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dachte schon auf Plane; aber es war ihm, wie einem Wandrer, der in ein reizendes Tal sich verirrt, voll Bäche, Quellen, und Wasserstürze und anmutiger Waldung, wo er aber lauter unersteigliche Gebirge vor sich sieht, und keinen andern Ausweg findet, als wieder zurück zu kehren. Sie dachte auch auf Plane, mit viel erfreulichern Aussichten.

Kurz vor der probe schrieb er die wenigen Worte nieder:

"Fratres, ego enim accepi a Domino. Di Palestrina."

"Der Text sind die Einsetzungsworte beim Abendmal."

"Fratres, ego enim accepi a Domino, quod et tradidi vobis; quoniam Dominus Jesus, in qua nocte tradebatur, accepit panem, et gratias agens fregit et dixit: Accipite et manducate, hoc est corpus meum. Hoc facite in meam commemorationem."

"Vortrefliche Musik. Der Anfang besteht aus den reinsten Konsonanzen, zweistimmig; Quinten, Oktaven, Quarten, Terzen, Sexten. Darauf imitirt der Alt und Bass."

"Es wechseln immer zwei Chöre ab, und verflechten sich zuweilen bei den Hauptstellen. Sie bestehen beide aus zwei Sopranen, Alt und Bass. Die Harmonie geht nur zweimal drittehalb Oktaven auf dem tiefen B im Basse aus einander, bei 'gratias agens' und 'in meam commemorationem.'"

"Der Hauptton ist G moll."

"Der Name Jesus wird durch die Harmonie meisterlich herausgehoben; Dominus ist im Accord C dur, Je in B dur und fällt durch eine Kadenz in F dur. Und im ersten Chor sogleich von Dominus in F dur, Je in Es dur, und die Sylbe sus in B dur. Diess scheint Kleinigkeit, ist aber bei der Aufführung von der grössten wirkung, und stellt das Gefühl der Gläubigen dar. Es ist gerade dasselbe, als wenn der Prediger auf der Kanzel bei dem Namen sein Käppchen abnimmt."

"Bei Accepit panem, et gratias agens, winden sich beide Chöre wie im Taumel achtstimmig voll Kunst durch einander. Accipite et manducate: hoc est corpus meum; ist am öftesten wiederhohlt, und vortreflich ausgeführt durch die schönsten Verflechtungen."

"Hoc facite in meam commemorationem, wird mit aller Pracht ausgeführt in C dur, F dur, B dur, F dur, C dur, G moll, D dur, und G dur."

"Ich habe diese Musik in der Peterskirche zu Rom aufführen hören. Die Kapelle sass in einem Gegitter, und man konnte keinen Sänger sehen. Die Harmonie ward dadurch noch mehr zu einem Ganzen; welches in seinen Windungen und gleichsam verwirrtem Dialog von Chören das Geheimnissvolle der Handlung, und die Gefühle gläubiger Christen dabei vortreflich darstellt. Jeder Chor scheint ein Ganzes für sich zu machen; das Zusammenpassen und Schmelzen ist eben die grosse Kunst bei so vielstimmigen Sachen." Die probe des Miserere ging gut genug, so dass keine mehr nötig war; und in das kleine Werk von P a l e s t r i n a studirten sie sich bald ein. Freitag Morgens, es war Mittewoch, sollte noch einmal eine probe von allem gehalten werden.

Darauf machte L o c k m a n n einen Strich ins Feld

hinein, ergötzte sich an der Fruchtbarkeit und Schönheit des Landes, sah auf den Höhen von fern den Vater Rhein wie einen breiten Lichtstrom prächtig vom Himmel hernieder blinken; und pries sich glücklich, in dieser herrlichen Gegend zu leben. Dazwischen war aber immer sein geheimes heftiges Verlangen H i l d e g a r d ; doch konnte' er noch nichts Klares darüber in seinem Kopf hervorbringen. Er hatte den Tag Bewegung genug gehabt, und ging, als schon die Lyra über ihm durch das blaue Heiter der Luft glänzte, nach haus, um gut zu essen, zu trinken und zu schlafen.

Den folgenden Morgen war die Sonne so eben über das Gebirg' empor, als ihn ihr starkes Licht weckte. Das Fernrohr fiel ihm ins Auge, und mit einem Sprung hatte er es in der Hand, das Fenster offen, und schaute. Er konnte an den Linden Stamm und Zweig und jedes Blatt unterscheiden, als ob er sie auf wenig Schritte vor sich hätte; sah ein klares und helles Bächlein zwischen Blumen auf grünem Rasen darunter weg in die Wasservertiefung rinnen, und entdeckte endlich hinten in der Dämmerung erhoben eine Quelle, in schöner Rundung eingefasst. Der Garten war lauter Frühling, Paradies und Reiz; aber das Schönste darin erschien nicht. H i l d e g a r d hatte vorgestern, als sie sich wieder ankleidete, zu spät mit ihrem scharfen blick in die Ferne, ihn wie etwas Weisses und Buntes noch im Fenster des hohen Schlosses gesehen; wusste aber nicht, wer und was es war; und, wenn es ein Mann war, ob er sie vielleicht mochte beobachtet haben; und wählte nun, wenn sie sich zuweilen baden wollte, die Stunden der Nacht. Gestern, um dieselbe Zeit, ging sie desswegen im Garten spaziren, und betrachtete mit einem kleinen Fernglas die Fenster dieser Seite im dritten Stocke des Schlosses, von welchem allein die Wasservertiefung über die hohe Mauer und zwischen den Bäumen konnte gesehen werden. Da sie nichts bemerkte, so war sie ohne sorge, blieb aber doch bei ihrem Entschluss.

Einige Stunden darauf kam ein Bedienter, und lud ihn, im Namen der Mutter, des Sohns, und der Tochter v o n H o h e n t h a l , zum Mittagsessen ein