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i t t e S e p t i m e n a c c o r d ist der Ac

cord der kleinen Septime mit der kleinen Terz und falschen Quinte. Er kommt in der diatonischen Leiter nur einmal vor. Wenn er wesentlich, und die Dissonanz kein blosser Vorhalt ist: so drückt er Kampf und Leiden aus, und gehört unter die tragischen."

"G l u c k braucht ihn in der Verwechselung der

Sextquinte gleich beim ersten Ausruf des Orestes zu Ende des ersten Akts der Iphigénie en Tauride zu den Worten: O mon ami, c'est moi, qui cause ton trépas. Eben so darin wieder Orestes zum Pylades, in der ersten Scene des zweiten Akts: Je t'ai donné la mort. Und in der zweiten Scene des vierten Akts, wo Orest sterben will: Les dieux m'en avoient fait un devoir nécessaire, in der Verwechselung der Secunde19. L e o bringt im Miserere durch ihn die rührendsten Stellen hervor. Die herzergreifendste ist: Et spiritum rectum innova in visceribus meis. Bei rectum ist er in der Verwechselung der Terzquartsext mit dem herben Vorhalt der grossen Septime. Bei visceribus meis geht ihm dann die grosse Septime und übermässige Sext erschütternd vor; und, in visceribus, wird zweimal in der Verwechselung der Sextquinte darin wiederhohlt. Man kann nichts Flehenderes hören, als die, drei Takte lang angehaltne Quinte des Soprans und Sexte, mit Abwechselung des höhern halben Tons in der Melodie, des Tenors dazu. Die ganze Stelle ist noch ein Meisterstück von melodischem Auseinanderbreiten der Stimmen."

"Bei Septimengängen, wo er in die Dissonanzen der vorigen übergeht, merkt man recht die Schwermut, die darin liegt."

"Der Accord, wo die kleine Septime auf dem verminderten Dreiklange nur einen Vorhalt der kleinen Sexte macht, ist die köstlichste, süsseste und erquikkendste Frucht des ganzen Tonreichs; bei keinem schmelzen so reizende Tinten zur ausdruckvollsten höchsten Schönheit zusammen; R a p h a e l , C o r r e g i o und T i z i a n können durch die ausempfundenste Mischung der Farben nichts Lieblicheres in blick, Kuss und Umarmung holder Jungfrauen und Jünglinge, zärtlicher treuer Freunde, darstellen."

"In der Septime schwebt erstlich das Gefühl des eigentlichen dritten Septimenaccords, nur nicht tragisch, sondern gemildert und gereinigt; dann ihr eigenes, als zärtlicher Vorhalt; dann etwas von dem Herben der None, nach der Grundharmonie; ferner im Ganzen desselben das Schmachtende des verminderten Dreiklanges; dann in der Quinte und der bald auf die Septime folgenden Sext dazu das Entzückende des ersten Septimenaccords in der ersten Verwechselung, der Sextquinte; und auf der Note sensible zittert alles vor Lust, und glänzt wie Wonneträne."

"Auch haben die grössten Komponisten, so wie die bewundertsten Sängerinnen und Sänger, mit diesem Accord ihre höchsten Zaubereien verrichtet. Er hat etwas äusserst Bittendes und Flehendes; sein eigentlicher Charakter ist die süsseste Zärtlichkeit; und er gehört ohne allen Zweifel zu den entzückendsten Accorden für den Ausdruck."

"M a j o braucht ihn meisterhaft in dem herrlichen Duett am Ende des zweiten Akts vom Montezuma:

Caro ti lascio addio!

Ben mio addio! Er lässt in ihm auf der Silbe di eine Kadenz halten, und bringt ihn, zur höchsten Verstärkung des Ausdrucks, gleich wieder auf einem andern Tone bei den Worten: Mi si divide il cor."

"J o m e l l i im zweiten Akt des Vologeso (Scene 2) bei Lascia mi, o cara, la pace in sen. Und in der göttlichen Arie der Berenize im zweiten Akt eben dieser Oper bei L'ira sospendi, sospendi l'ira!"

"So in G l u c k s Alceste bei Io morirò d'amor in der schönen Arie Non vi turbate, no! (letzte Scene des zweiten Akts.) Und doppelt bei den Worten des Achilles in der Iphigénie en Aulide (Akt II. Sc. 5.): Je saurai me contraindre."

"Noch eins der schönsten Muster seines Ausdrucks ist in desselben Meisters Iphigenia in Tauris (Akt III. Sc. 4.) bei den Worten des Pylades: Oreste, hélas! peut-il me méconnaître20!"

"Der v i e r t e S e p t i m e n a c c o r d ist der Accord der grossen Septime mit der reinen Quinte und grossen Terz. Er kommt in der diatonischen Leiter zweimal vor."

"Bei diesem ist die Kraft am angestrengtesten, und er gelangt erst durch die Tiefen der vorigen wieder zur Ruhe, oder reinen Existenz. In seinen Verwechselungen ist er der ungelenkigste unter allen."

"Ein vortrefliches Muster seines höchst tragischen Ausdrucks ist in Admets No, crudel, in G l u c k s Alceste bei den Worten: E un si barbaro abbandono, in der ersten Umkehrung desselben, der verkleinerten Sext; wo aber die Melodie den Sturz der grossen Septime des Grundaccords selbst hat. Die reine Quinte wird hier herbe Dissonanz, und kämpft recht, wie göttlicher heroischer Charakter in den Tragödien des S o p h o k l e s und E u r i p i d e s , mit den Uebeln der Welt."

"Viel verstärkter ist sein Ausdruck in der sechsten Scene des zweiten Akts der Iphigenia in Tauris, wo der Chor in Iphigeniens Worte: Mêlez vos cris plaintifs à mes gémissemens