1795_Heinse_036_125.txt

sie hervorgebracht werden, richten. Doch überall bleibt das Allgemeine, ihr verhältnis von Höhe und Tiefe und Dauer zu einander; und der Charakter, der Ausdruck desselben."

Während dieser Einleitung waren sie nach haus, und bis in den Musiksaal gekommen. H i l d e g a r d hielt sich noch ein wenig in der Küche auf; unterdessen stimmte L o c k m a n n das Klavier, und fing an, als sie hereintrat.

"Das Beständige und Allgemeine des Ausdrucks liegt in der Harmonie und dem Rhytmus; die Melodie schöpft aus beiden ihr Lebendiges."

"Die Griechen vernachlässigten die erstre; wir Neuern den letzteren."

"Harmonie und Disharmonie ist leichtes oder schweres verhältnis der Luftschwingungen in verschiednen Formen, und verschiednen Graden von Geschwindigkeit für das menschliche Ohr."

"Die verschiednen Formen entstehen durch Verschiedenheit der Kehlen und Instrumente. Diese Art von Harmonie und Disharmonie ist, was wirkung betrift, noch wenig untersucht worden; man hat sie, ungeachtet ihrer grossen Wichtigkeit, immer dem eignen Gefühl der Komponisten, und übrigens meistens dem Ungefähr überlassen."

"Die leichten und angenehmen Verhältnisse gehen bis auf die Zahl sechs, von 1, 2, 3, 4, 5 und 6; und bis auf die mehrfache Verdoppelung dieser Zahlen. Die natur selbst hat das Ohr des Menschen darnach geformt; d i e B o g e n g ä n g e d e s L a b y rints sind gerad' in den Verhältn i s s e n d e r H a u p t k o n s o n a n z e n – der Oktav, reinen Quinte und grossen Terz – 2, 3, 517."

"Wenn das grosse tiefe E E i n e Schwingung macht, so macht in derselben Zeit das ungestrichne C deren z w e y , das ungestrichne G d r e y , das eingestrichne C v i e r , das eingestrichne E f ü n f , und das eingestrichne G s e c h s ."

"Und hier haben wir alle Töne, die man Konsonanzen nennt, wenn man die dritte Oktav (a c h t ) im zweigestrichnen C noch hinzunimmt."

"Ueberhaupt sind K o n s o n a n z e n die T ö n e d e r D r e y k l ä n g e , die zu ihrer Vollständigkeit keinen vierten nötig haben. Der verminderte Dreiklang ist schon ein Bruchstück der kleinen Septime."

"Die Oktave, 1 und 2, stimmt so mit dem Grundton zusammen, dass die Töne dem Ohr fast nur zu Einem Ton werden. Sie ist die vollkommenste Konsonanz, und will durchaus rein sein. Die Griechen liebten sie vor jeder andern; ihr Chor soll in ihrem besten Zeitalter nur daraus bestanden haben. Sie gleicht Vater und Sohn. Auch das Auge liebt dieses verhältnis; und in der Baukunst gibt es die schönsten Türen und Fenster."

"Die vier Oktaven unsers Systems sind wie Knabe und Jüngling, Mann und Greis; der Umfang von Gefühlen des menschlichen Lebens. Was wir an Tiefe von Kenntnissen gewinnen, verlieren wir an Stärke und Behendigkeit."

"Der Oktav am nächsten kommt die Quinte, in dem verhältnis von 3 zu 2. Sie ist der himmlische Geist, der den schon organischen Stoff ausbildet, und darin strahlt und glänzt."

"Dann erhebt sich die Quart, 4 zu 3, in der zweiten Oktave zur höhern Ausbildung und Festigkeit."

"Und endlich die grosse Terz, 5 zu 4, als das Herz, der Sitz vom Leben und vom frohen Gefühl des Daseins in höchster Vollkommenheit."

"O, wär' ich P y t h a g o r a s , um Ihnen die entzükkende Vollkommenheit aller Urgeschöpfe in den geheimnissvollen Verhältnissen von 1, 2, 3, 4 und 5 tief genug auszuempfinden und zu schildern!"

"Dann ertönt die Oktav, 6, von der Quinte 3; und es entsteht die kleine Terz, das eingestrichne G zu dem eingestrichnen E, in dem Verhältnisse von 5 zu 6: der Geist schon nicht mehr im Schaffen und freien Wirken, sondern wie vom Himmel verbannt, hienieden auf der Erde umherschauend; wenn ich das Bild noch ferner anwenden darf."

"Die grosse und kleine Sext sind nur umgekehrte "Das verhältnis von 1 zu 7, odernach der zwei"T a r t i n i , welcher ihn die konsonirende Septime aber nannte diese 7 einen verlornen Ton, und schloss ihn von der Harmonie aus."

"Das verhältnis von 6 zu 7, zum Beispiel von dem eingestrichnen G zu einem Ton zwischen dem eingestrichnen A und B, der zum eingestrichnen C weder die übermässige Sext (welche sich dazu wie 1/2 2/2 8/5 verhält), noch die kleine Septime wäre, die in dem Verhältnisse 9/16 mit diesem Tone steht; ingleichen das verhältnis von 7 zu 8 fällt also weg, und die erste Dissonanz fängt in dem Verhältnisse von 8 zu 9 an, welches die grosse Sekunde, das zweigestrichne C zum zweigestrichnen D, ausmacht."

"Alle Teile einer Saite kommen bei dem Anschlag oder Strich nach und nach, mit der g e s a m m t e n Bewegung auch in e i n z e l n e ; bei langer Dauer vom Ton des grossen C kann sich endlich das viergestrichne C hören lassen;