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erhält sich durchaus im tragischen Charakter. Dann kommen die Todesgötter, fordern und nehmen sie mit sich unter feierlichen und schauerlichen Chören."

"Admet will sich das Leben rauben. Apollo erscheint in Sonnenstrahlen, und bringt Alcesten in lichten Wolken; die Götter wollten so grosse Liebe nicht zerstört wissen."

"Diese Oper ist voll einzelner schöner, reizender, erhabner Formen, die sich nach und nach zu einem mannigfaltigen majestätischen Ganzen erheben. Der Gedanke, sich über die alten Vorurteile wegzusetzen, ist kühn mit viel Genie und Kunst ausgeführt; und sie macht in der geschichte der Musik Epoche."

"Was sie von allen vorigen unterscheidet, sind die breiten massen zu einem grossen Ganzen, und das Gediegene."

"G l u c k erreicht diess hauptsächlich durch die Chöre, welche durch Wiederholung die Recitative und Arien binden; durch den immerwährenden stilo stretto, wo man nur auf Poesie und Inhalt geheftet wird; durch die blasenden Instrumente, von welchen er einige ganz neu einführt; (überhaupt hat noch kein Tonkünstler die Gewalt verschiednen Tons schon im Einklang so wie G l u c k gefühlt und angewendet;) durch die häufige Begleitung der Recitative, die jedoch, immer so, auch bei andern Opern, langweilig werden möchte; und endlich besonders durch den Accord der verkleinerten Septime, die in allen Umkehrungen, in allerlei Tonarten in allen Instrumenten das Ganze gleichsam in ein tragisches Dunkel bringt, und ihm feste Haltung gibt. Zuweilen sind Sextquinten und die rührendsten Dissonanzen reizend damit verschmolzen."

"Das Volk wird hingerissen, ohne zu wissen, wie; selbst der Kenner gibt endlich nicht mehr auf die Kunst der Harmonie Acht, und lässt sich ebenfalls täuschen."

H i l d e g a r d und L o c k m a n n hatten dabei einige der schönsten Arien gesungen; und Frau v o n L u p f e n bezeugte gerührt beiden ihr inniges Wohlgefallen.

"Ich weiss nicht," fuhr H i l d e g a r d fort, "wie ich mich darüber ausdrücken soll, dass ein in der musikalischen Welt so hervorragender Mann, ausser einigen Kleinigkeiten, nichts für sein Vaterland, dessen Stolz er ist, nichts für die Deutsche Sprache schreibt; und wer eigentlich die Schuld hat, ob er selbst, oder die Fürsten, die Dichter, das Publikum."

L o c k m a n n erwiderte: "Die Produkte der Kunst müssen in Deutschland wie das Unkraut wachsen; da ist keine Pflege und Wartung, und sie gehen selten ins wirkliche Leben über. Das, was man bei uns g u t e G e s e l l s c h a f t nennt, der Hof und der Adel, und die Gelehrten selbst, welche alle, gleich der Frühlingssonne, sie erziehen und zur Reise bringen sollten, bekümmern sich wenig um sie, betrachten sie als unnütz, als blossen Zeitvertreib, und haben sie niemals zur eigentlichen Beschäftigung gemacht, um ächten guten Geschmack an ihnen zu gewinnen. Kurz, wir sind Barbaren für alle Arten von Schönheit. Es scheint, als ob für die Künste, die sich mit ihr beschäftigen, da eine Grenzscheide gezogen wäre, wo die Sprachen aufhören, die von der Lateinischen abstammen; Sitten und Regierung sind ihnen da zuwider. Alles Vortrefliche derselben wächst in Deutschland wild für sich auf; und die Fremden nehmen heraus, was das Beste ist, oder was sie für gut befinden."

"Die Dichter haben es am schlimmsten, weil sie zu

haus bleiben müssen, und ihre Sprache nirgend anderswo gilt."

"Die Mahler müssen bloss Köpfe und Kleider mah

len; das Andre wird nicht nach Verdienst geschätzt und belohnt, und man kauft lieber alte und fremde Werke. Schlösser, Palläste und katolische Kirchen sind schon versehen; und die Protestanten wollen lieber weisse Wände."

"Die Bildhauer haben alle halbe Jahrhunderte ein

Denkmal zu verfertigen, und wissen nicht, ob sie Römische Gewänder, oder Uniformen und steife Zöpfe machen sollen. P h i d i a s , P r a x i t e l e s und L y s i p p müssten in Deutschland verhungern."

"In der Musik werden nur Sänger und Geiger, nicht

gebildet, sondern bezahlt, wenn sie da sind. Die Komponisten kritisirt man nur. Unsre grössten wurden von Engländern, Italiänern und Franzosen versorgt43."

"In der Baukunst behelfen wir uns mit Zimmerleu

ten und Steinmetzen; oder kleben unsre Häuser selbst zusammen, wie die Schwalben."

"Die Kunstder Stolz der ersten Menschen, der Griechen, der Römer in ihrer höchsten Macht und Stärke, des schönen sechzehnten Jahrhunderts in Italien, der Franzosen und Engländer in ihren glücklichsten Zeitpunktenist bei uns nichts anders als Schmarotzerpflanze; Entusiasten, oder Pedanten und Professoren, Leute ohne Welt und Klugheit, mögen sich mit ihr beschäftigen."

Frau v o n L u p f e n erwiderte darauf, tief ergriffen: "Wir sind arm, und haben alle hände voll zu tun mit unsern Bedürfnissen."

Und H i l d e g a r d setzte hinzu: "Unsre Millionen Soldaten in Friedenszeiten, und manche kostbare person in den dicken Staatskalendern ...! Jedoch drückten Sie Sich in der Aufwallung Ihres gerechten Eifers viel zu hart und grell aus; es gibt und gab, dem Himmel sei Dank! Ausnahmen von Städten und Fürsten."

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