1795_Heinse_036_13.txt

uns desto mehr brauchbare Zeit, je später man isst. Jedoch scheint mir die neuere Lebensart der Italiäner viel natürlicher für ihr Klima. In der grössten Hitze von zwölf bis vier Uhr ist man, besonders in Rom und Neapel, und noch weiter gegen Süden, nicht wohl zur Arbeit fähig; und schläft da sehr vernünftig."

"Wahrscheinlich, fügte H i l d e g a r d hinzu, ist das späte Essen der Alten auch nur vom Winter und den angrenzenden Jahrszeiten zu verstehen, wo die gütliche Mittagswärme Körper und Geist den besten Ton gab zu handeln. Und so sollten auch wir uns nach den Jahrszeiten richten, der natur gemäss leben, und bald früher, bald später essen; immer aber in den nördlichen Gegenden, dünkt mich, die Hauptmahlzeit zu Abend halten: denn was bleibt uns sonst während des Winters, besonders in Schottland, Dänemark und Schweden, vom Tag übrig? Und Sie, Herr F e y e r a b e n d , müssen diese Meinung, die zu Ihrem Namen passt, mit mir behaupten. Aber zu Tische, zu Tische!"

Anfangs wurde nur gegessen, wenig oder nichts gesprochen, und die Blicke spielten gefällig um einander. Die speisen, das Beste der Jahrszeit, waren schmackhaft zubereitet, kräftig und einfach. H i l d e g a r d legte vor, und besorgte alles.

Das Essen war für L o c k m a n n das Geringste; er liess sich besser, doch mässig, einen köstlichen Markbrunner schmecken, und weidete seine Augen an den herrlichen Verzierungen des Speisesaals, welcher in der schönsten Grösse und Proporzion, die Höhe gerade die Hälfte der Länge und Breite, erbauet war und die angenehme Aussicht in den Garten hatte.

An der grossen Wand hing die Hochzeit von Kanaan, die Figuren in Lebensgrösse, lebendig in schönen erfreulichen Gestalten und voll Kleiderpracht, aus der Venezianischen Schule; an den Seitenwänden zwei Seestücke von V e r n e t : ein wütender Sturm; und das zweite die Brandung der Wogen am Ufer nach demselben. Die Kunst kam in beiden der natur äusserst nahe; er glaubte das Rauschen des unbändigen schäumenden Wellenschlags zu hören, und sah die ungeheure Tiefe im grünlichen Seewasser. Die Lüfte glichen der Wirklichkeit. Alles war mit einem festen sichern Feuerblick aufgefasst, und mit geübter Meisterhand fertig hingemahlt.

Er hatte das Beste der Mahlerei mit überlegung fast durch ganz Italien gesehen; und erkannte gleich diese zwei Stücke für unschätzbare Kopien der zwei vortreflichsten Seestücke zu Rom von dem Niederländer B a c k h u i s e n im Pallast Colonna.

Nach allerlei kleinen komischen und witzigen Nek

kereien zwischen der Frau v o n L u p f e n , H i l d e g a r d , und ihrem B r u d e r , wobei Persönliches und Häusliches mit unterlief, kam das Gespräch bald auf Italien, wohin die Mutter die letzte Reise mit ihrem Gemahl gemacht hatte. Sie erzählte interessante Anekdoten von dortigen Höfen, charakterisirte einige der vortreflichsten Menschen beiderlei Geschlechts, die sie hatte kennen lernen, höchst lehrreich für ihre Kinder; kam dann, bei den Vergnügungen der Gesellschaften, auch auf die Musik, und rühmte den starken einfachen Ausdruck der Sänger und Sängerinnen, die sie gehört hatte, als den G u a d a g n i , C a f f a r e l l i , die A g u j a r i und die noch sehr junge G a b r i e l i . Die Action, und was man in Gesellschaften den guten Ton nennt, der zuweilen bis zum Witz und zur Persiflage ging, bewunderte sie im Vortrag der letzteren vorzüglich; und glaubte, dass sie dadurch einen nicht geringen teil ihres Ruhms eingeärntet habe.

L o c k m a n n erwiderte: "gewöhnlich fehlt es in

Italien den Sängern entweder an Action, oder den Acteurs an stimme; und selten findet man beides zusammen. Ueberhaupt ist jetzt die Musik dort fast nur Mode geworden; man will immer neue Manieren, Floskeln, und der grosse Haufe mag über das Ganze eines Stücks nicht nachdenken. Desswegen sind die heutigen Opern der Italiäner meistens im Grossen auch nicht viel wert. Das Publikum, und dann die Sänger sind Schuld daran; die Meister müssen schreiben, wie diese wollen. Zehn Töne nach einander schnell weg sind leichter zu singen, als ein einziger von Gewicht, der so lange, wie sie alle, dauert, in Geschmeidigkeit, Stärke, Schönheit. Wer eine schwache stimme hat, oder durch die Fistel singt, sucht diese neuen Manieren, Läufe, überraschenden Sprünge. Wenn wir wieder die grossen Sänger haben, so wird auch das Vortrefliche, wenn ich mich so ausdrücken darf, der antiken Musik wieder aufleben."

"Gewiss hat T r a e t t a seine schönsten Scenen grossenteils der G a b r i e l i zu verdanken. Ohne sie würde' er die erhabnen Melodien: O di tranquilla pace amabil sede, ascolta, o sacro tempio, i voti miei; – Dove mi guidi, o Dio! – Ombra cara, che t'aggiri; und die ganze göttliche Oper Antigona nicht hervorgebracht haben. Solche vortrefliche Sängerinnen und Sänger sind dem Tonkünstler eben das, was P h r y n e dem P r a x i t e l e s , und die K a m p a s p e des