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. Er wollte um drei Uhr, die bestimmte Zeit, gehorsamst aufwarten. Dieses setzte sein ganzes Innres und seine Einbildungskraft heftig in Bewegung, und er ging hastig in seinem Zimmer auf und nieder.

H i l d e g a r d herrschte zu haus, und tat, was sie wollte; obgleich voll kindlicher Ehrerbietung und des zärtlichsten Gehorsams gegen ihre Mutter. Diese folgte ihr in allem; sie war aus einer Menge Proben überzeugt von der klugen Aufführung, Einsicht und Menschenkenntniss ihrer Tochter. H i l d e g a r d hatte schon manchem jungen Herrn in London und zu Spaa den Kopf verrückt, sich selbst aber nie betören lassen; und war jederzeit den gefährlichen Gelegenheiten schlau und fein ausgewichen. Sie trieb ihr obgleich mutwilliges doch unschuldiges Spiel immer nur bis auf einen gewissen Punkt, über dessen Grenze sie bisher nichts verleiten konnte. Die Wörter, Phrasen und Dityramben von ihrer Schönheit, ihren Talenten und Vollkommenheiten, von Grausamkeit, Kälte, Eis, Flüchtigkeit der Jugend hörte sie bald nur zum blossen Zeitvertreib. Da sie London überstanden hatte, so konnte bei der Deutschen Redlichkeit fast keine Verführung mehr für sie möglich sein.

Sie war der Augapfel ihres vortreflichen Vaters, seine Hauptfreude und sorge gewesen, und ihre Erziehung in allen Punkten reiflich überlegt worden; was sie jedoch unnötig machte, da sie, gerade so wie er wollte und wünschte, sich fast gänzlich aus sich selbst bildete, und nur die besten Meister zum Unterricht, und die vorzüglichsten Personen besonders ihres Geschlechts zum Umgang erfordert wurden.

Das Glück begünstigte sie in allem. Schon als Kind war sie über Falschheit, Verstellung, Verräterei, Neid und Bosheit bei den Menschenpflanzen, ihren Gespielinnen und Gespielen, ohne grossen Schaden klug geworden; und hatte an die ersten aller Tugenden: Schweigen, und für sich zu bestehen, Bescheidenheit und gerechte Würdigung eines Jeden; und was auf die Dauer gefallen und missfallen muss, ihr Herz, ihre lebhaften Sinnen und immer klare heitre Seele früh gewöhnt.

Nur ein schlimmer Zug war in England bei den Wettrennen und grossen Spielen ihrem edlen Charakter gleichsam angeflogen; und dieser bestand darin, dass sie es zuweilen wagte, eine Summe, die sie jedoch aus ihrer Sparbüchse und von ihrem Taschengelde musste entbehren können, auf ein Kartenblatt zu setzen. Das letztemal, als sie kurze Zeit mit ihrem Vater zu Spaa sich aufhielt, hatte sie unvermerkt im Pharao an die tausend Louisd'or gewonnen.

Ihr Vater, der davon erfuhr, und dem sie aus Furcht nicht die Hälfte angab, machte ihr zum erstenmal die bittersten Vorwürfe darüber. Er stellte ihr die entsetzlichen Folgen, die daraus entstehen könnten, zum teil noch unter Augen, mit den schrecklichsten Beispielen vor. Sie vergoss heisse Tränen bei der harten Strafpredigt, fiel vor ihm nieder, beteuerte und schwur: sie sei von einer guten Freundin gereizt und verleitet worden, und werde es nie wieder tun. "Diess verlang' ich nicht," sagte der strenge, doch zärtliche Vater; "ich habe die hoffnung und das Zutrauen zu deinem guten verstand, dass es in Zukunft allezeit dein eigner freier Wille sein wird, dich nie in ein solches Spiel zu mischen, wo ein blindes Ungefähr den Ausschlag gibt, die Bank offenbar den Vorteil hat, und nur zu oft Betrügerei obwaltet, die mit einigen glücklichen Fällen zur leidenschaft hinreisst."

Inzwischen liess er ihr das gewonnene Geld, war aberwas ihr in der Seele weh tatauf der Reise nach London nicht mehr so guterzig und freundlich; und starb dort bald darauf.

Ihre Hauptleidenschaft war Gesang und Musik, und lyrische und dramatische Poesie dafür; diese überwog bei ihr alles andre.

Als L o c k m a n n am haus schellte, fing ihm das Herz stärker an zu klopfen. Diese Bekanntschaft schien ihm schnell und plötzlich eine neue volle sprudelnde Quelle in sein Leben zu werden. Das Innre der wohnung traf er so reinlich an, alles so schön angelegt, die Zimmer meistens mit kostbarem Englischen Hausrat versehen, zum teil mit Gemählden und Kupferstichen behangen, und alles mit so viel Geschmack eingerichtet, dass es ihn ergötzte und aufheiterte.

Als er in das Besuchzimmer eingeführt wurde, fand er da die Frau v o n H o h e n t h a l mit ihrem S o h n , dessen H o f m e i s t e r , und einem jungen schönen klug aussehenden Weibchen, welches sie ihm als Frau v o n L u p f e n bekannt machte. Sie waren alle gleich um ihn, und empfingen ihn höflich und herzlich; besonders freute sich Frau v o n L u p f e n und der S o h n für den Sommer auf seine Gesellschaft.

H i l d e g a r d kam bald nachher in einem Kleide von grüner Seide, das Haar leicht gelegt und gelockt, und brachte in einem Körbchen voll Blumen den schönsten Frühling zur Tischverzierung; redete ihn traulich an und sagte: "Wir werden Sie haben ein paar Stunden fasten lassen; und doch geben wir schon eine Stunde von London nach. Nächstens wollen wir wieder gute Deutschen sein. Zwar assen die klassischen Nazionen, wie Herr F e y e r a b e n d sagt, (so hiess der Hofmeister) die Griechen und Römer, noch später, als die Engländer."

"Gewiss, versetzte L o c k m a n n , gewinnt man bei