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o c k m a n n erwiderte: "Die Kunst hat zwar an verschiedenen Höfen einige glückliche Perioden gehabt; aber es waren gleichsam nur Treibhäuser für ausländische Gewächse."

H i l d e g a r d antwortete: "Geduld und frohe Hoffnung, Edler! Wir gewinnen nach und nach immer mehr an Bildung; das Gletschereis über den Herzen der Reichen fängt an für lebendige Kunst zu schmelzen. Vielleicht schon binnen wenig Jahren, wenn eine Nationaloper erscheint, das ist, eine Deutsche Oper mit Volksmelodien, die allgemein gefallen, gleichen Frankfurt und Hamburg, Dresden, München, Berlin und Wien an Entusiasmus Neapel, Paris und London."

Nach einer kurzen Stille stand Frau v o n L u p

f e n auf, und sagte lächelnd: "Die Musik ist ja überdiess eine allgemeine Sprache; und Vaterlandsliebe lasst sich mit Italiänischen Opern, so wie mit Italiänischen Gemählden, noch wohl vereinigen, wenn die Feste nur nicht ausschweifend sind, und auch das Volk sein Vergnügen hat. Eine Nazion ist in d i e s e m gross, eine andre in j e n e m . Wir sind es in der Kriegskunst, in der Philosophie, wenn ich es nach dem Urteil der Kenner sagen darf, in der Gelehrsamkeit; und einzelne Männer ragen noch jetzt in den mehrsten Wissenschaften und Künsten hervor über die vorzüglichsten unter allen Völkern. Personen von unserm GeschlechtSie werden das nicht als weibliche Eitelkeit auslegenstrahlen bewundert auf den ersten Tronen von Europa."

"F e y e r a b e n d erklärte uns neulich die d r e y

Sprüche, welche die Amphiktyonen mit goldnen Buchstaben über die Türen des Tempels zu Delphi eingraben liessen; war darunter nicht auch dieser: Nichts zu viel; nichts zu weit get r i e b e n ? – Aber wir sind in eine üble Stimmung L o c k m a n n nahm seinen Hut, und begleitete sie Frau v o n L u p f e n gab ihm zwar, was das letzAuf dem Rückwege stiess dem unruhigen L o c k "Der Stoss ins Postorn," fuhr endlich der Alte fort, a u s , A d i e u ! ist mir doch erquickend durch Mark und Bein gedrungen, als ich aus Italien zurückkehrte."

"B r u d e r t r i n k ! W i l l s t d u B r o t , S c h w a g e r ? sagte ein Postknecht zum andern. Und wie gesprächig die guterzige Kellnerin dazwischen war, in ihrem grünen hut, voll blühender Gesundheit, mit Beutel und Schlüsseln an einer Kette, die das Mieder herunter hing!"

"Die Weiber taten hier schon fast alles bei der Wirtschaft; in Italien fast nichts. Wie man in Rom die Männer auf den Strassen und in den Küchen sieht: so in Tyrol die Weiber und Mädchen. Frisch und munter sind sie alle."

"Fussböden von Holz und grosse Kachelöfen sieht man nach langer Zeit zum erstenmal wieder."

"Das letzte Welsche Dorf S. Martino war ganz armselig, und die Post hatte nur vier Pferde; einen andren Reisenden hätten Ochsen ziehen müssen, und wenn er ein Prinz gewesen wäre. Die erste Deutsche Stazion, Salorn, obgleich vor Kurzem ein starker Brand da gewütet hatte, sah doch lebendig und mutig aus, und die Pferde rannten wie Englische."

"Ueberall sprach man mit unter noch Italiänisch; doch ist, so bald man nur von S. Micheli um den Berg herum kommt, alles völlig Deutsch, Sitten und Luft."

"Freilich muss ich gestehen, dass mir die Zunge "Die Grenzen von Italien und Deutschland hat so "So bald man in Deutschland herüber tritt, fühlt "Die grössre Freiheit in den Künsten," erwiderte Sie sprachen dann viel und mancherlei durch eing a r d mit allen ihren Reizen schwebte vor des entzückten L o c k m a n n s blick in die Zukunft. Doch in der leidenschaft noch mehr, als bei nüchterner überlegung, auf seiner Hut, nannt' er ihren Namen mit keiner Sylbe, obgleich R e i n h o l d ihr Lob einigemal hoch angestimmt hatte. Diess erkannte er nur für gerecht, und setzte noch einiges Wenige hinzu, lenkte aber gleich wieder davon ab. Ein Muster von einem verschwiegnen Liebhaber!

Kurz vor Mitternacht, ehe sie sich trennten, kamen sie noch auf das Tema L e b e n s p h i l o s o p h i e ; und es flogen dabei folgende wilde unbestimmte Phrasen aus seinem mund.

"Das Glück des Lebens besteht in der Abwechselung; selbst die grösste Mühseligkeit wird dadurch zum Vergnügen."

"Immerwährende Freude von einerlei Art wird bald zur Pein. Der Urquell unsers Lebens will immer neue Formen; er behilft sich mit den albernsten Fabeln und Mährchen, wenn die Wirklichkeit um ihn stille steht."

"Die Veränderungen, welche Poesie, wie alles Geschriebne, Gedruckte und erzählte, gewährt, sind die schwächsten, ersetzen aber durch das Häufige und Zahlreiche, was ihnen an Stärke abgeht."

"Dann kommt der Strahl des Lichts, Bildhauerei, Mahlerei, Baukunst für das Auge."

"Stärker wirkt die Luft durch Musik auf das Ohr."

"Körperlicher die Blumen und Blüten des Frühlings und andre wohlriechende Düfte auf unsern schwächsten Sinn, den Geruch."

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