und der Schmerz vermag nicht mich zu tödten. 39 Du weisst die ganze bittre geschichte einer unglücklichen Familie. 40 Hör' unsre Klage, das Aechzen, das Seufzen, o Schatten, der du hier am traurigen Scheiterhaufen schwebst! und wandle dann glücklich in den Schooss des ewigen Friedens. 41 Teurer, zärtlicher Schatten, ach, warum eilst du zu deiner Ruhe, und ich bleibe hier?
Heiter wirst du der Wonne in den seligen Wohnungen geniessen, wo weder Zorn noch Schmerz hinlangt, weder Zorn noch Schmerz! wo ewige Vergessenheit jede sterbliche sorge einhüllt. Unter den väterlichen ken, noch an diesen verhassten Sitz des Leidens. Teurer zärtlicher Schatten, ach! warum eilst du zu deiner Ruhe, und ich bleibe hier? 42 Ich bleibe, um immer zu weinen, wo mich das harte Schicksal von einem Grauen ins andre leitet. Ach warum erscheint, die Tränen zu enden, holdselig der Tod für mich noch nicht! 43 M o z a r t starb, so sehr er auch bewundert wurde, in Armut und Dürftigkeit. Der alte H a y d n , der jubel aller Konzerte in Europa, erwirbt sich seinen Unterhalt in London. 44 M o z a r t hat, von dieser Ouvertüre entzückt und bezaubert, einen Schluss dazu gemacht, ganz im geist G l u c k s , und wirklich erhaben, zum Triumph über alle Symphonien in Konzerten, die H a y d n i s c h e n nicht ausgenommen. 45 Man wird sogleich sehen und fühlen, was ein S o p h o k l e s , selbst im Französischen, und ein G l u c k mit einander hätten bewirken können. Jener würde sich von der ganz unnützen eingebildeten Form der Jamben gar nicht haben stören lassen. 46 Die Franzosen lassen sich diess leicht gefallen; dans nos chants, heisst es bei ihnen, la valeur des notes détermine la quatité des syllabes. 47 Es ist, leider! auch nichts davon zum Vorschein gekommen, und alles mit ihm begraben worden.
Dritter teil
Im nächsten Konzert wurden die göttlichen Scenen der Antigone von T r a e t t a aufgeführt; und Alle hielten sie für die höchste Vollkommenheit der Kunst. So ganz sich und alles um sie her vergessend hatte man H i l d e g a r d e n noch nicht gesehen: sie war leibhaftig die erhabne zärtliche Griechin, welche auf dem nächtlichen Schlachtfelde vor Teben die heilige letzte Pflicht gegen den geliebten erschlagnen Bruder erfüllt; auch so in dem weissen Trauergewand und Schleier. Den Kältesten traten die Zähren des Mitleids in die Augen bei der feierlichen Klage des Chors, ihren seelenrührenden Accenten dazwischen, und den wehmütigen gefühlvollen reinen Nachlauten an den abgeschiednen Geist, von der hohen jungfräulichen Schönheit. Es herrschte dabei die tiefste Stille: nichts regte sich; Luft und Herzen füllte nur süsse Trauer von Melodie und Harmonie.
Der Prinz war der erste, welcher eine Weile hernach zu H i l d e g a r d e n sagte: "Unsere Empfindungen gestatten keinen Ausdruck von Worten; wir alle schweben bei dem Zauber Ihrer Töne zwischen Erd' und Himmel. Mit welcher wunderbaren Gewalt entzückt und fesselt Ihre stimme!"
Er wendete sich dann zu dem jungen Kapellmeister, und sagte: "Noch hat keine Musik so starken Eindruck auf mich gemacht; sie fasst rührend das los der Menschheit in sich."
Die Damen wollten die Scenen wiederhohlt haben; aber H i l d e g a r d und der Prinz gestatteten es nicht: "So etwas," sagten sie, "verliert durch die Wiederhohlung, und bekommt einen Anstrich vom Gemeinen. Alles Erhabne und Ausserordentliche zeigt sich nur einmal in der natur, feierlich vorüberschreitend; und so soll es auch in der Kunst sein: wenigstens muss eine Zeitperiode dazwischen fallen, wo die Kunst alsdann wieder neu und nicht mehr gemerkt wird."
L o c k m a n n kam den Tag darauf um die gewöhnliche Zeit. Die Mutter war wieder mit ihrer Arbeit beschäftigt, und schien sich nun den Musiksaal zu ihrem gewöhnlichen Aufentalt gewählt zu haben. H i l d e g a r d sass schon mit der I p h i g e n i a i n T a u r i s am Klavier.
Sie hielten alle drei diese Oper, nebst der Alceste, für G l u c k s grösstes Meisterstück.
"Der Plan des Gedichts," fing L o c k m a n n an, "ist mit Verstand und Kenntniss dessen, was wirkt, angelegt. G u i l l a r d hat das Ganze für seine Zeit bearbeitet, und Scenen erdacht, die, mit der Gewalt der Musik, wie Pfeile das Herz treffen. Er hätte zwar mehr Schönheiten vom E u r i p i d e s hineinbringen können; aber er hat auch manches Unnütze weggelassen. Was beim blossen Lesen zu künstlich ist und die Täuschung stört, verschwindet bei der lebendigen Fülle und dem Zauber der Töne im wirklichen Schauspiel. Man kann diese Oper kühn unter die wenigen höchst vollkommnen Werke ihrer Art rechnen."
"Es ist nichts Mittelmässiges darin; alles greift ein, und macht das rührendste Schauspiel tiefer Leiden von drei grossen vortreflichen Menschen: der gefühlvollen unter Barbaren verbannten Iphigenia; des ächten Helden Orestes; und des ächten Helden und Freundes Pylades. Die schönen Chöre der Griechischen Priesterinnen, Scyten, Eumeniden, und endlich