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; einfällt. Die eingeleitete und dauernde Dissonanz in der Höhe der Melodie zerreisst das Herz."

"Am schneidendsten wird er in derselben Oper von diesem grossen Meister des Ausd r u c k s angebracht, wo Iphigenia dem Orestes das Herz durchstossen soll: Je tremble, et mon bras plus timideChor: Frappez!"

"Nicht so in regelmässiger Folge, sondern nur als Accent der Wehmut, Bitterkeit, des Abscheus und Entsetzlichen, tut schon die verkleinerte Sext die grösste wirkung; und die Meister im Tragischen bringen dadurch die vortreflichsten Stellen hervor."

"So gebraucht sie T r a e t t a für Muttermord im Chor der Furien, die den schlummernden Orestes peinigen, bei den Worten: D'una madre svenata da te, zu zvenata. G l u c k fühlte nicht so tief, als er dieselbe Empfindung bei Il a tué sa mère, zwei Takte lang in der übermässigen Sext ausdrückte; hier gleichsam R u b e n s gegen R a p h a e l . Im Orfeo hat er sie doch treflich bei den Worten Cosa sìa languir d'amour; und so in der Iphigenia in Aulis, wo Agamemnon klagt: D'une victime si tendre et si chère."

"So gebraucht sie J o m e l l i im Cajo Fabrizio in der dritten Scene des dritten Akts: La vita mi sento mancar; und in der letzten Scene des ersten Akts der Dido, Mi sento morir."

"P e r g o l e s i in seiner berühmten Arie: Se cerca se dice bei piangendo partì; und mehrmals im Stabat mater und Salve regina."

"Der Grundbass der wesentlichen Septimenaccorde schreitet mit der Quart in die Höhe, und mit der Quint in die Tiefe, wodurch man sie am leichtesten von blossen Vorhalten unterscheiden kann."

"Ein uneigentlicher Septimenaccord ist der Accord der verminderten Septime auf dem verminderten Dreiklang: er gleicht in seinem Ursprung dem mit der kleinen Septime darauf, und ist, wie dieser, ein Septnonenaccord; die verkleinerte Septime geht eben so in die Sext vom Quintsextenaccord der ersten Versetzung des ersten Septimenaccords über."

"Er ist der sinnlichste Ausdruck des Leidens: nichts sträubt und wehrt sich mehr darin; lauter Elegie und Wehklage; der Zusammenklang aller Gefühle und Empfindungen, besonders nach der tragischen Katastrophe; in einer Reihe nach einander fast zu weiblich für edle Jünglinge und Männer. G l u c k braucht ihn zu häufig; aber nichts drückt den Moment der tiefsten Niederbeugung besser aus. Bei Entzücken, das an Schmerz grenzt, ist er im Taumel der Lust noch an seiner Stelle. Er gestattet nur weiche zarte Töne."

"Eine verlassne Ariadne; ein Petrarca, der den Tod seiner Laura beweint; junge Trojaner und Trojanerinnen, die zur Sklaverei abziehen: das sind die traurigen rührenden Bilder dazu; Saiteninstrumente die schicklichste Begleitung."

"Reizende Beispiele dieses Ausdrucks findet man bei den grossen Meistern überall. Eins der schönsten mag wohl gleich zu Anfang der Kantate Orfeo von P e r g o l e s i sein, bei den Worten: E qui nel muto orrore in dolci accenti, wo dieser Accord nach der verkleinerten Sext auf orrore entzückende wirkung tut."

"In den Verwechselungen wird er durch den Kontrast doch zuweilen grell und schneidend."

"Auf ihm werden eigentlich die enharmonischen Gänge gemacht; er ist gleichsam der Kapitalschlüssel der Harmonie, und man kann mit ihm überall hingehen."

"Wenn die verkleinerte Septime auf dem verminderten Dreiklang nur Vorhalt der Sexte ist: so schwebt sie auf der Note sensible der weichen Tonart; und Septime und Note sensible drücken eben so die Begierde aus in eine beruhigende Harmonie sich aufzulösen, als die kleine Septime auf der Note sensible der harten Tonart. Beide sind zärtliche oder entzükkende Berührung zur Vereinigung. Die Note sensible schwillt unwiderstehlich in den Grundton; die Septime schmilzt in die reine Quinte, entweder unmittelbar, oder indem sie durch die Sext sie erst betastet, und die Fülle der kleinen Terz und falschen Quinte bildet sich zur Terz des Dreiklangs."

"Man streitet über den Ursprung des Accords der übermässigen Sext; je nachdem man die Quart oder die Quinte dazu nimmt, kann man ihn von zweierlei Septimenaccorden herleiten: dem Accord der kleinen Septime auf dem verminderten Dreiklange, und dem Accord der verkleinerten Septime. Die erste Herleitung hat die geschichte der Musik für sich. Die Alten brauchten den Terzquartenaccord, um zu einer Art von Schluss auf der Dominante der weichen Tonarten zu gelangen. Wir tun diess ebenfalls, und erhöhen nur die Sext einen halben Ton, um zur Dominante die Note sensible zu erhalten, welche jenen fehlte."

"Andre behaupten, er sei eine Umkehrung des verkleinerten Septimenaccords, und wollen dazu die Quinte, oder, wegen Gefahr verbotner Quinten, nur die Terz, welche man verdoppeln kann; der Bass aber, sagen sie, werde einen halben Ton niedriger genommen, um den Charakter der weichen Tonart im Absteigen beizubehalten. Wenn man den Accord versetze, so komme die Septime sogleich, nur mit der verminderten Terz, zum Vorschein."

"Die übermässige Sext ist herber Uebergang in die Dominante oder Quinte eines Molltons. Ihr Ausdruck ist tiefes Weh, äusserster Schmerz, der seiner natur nach wenig Momente dauern kann, wie wenn man eine Wunde bekommt durch Stich oder Hieb. Sie drückt gewissermaassen die Schärfe, die Spitze aus, wodurch das Leiden entsteht."