gute stimme hat – warum sollte der es nicht mit Instrumenten tun?"
Frau v o n L u p f e n fiel ein: "Nicht wahr, lieber R e i n h o l d , Krücken und Stelzen? Die menschliche stimme allein kann Empfindungen durch Töne ausdrücken, welche nicht mehr allgemein sind, sondern etwas ganz Bestimmtes von person zu person sagen." Dann wendete sie sich zu H i l d e g a r d e n , und sagte: "Boshafte! Dein Sieg über uns sollte Dir, auch unerörtert genug sein."
Diese errötete, und erwiderte: "Boshafte, Du selbst! – Instrumentalmusik, worin Fluss wahren Gefühls, und Schwung, Flug origineller Phantasie herrscht, von Virtuosen in höchster Fertigkeit vortreflich vorgetragen, drückt ein so eigenes geistiges Leben im Menschen aus, dass es jeder anderen Sprache unübersetzbar ist. Herr R e i n h o l d muss die Meisterstücke von T a r t i n i und P u g n a n i ganz vergessen haben."
H o h e n t h a l hemmte den Zwist sogleich dadurch, dass er der Frau v o n L u p f e n , neben welcher er sass, scherzend ins Ohr raunte: "Meine Schwester ist unschuldig; warum haben wir unsre schönen Stimmen verloren!"
Der Alte ergötzte sich an dem Mutwillen, und fing nun wirklich an, die Instrumentalmusik zu preisen. Er rühmte sie für den Tanz, für die Jagd, für die Kriegsschaaren, und überhaupt als umgebende Pracht und Herrlichkeit der Menschenstimme aus der natur um sie her. Auch erzählte er dazu manche Beispiele.
Es war eine Lust, ihn reden zu hören, und zu sehen, wie die blühende Jugend ihm dafür liebkoste.
Das machte ihn weichherzig, und er fuhr dann fort: "Nun kann ich zufrieden den Ueberrest meines Pfades wallen. Ich habe viel Schönes und Gutes auf dieser Welt empfunden und genossen; und noch die letzten Sonnenblicke des Lebens erheitern warm und erfreulich meine Seele. Auch bleiben in den angenehmsten Gegenden von Europa Denkmahle von mir zurück, bei denen man sich meiner vielleicht mit Wohlwollen erinnern wird."
Diess rührte die Frau v o n H o h e n t h a l innig, und sie wünschte die Risse von seinen merkwürdigsten Gebäuden zu sehen. Selbst in Italien hatte er einige, unter andern ein Teater, aufgeführt; auch in der Provence und der Schweiz; in Deutschland mehrere bequeme Wohnungen. Dann war er Erbe eines sehr wohlhabenden Oheims in Holländischen Diensten geworden, und hatte sich in der schönen Gegend am Rheinstrom, seinem vaterland, zur Ruhe gesetzt.
Er versprach, einige von seinen Rissen hervorzusuchen, und fügte hinzu: "Das Ohr ist ein weit feinerer Sinn, als das Auge: es empfindet die Verhältnisse viel richtiger, und bildet den Geist, dass er die Schönheit derselben erfinden und beurteilen kann. Was Ihnen an meinen arbeiten gefallen mag, hab' ich wohl der Musik zu verdanken. L o c k m a n n hat mich recht ergriffen, als er das verhältnis der Oktave mit der schönsten Form der Türen und Fenster verglich. Eben so haben wir in der Baukunst Quinten, Quarten, Terzen und Sexten, und überhaupt, was er die vollkommne Existenz in der Tonkunst nennt. Ich kann sie Ihnen selbst an diesem haus zeigen, welches mir unter allen meinen Gebäuden das liebste ist."
Diess war nun wie zur Erkenntlichkeit aus L o k k m a n n s Seele. F e y e r a b e n d nahm ihm das Wort vor dem mund weg, und sagte:
"So war die Erziehung der Griechen ein immerwährendes Gefühl von Harmonie: Gymnastik für den Körper; Musik für Herz und Geist. W i e d i e Musik: so beruht die ganze Moral, und endlich jede Kunst, auf Verh ä l t n i s s e n . Glücklich der Mensch dessen moralischer Sinn die Harmonie der Tugenden so leicht erkennen kann, wie unser göttliches Ohr die Reinheit der Konsonanzen!"
L o c k m a n n fuhr fort: "Warum sollt' es nicht auch bei uns einmal wieder so werden? Wie viele müssige Stunden hat nicht der junge Bürger, selbst der Landmann, der Soldat, der Jäger, der Künstler, und die Jugend überhaupt, wo sie nicht wissen, was sie vor langer Weile anfangen sollen? Es fehlt nur zweckmässige Anleitung; die mehrsten würden sich gern mit Musik beschäftigen. Doch zeichnen sich Böhmen, Türingen und Sachsen, nächst Italien, schon jetzt durch musikalische Erziehung vor allen Ländern der Welt aus."
Unter diesen und andern angenehmen Gesprächen, kam man mit der Mahlzeit bis zu den schönen Früchten. Endlich schenkte H i l d e g a r d aus einer Flasche aromatisch duftendem Johannisberger die Gläser voll, stiess mit dem guten heitern R e i n h o l d an, indess die Andern das Beispiel fröhlich befolgten, und sagte: "Ewige Lust und Wonne den Erfindern der Trompete, des Horns und der Pauke, der Geigen und Klaviere!" Frau v o n L u p f e n fuhr in dem Tone fort: "Die edle Menschenstimme sei überall die Königin, der sie huldigen!"
Man stand auf, und ging in ein Nebenzimmer zum Kaffee. H o h e n t h a l musste hernach einige