in lyrischer Poesie noch Musik, aufzuzeigen haben, was damit in Vergleichung gesetzt werden könnte."
"Nur ist zu befürchten, dass verschiednes seinen
Eifer erkältet habe47."
Sie sprachen mehr hierüber; und gingen dabei im Saal auf und nieder. Es fing schon an dunkel zu werden; um so weniger wich die Mutter von der Stelle. L o c k m a n n zögerte, und zögerte; musste aber endlich fort gehen. O, wie so ungern verliess er H i l d e g a r d e n ! Wie setzte der süsse blick ihrer schönen Augen, das holdselige Lächeln ihres schönen Mundes alles bei ihm in Wallung! O wie sehr schmachtete er nur nach einem Kuss, einer Umarmung! Aber auch nicht ein Augenblick war dafür zu erhaschen.
Er stand auf der Treppe, und unten im hof, wo er den Schlüssel an der Gartentür erblickte, noch einigemal still. Niemand liess sich sehen; nun konnte er sich nicht bändigen, und schlich sich hinein.
Er taumelte vor Begierde, wie ein lüsternes Kind, nach der Wasservertiefung, und lauschte zwischen den Lindenstämmen, ob Jemand käme. Es wurde völlig dunkel, und noch kam Niemand. Der Tag war wieder warm gewesen, und jede Fiber in ihm verlangte und hoffte voll Entzücken und Bangigkeit, dass H i l d e g a r d zum Bade kommen sollte. Die Sterne schwebten am Himmel funkelnd im ewigen Freudenfeuer ihre Strasse fort; Lyra, Kassiopeja, Andromeda blickten freundlich in sein Wesen. H i l d e g a r d , schöner als sie alle, die Zierde der Schöpfung, erschien nicht. Die Glocken schlugen Viertel und Stunden in sein hochlebendiges Gefühl, bis das Silberlicht vom Aufgang des Mondes in Osten sich zeigte, er selbst dann gross und hehr am Wald empordrang, und Blumen und Gesträuch, Zweig' und Wipfel des Gartens überglänzte. Wie ein Nimrod stand L o c k m a n n auf der Lauer; aber das scheue flüchtige Reh erschien nicht.
Er trat im Schatten leise auf und ab, und wagte sich wieder bis vor den Eingang. Mitternacht war vorbei; nichts regte sich mehr im haus. Er fand die Tür noch unverschlossen. Kaum könnt' er so viel Besinnung fassen, dass er dem Versuch widerstand, sich wie ein Dieb die Treppe hinauf bis in ihr Heiligtum zu stehlen. Lärm – das fühlte er – dürfte sie doch nicht machen, wenn er einmal bei ihr wäre. Bewunderung und Anbetung ihres hohen Wesens, die Charitinnen der Venus Urania, hielten ihn wie sichtbar selbst an der Rechten zurück, und Amor schwebte mit raschen Fittichen voran, und zog ihn mächtig bei der Linken: als ein Wind sich regte, und ein Fenster zuschlug, die Zweige rauschten, die Luftbilder verschwanden, und er sich plötzlich in Sicherheit entfernte.
Heftiger im inneren bewegt, ging er wieder zu der Wasservertiefung. O, wie die Quellenflut ihm so lieblich in die Seele blinkte! Er sprach mit ihr, und dem Mond, dem Orion, Sirius und Stier am östlichen Himmel, mit Blumen und Gesträuch; kleidete sich gegen Morgen aus, und senkte seine Glut in das entzückend frische reine göttliche Element, an einer Stelle, wo er bis an die Brust Boden fand, weil er nicht schwimmen gelernt hatte; tauchte dann den Kopf hinein, rauschte mit den Armen umher, und hätte sich vor schmachtender Lust ersäufen mögen, in dem Versuch, wie sie herumzuwallen. Abgekühlt trat er heraus, tat einige Sätze in die Luft, wandelte kindisch, wie sie das erstemal, auf dem Rasen herum, trocknete sich dann ab, kleidete sich wieder an, und spähte nun die beste Stelle aus, wo er bequem über die hohe Mauer klettern könnte; denn zu bleiben hielt er für allzu gefährlich. Am Ende des Gartens fand er eine buch, von welcher ein paar starke Aeste sich über die Mauer streckten. Er hohlte noch eine nicht völlig glatte Stange, woran man sich festalten konnte, um auf der andern Seite sich daran niederzulassen; schnitt dann in die zarte Rinde der buch den Nahmen I p h i g e n i a zum Andenken, kletterte hinauf, zog die Stange nach, und stellte sie auf der andern Seite fest. So kam er glücklich herunter, und durch die öden Strassen in das Schloss, nur von der da stehenden Wache bemerkt, die ihn erkannte, und ungestört auf seine Zimmer gehen liess.
Er überblickte noch einmal aus dem Fenster seine Pfade, und die reizende, lieblich vom Mond beleuchtete Gegend; kleidete sich dann aus, ass noch ein nahrhaftes Stück kalten Kalbsbraten, und trank dazu eine Flasche köstlichen Burgunder; legte sich, als schon der Morgenschimmer lebendig in Osten auftrat, zu Bette, voll von H i l d e g a r d e n und ihrem Zauberkreise, und wiegte sich damit in einen erquickenden Schlaf ein.
Fussnoten
1 Ich habe vernommen; sei zufrieden, wenn ich aufhöre dich zu hassen. 2 Unglückliche Sophonisbe, nun bist du auf dem Gipfel des menschlichen Elends! – Ohne hoffnung beklag' ich mich vergebens. 3 Welch ein wildes Schicksal, welch ein seltner Fall ist der meinige! 4 Sophonisbe, was wartest du?
An meinen Lippen hab' ich schon den tödtlichen Becher. Warum zittert mir die Hand? Welch eine Dunkelheit verbreitet sich rings um mich! Unter den unsichern Tritten warum wankt mir der Boden! Wo