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worin er den Vorsatz äussert, seinen Freund zu retten."

"Die mehrsten vorhergehenden Arien haben Griechischen Rhytmus, und geben der Handlung etwas Antikes, welches die Täuschung noch befördert."

Vierter Akt.

"Vortrefliche Darstellung der Iphigenia, wie sie nun bald den Orestes opfern soll."

"Die Arie: Je t'implore et je tremble, o Déesse implacable, drückt den Widerwillen und inneren Kampf gut aus. G l u c k hat in dieser Oper einige Arien im gemilderten Italiänischen Styl angebracht, die dem Ganzen Zierde geben; unter andern diese, welche den Charakter einer Arie der Berenize von ihm hat."

"Nun kommen die traurigen Chöre der Priesterinnen, ganz vortreflich und voll weiblicher Grazie: O Diana, sois nous propice; und: Chaste fille de Latone; immer nur in zwei Sopranstimmen."

"Göttliches Recitativ der Iphigenia und des Orestes dazwischen; ganz aus der Seele declamirt: Voilà le terme heureux de mes longues souffrances! und die kurze Cavatine: Que ces régrets touchants pour mon coeur ont de charmes!"

"grosser Teaterstreich, wie Iphigenia das Messer in die Hand nimmt, und Orestes, knieend, vor dem Stosse noch ausruft: Ainsi tu péris en Aulide, Iphigénie, o ma soeur! Die Erkennung, recht auf Einen Punkt gesammelt, brennt und lodert. Sie ruft: Mon frère Oreste! und der Chor der Griechischen Priesterinnen: Oreste, notre Roi!"

"Mit Genie ausgefühlte zarte Züge. I p h i g e n i a : O mon frère! in A dur, Melodie in der grossen Terz. O r e s t e s : O ma soeur, oui, c'est vous! in A moll, der kleinen Terz."

"Göttlich darauf Iphigenia: O mon frère, o mon cher Oreste! in E moll; und weiter hernach: Laissons ce souvenir funeste! Laissez moi ressentir l'excès de mon bonheur! jubelnd im ganz heitern C dur. Eine himmlische Cavatine!"

"Der Ausgangwo Toas kommt und erfährt, dass der Fremde Orestes ist, ihn grausam barbarisch dennoch geopfert haben will, und von Pylades, der mit einer Schaar Griechen herbeieilt, umgebracht wird, worauf denn Diana erscheinthat gute passende Musik. Der letzte Chor: Les Dieux long tems en courroux, ist vortreflich."

"G l u c k umwindet sein Lieblingskind gleichsam mit einem Zaubergürtel, indem er das Gewitter, wie in der Ferneein Muster vom Gebrauch des Orchesters!1 – bei dem Gefecht der Griechen und Scyten im vierten Akt; und die Begleitung der Arie des Orestes im zweiten Akt, während deren dieser zur Ruhe kommt und einschlummert, – als Diana erschienen ist, passend wieder anbringt.2"

"Um einem recht fühlbar zu machen, was Musik ist und bewirken kann: lasse man dieses Drama, o h n e Musik von treflichen Schauspielern aufführen. Es wird eine unerträgliche Nüchternheit entstehen, und der grösste teil vom Rausche der leidenschaft verschwinden."

"Die Pariser haben nicht übel geurteilt, als sie von G l u c k s Musik sagten: sie sei antiker Schmerz, Griechische Tränen, und jungfräuliche Frischheit. Alles dreies trift in den Iphigenien zusammen."

"Zuhörer," fuhr L o c k m a n n fort, "die das Ganze nicht kennen, verlieren zu viel, wenn man einzelne Scenen aus G l u c k s neuern Werken für sie herausheben will; die Musik ist fast immer mit Poesie und Handlung unzertrennlich vereinigt, und alle Scenen bekommen ihren wahren vollen Gehalt durch das Vorhergehende und Nachfolgende. Ausserdem gehört Musik, deren wirkung das Genie für eine Peterskirche, für ein Teater von S. Carlo berechnet hat, nicht für Säle und Zimmer; die Sphäre ist schon viel zu beschränkt für die Gewalt der Posaunen, Trompeten und Pauken, und solche Musik passt so wenig hinein, als Figuren aus einer Kuppel des C o r r e g g i o , oder aus der Kreuzabnehmung von R u b e n s . Dergleichen Sachen muss man an Ort und Stelle selbst sehen und hören, wie den Mont blanc in natur, das Wetterund Schreckhorn, die Stürze des Rheins, Rhodans und der Aar, und die Wut des Boreas in den schäumenden Wogen des Weltmeers. Nur ein Kenner von viel Erfahrung und lebhafter Einbildungskraft kann, abgesondert von dem Ganzen, dem Künstler einigermaassen nachempfinden. Ein blosser Teoretiker lese die Partitur vom Recitativ des Orestes: Quoi, je ne vaincrai pas ta constance funeste! hör' es dann mit vollem geübten Orchester in einem weiten Schauspielhause: und er wird die Wahrheit des hier Gesagten auch wider Willen empfinden."

"Doch wollen wir in der Folge zu unserm eignen Genuss einige Rhapsodien wagen."

"Ehe wir mit G l u c k anfingen, bracht' ich Ihnen, weil ich die Abschrift damals noch nicht ganz erhalten konnte, die schönsten Scenen der besten Oper, die ich in Italien gehört habe. Ich hoffe, dass man sie in unserm Konzert mit grossem Vergnügen hören wird."

H i l d e g a r d hatte sich schon an den herrlichen Melodien geweidet, ohne noch den Sinn der Worte recht fassen zu können. Sie hohlte die Scenen gleich von ihrem Zimmer. L o c k m a n n legte sie nach einander in Ordnung, und sagte:

"Die