System für die Musik ist das, worin man das Ganze der Harmonie am leichtesten übersehen, und die Regeln, nach welchen die grossen Meister gearbeitet haben, am richtigsten und fasslichsten entwickeln kann. Ein bequemeres, als das alte war, erdachte R a m e a u ; man sollte seine Verdienste nicht verkennen, und endlich einmal in Deutschland aufhören, den Franzosen in ihm zu verfolgen. K i r n b e r g e r machte es nur einfacher, und dabei vollständiger; einiges Falsche, das man schon vorher bemerkt hatte, ward darin ausgemerzt. Aber noch immer finden sich Schwierigkeiten in den Versetzungen der Septimenaccorde, und den Vorhalten, wo beide sich in einander verlieren; die natur unterwirft sich nirgends so ganz der Regel."
R e i n h o l d hatte mit der grössten Aufmerksamkeit zugehört, und sagte: "Man kann fast nicht zweifeln, dass der wahrste und eigentlichste Ausdruck bei allen diesen Stellen in der gebrauchten Harmonie liege, besonders wenn sie von solchen Kehlen und mit solchem lebendigen Gefühl vorgetragen werden. Inzwischen glaube ich doch, dass bei einigen, für den grösseren teil des Publikums, schönere Melodie das völlig ersetzen könnte, was ihr an ächtem Gehalt bei andrer Harmonie abgehen möchte."
L o c k m a n n erwiderte: "Warum sollte nicht die schönste Melodie mit der wahrsten Harmonie vereinigt sein können?"
"Der vortreflichste musikalische Ausdruck irgend einer Empfindung, einer leidenschaft, beruhet fürs erste auf der Harmonie; nach deren Verhältnissen kommt dann der Vortrag in der gefälligsten Melodie, und mit dieser der ergreifendste Rhytmus."
"Alle drei müssen vereinigt sein; aber die erste ist das Wesentlichste: sie entält die Elemente, aus denen die andern beiden bestehen. Man mag Messing noch so schön prägen, und auch etwas von dem königlichen Metall hinzu getan haben: die Kunst der Bildung wird, was den inneren Wert betrift, nie die Gediegenheit des Goldes ersetzen."
Der Alte erwiderte lächelnd: "Wir wollen keinen neuen Streit anfangen; sonst könnt' ich sagen: Luft ist Luft, und nicht so verschieden, wie Metalle. Ich fühl' es, dass man bei so gewaltigen Gefühlen, wie zum Beispiel in der Iphigénie en Tauride herrschen, in der Harmonie so tief gehen muss, als man kann; dass der Accord der grossen Septime hierbei ein ungleich mächtigerer Hebebaum ist, als die andern, und dass die schönsten Phrasen in Terzen und Sexten dagegen kindisch sind."
"Friede! Friede und Freude, Lust und Wonne für den reizenden Unterricht, den ich vor vielen Jahren genossen zu haben wünschte! Man lernt dadurch Kern von Schale richtiger unterscheiden."
Es ging nun zu Tische. Auch die Mutter war ausgegangen, und hatte die Frau v o n L u p f e n , die ihr unterweges begegnete, mitgebracht. Als man an der Tafel in Ordnung war, fing H i l d e g a r d an, den Alten wegen seiner vorigen Geringschätzung der Instrumentalmusik zum Besten zu haben, und sagte: "Sie scheinen nun mit Herrn L o c k m a n n einverstanden zu sein, dass jeder Accord seinen besonderen Ausdruck habe, und dass man etwas Besonderes dabei empfinde, auch ohne dass Worte es bezeichnen. Musik an und für sich wäre demnach die reine und allgemeine Kunst; und Vocalmusik nur ein teil davon. Die allgemeine stände weit über dieser, und liesse sich nur zu ihr hernieder."
Auch L o c k m a n n neckte ihn: "Oder die Dichter erhöben sich zuweilen bis zu dem Tonkünstler, und ersännen Worte zu dessen Melodien; wie man es bei H a y d n und bei vielen reizenden Liedermelodien in mehreren Sprachen versucht hat. Man machte das Hemde und den Rock nach dem leib."
Die Frau v o n H o h e n t h a l selbst fügte lächelnd hinzu: "N o v e r r e behauptete, ein Tonkünstler, der für das Ballet schreiben wolle, müsse, wo nicht selbst Tänzer sein, doch die Tanzkunst vollkommen verstehen. So wie der Tonkünstler zu den Texten des Dichters Melodie und Harmonie erfände: so sollte eigentlich der Balletmeister seine Tänze zu dem Rhytmus der Musik und zu ihrem Ausdruck überhaupt, erfinden."
R e i n h o l d antwortete: "Ich alter Mann bin seit Kurzem noch von mancher Meinung zurückgekommen. So glaubt' ich zum Beispiel, dass keine Sängerin in der Welt mit ihrer stimme F a r i n e l l i ' n und C a f f a r e l l i ' n gleich kommen könne; und hier vor mir blüht und strahlt in üppiger Schönheit die lebendige Widerlegung: aber auch die Widerlegung alles jetzt Gesagten."
"Zugegeben, wenn Sie wollen, dass die reine allgemeine Musik für die Region der Geister sein mag. Für mich ist die Musik bloss menschliche Kunst; der Mensch brachte sie aus sich selbst hervor, und sie hat aller andern natur wenig zu danken. Die menschliche stimme ist der erste Quell derselben, gute Vocalmusik das Muster aller; und die Sprache davon unzertrennlich."
L o c k m a n n erwiderte: "Die Musik ist eine Kunst, die hauptsächlich das Innere, Unsinnliche, weit umher für das Ohr in die Lüfte verbreitet, und allgemein ausdrückt, was die Sprache oft nur rauh und eckicht andeuten kann. Wer keine