wird Dir schon allein sehr angenehm sein und viel Vergnügen machen."

"O gewiss!" antwortete H i l d e g a r d leise obenhin, in andres tiefes Nachdenken verloren.

Der Mutter selbst lag es am Herzen, sie bei dieser gelegenheit aus den gefährlichen Verbindungen zu bringen, in welche sie unschuldiger Weise geraten war. W a l l e r s h e i m stand ihr nicht an; überdiess hatte sie in Erfahrung gebracht, dass er vorher Neigung für die junge W o l f s e c k habe blicken lassen, und wollte nicht doppelte Feindschaft auf sich laden. T ö r r i n g war ein heftiger Mann; und bei seinen Jahren liess sich keine gute Ehe mit ihm erwarten. Der schöne Kapellmeister, den H i l d e g a r d so oft sah, musste doch endlich Verdacht erregen. Aus allen diesen Gründen hatte die Mutter den Vorschlag angenommen.

Es ward darüber ein Besuch angemeldet; so konnte H i l d e g a r d sich entfernen und weiter für sich überlegen.

"Armer L o c k m a n n !" das war ihr erstes Wort, als sie in ihr Zimmer trat. – "Doch vielleicht ist es in dieser Rücksicht gut; was hätte endlich daraus werden sollen? Ach, der Holde liebt mich zu zärtlich, zu feurig, als dass ich eine blosse freundschaftliche Verbindung mit ihm wagen könnte. Genug, ich habe mich mit ihm zu weiter nichts verpflichtet. Er muss sein Schicksal standhaft ertragen, und es soll nur kurze Zeit dauern. O, könnte ich aus einem Schiffbruch an die Küsten von Sicilien, Spanien oder Portugall schwimmen, und, jedem unbekannt, mein Glück mir selbst schaffen! Welche Fesseln! Verzeih es mir, herzlich geliebte Mutter! Teurer Bruder! Doch wenigstens soll dem Prinzen seine Absicht nicht gelingen."

Den neuesten Brief der Herzogin D****, welche ihr die Dido von P i c c i n i aus Paris geschickt, hatte sie erst vor einigen Tagen aus Lucern erhalten. Ihre Freundin meldete ihr darin, dass sie, nach kurzen Spazierreisen in die Runde, sich einige Wochen in Basel aufzuhalten gedächte, wohin sie ihre Antwort richten könnte. Wie ein Blitz flog der Gedanke in H i l d e g a r d s Seele: "Wenn du mit der D**** eine Zusammenkunft veranstaltetest, die L u p f e n auf ihr Gut begleitetest, und jene dortin, oder auch an einen Mittelort beschiedest! In London waren wir ja Ein Wesen. Sie ist kühn, und hat Geist, wie Keine von unserm Geschlecht. Es ist keine Zeit zu verlieren. Mir drohen die neuen Bekanntschaften in Wien; aus denen werde ich mich nie wieder los wickeln und los reissen. Man wird mir mit Gewalt die Flügel beschneiden."

Mit diesen Gedanken sass sie bei der Abendmahlzeit, behielt sie beim Einschlummern, wachte mit ihnen auf, und brütete den ganzen Tag über ihnen, so dass sie überall zerstreut war; doch in diesen Momenten ein doppelt reizendes geschöpf: wirklich genialisch lebhaft.