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Blumen in ein Halstuch. Diese konnte sich nicht entalten, mit dem Gesicht von der Mutter abgewendet, ihm mutwillig entgegen zu lächeln, weil sie wohl sah, dass er sie gern allein gefunden hätte.

"Verzeihen Sie, sagte L o c k m a n n , dass ich jetzt öfter komme; ich suche Ihrem göttlichen Gesange noch einige Reize abzulauern zur Ausbildung eines Werkes, das ich Ihnen bald zu Füssen legen werde."

"Mein angenehmstes Vergnügen, antwortete sie gefällig, sind immer die Stunden Ihres vortreflichen Unterrichts; und mein eifrigstes Studium wird Ihre neue Musik sein."

Sie setzten sich an das Klavier, und fingen an, die Iphigénie en Aulide durchzugehen. L o c k m a n n sagte dabei:

"Die Französische Musik und die Italiänische kämpften in Paris mit einander; und es war zweifelhaft, welche den Sieg davon tragen würde. G l u c k hatte mit seinem Orfeo und seiner Alceste für Italien und Deutschland schon den Versuch gemacht, die Musik, seiner Meinung nach, zu ihrer wahren Bestimmung zurückzubringen, und in beiden Ländern bittre und hämische Widersacher an neidischen Kunstverwandten gefunden; mit richtigem blick sah er in Frankreich gerade jetzt den besten Zeitpunkt für seine neue Art."

"B a i l l i d e R o u l e t , der sich eben in Wien aufhielt, richtete R a c i n e ' n s berühmte Tragödie, Iphigenia in Aulis, für die lyrische Bühne ein; und G l u c k s Genie, ganz Herz und Ohr für die Pariser Menschenwelt, fühlte alsdann wachend und in Träumen die Musik dazu aus."

"Der Stoff gewährt das ergreifendste Schauspiel."

"Die Armee der Griechen ist bereit nach Troja hinüber zu schiffen, um die Schmach des Vaterlandes zu rächen, wird aber von ungünstigen Winden unerhört lange zurückgehalten. Kalchas, der Oberpriester, muss das Orakel befragen; und es antwortet schrecklich: Diana sei erzürnt, und könne nur durch das Blut einer reinen Jungfrau, der Tochter des Königs der Könige, der Iphigenia, versöhnt werden."

"Heldenruhm, Königsehre und Vaterliebe kämpfen in Agamemnons Herzen, als Klytämnestra mit der jungen und göttlich schönen Tochter in das Lager kommt, um sie mit dem grössten aller Helden, Achilles, zu vermählen. Das Heer, grausam ungeduldig, und barbarisch fromm, verlangt das Opfer. Held und Mutter und selbst der Heerführer streiten dagegen; die Unschuld ergiebt sich heroisch in ihr Schicksal, um an der Spitze der Griechischen Glorie zu stehen: sie nimmt rührend Abschied von dem Geliebten, der über alles wütet und sie retten will; von der zärtlichen trostlosen Mutter. Schon kniet sie vor dem Altare, von dem geschliffenen Dolch den Todesstoss ins Herz zu empfangen: als die Göttin dem Priester das Zeichen gibt, dass sie versöhnt sei, erwachende Weste plötzlich die Luft in Bewegung setzen, durch die Wipfel rauschen, und Achilles seine Braut vom tod wegführt."

"Das Drama gehört unter die schönen des E u r i p i d e s , und er hat die vier Charakter als grosser Meister aufgestellt, besonders aber den Charakter der Iphigenia. Die Franzosen haben der Erhabenheit des letzteren grossen Abbruch getan. Ueberhaupt durchwässern sie ihre Werke mit moderner Liebe, und stehen an natur und Darstellung weit unter dem Griechen."

"Man muss G l u c k s Musik aufführen hören, wenn man nicht selbst etwas von seiner Phantasie und seinem dichterischen Gefühl hat, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; es kommt hier immer darauf an, dass der Nagel auf den Kopf getroffen wird, wenn es auch an und für sich hart lautet, und nicht auf hübsche Phrasen und Artigkeit darum her."

"So hält jedermann von Sinn, Gefühl und Verstand, der die Ouvertüre vor dem Schauspiel gehört hat, sie für die Königin aller Ouvertüren; und sie ist in der Tat ein gewaltiger Polyphem, der sich bäumt und schüttelt, und voll Zorn zum Kampfe rüstet. Der reizende neue Eingang, der die Gefühle Agamemnons ankündigt, alsdann die Einheit des Ausdrucks vom wilden Charakter des tobenden volkes, und die rührenden zärtlichen und tragischen Accente dazwischen, erheben sie über jede andre; alles in ihr bedeutet. Der Satz, wo sich die Instrumente in den Einklang stürzen und darin und in Oktaven furchtbar aufsteigen, stellt gerade das sich empörende Volk vortreflich dar, das sich wie ein wildes Ross bäumt und nicht mehr leiten und bändigen lässt. Die Griechen würden diese Ouvertüre in ihrer Art vielleicht noch über jenes berühmte Gemählde setzen, welches das Volk von Aten vorstellte."

"Komisch fühlte die Wahrheit dieses Ausdrucks so gar ein Kunstrichter, der, bloss die Noten vor Augen, nicht die geringste Ahndung von dem Gegenstand in der natur dazu hatte, als er das Urteil niederschrieb, welches ich unter andern zu Ihrem Zeitvertreib mitbringe: 'Die abgestossnen acht Achtteile gegen die folgende sforzando gehaltne Dreivierteilnote, plumpen so ungeschickt auf einander, dass man glauben muss, der Herr Ritter habe uns ein Beispiel eines musikalischen Satzes geben wollen, durch den man jedermann stutzig machen könne. Auch haben wir die probe damit gemacht, und befunden, dass er seine vollkommne wirkung tut und richtig jedermann zum Erstaunen bringt. Diese wirkung äussert sich gewöhnlich zuerst durch die mit einem verwunderungsvollen Ton ausgesprochne Frage: Was? ist das möglich?'"

"Man braucht nur hinzuzufügen: können Griechen so barbarisch sein, und eine reizende junge Königstochter