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schönen Gesichts; der himmlische Schein gleichsam, den ein schönes Gesicht von sich strahlt."

"Die Hauptform der Italiänischen Arien ist aus einer solchen Sammlung der Empfindungen entstanden. Die Worte werden verschiedentlich wiederhohlt, damit das Ganze derselben tiefer eindringe und von allen Seiten gezeigt werde."

"Bei solchen Sammlungen scheint auch die Handlung still zu stehen; der Strom derselben wird unmerklich; die Kehlen grosser Sänger und Sängerinnen können darin, vollkommen der natur gemäss, ihre ganze Gewalt, ihren ganzen Reichtum, zeigen. Ein zu rascher Fortgang beraubt die Musik ihrer grössten Schönheiten, die Oper ihres vorzüglichsten Reizes vor der Tragödie, die solche Stellen nur durch Pantomime und Stillschweigen, bei weitem nicht so lebendig, Herz und Sinn ergreifend durch glänzende Läufe, entzückendes Schweben auf süssen Tönen in allen Graden von Stärke und Schwäche, und durch den Zauber der Manieren, auszudrücken vermag."

"Anstatt, dass die Handlung darunter leiden sollte, gewinnt sie vielmehr an Kraft, und schreitet dann mit genährtem und geläutertem Feuer kühner fort."

"Von seinem System verführt, wollte T i t a n G l u c k alle die schönen Seen, auf denen die F a r i n e l l i s und F a u s t i n e n so lange zu unaussprechlicher Freude herumschwammen, herumschifften, abgraben und höchstens nur in breite Kanäle verwandeln. Und das wäre in der Tat grausam und unvernünftig gewesen. Jedoch hat er sich bald eines Bessern besonnen, und das Seichte, Magre einiger von seinen Arien wohl gefühlt."

"Was G l u c k den Arien entzog, sollte durch die Fülle der Chöre, den Rhytmus der Tänze, die Mannigfaltigkeit und Stärke des Instrumentenspiels überhaupt, reichlich wieder ersetzt werden."

"Chor ist eine Menge, die zusammensingt; Bäche und Flüsse, die zusammenströmen und sich in Einen Lauf vereinigen."

"Das Bedürfniss, die leidenschaft, muss gross und heftig sein, wenn eine Menge auf einmal sprechen und singen soll. Die Worte müssen dann einen sehr bestimmten Ausdruck haben. Zum Beispiel die Israeliten in der Wüste: W a s s e r ! w i r v e r s c h m a c h t e n ! Harmonie in Oktaven, in Fugen, ist dann gewiss die beste. Solche Chöre sind weiter nichts, als ein Schreien der Not, des allgemeinen Verlangens und Willens, und machen, recht angebracht, erstaunliche wirkung. F e u e r ! F e u e r ! hülfe! Wir ertrinken; rettet! Zu d e n W a f f e n ! d i e F e i n d e ! Das No! der Furien im Orfeo."

"Diess ist der eigentliche teatralische Chor."

"Der Griechische stellte eine person vor; der Anführer sprach im Namen der Menge. Die Dichter Atens mussten sich vom festlichen Ursprung des Schauspiels her lange damit plagen; und er zerstörtewas auch ihr eifrigster Bewundrer nicht leugnen wird, wenn er nur an die Medea des E u r i p i d e s denktdie Täuschung in ihren besten Werken."

"Unsre mehrsten Chöre sind künstlich, wohin die in der Kirchenmusik gehören. Man nimmt an, ein Volk, eine Gemeinde singe schon gemachte Psalmen; ein Tonkünstler habe die beste Melodie und Harmonie dazu in Noten gesetzt."

"Solche Chöre sind nicht für das Teater; sie hindern die Täuschung."

"Inzwischen wenn sie einmal schon im Gebrauch sind, wie bei den Franzosen, so fällt ihr Unnatürliches und Gekünsteltes weniger auf. Man will eben bei jedem grossen Ganzen, wie eine Oper ist, von einzelnen Stimmen an, bis zu Duetten und Terzetten, die höchste Gewalt und Stärke aller Kehlen und Instrumente beisammen haben."

"Wo der Stoff es mit sich bringt, ist es schön und gut und prachtvoll. Wo es aber herbei gezwungen wird, macht es für jeden Vernünftigen ein tolles Geplärr; und die wirkung fällt, durch den häufigen Missbrauch von Stümpern, auch bei guten und natürlichen Chören weg. Das Volk, dessen taubes Gehör hauptsächlich nur dadurch gereizt werden kann, wird einem ein Gräuel."

"Chöre, Tänze und Posaunen können eben so übel angebracht werden, als Ritornelle und Läufe."

"Um die Einheit des Ganzen desto mehr hervorzubringen, und das Abstechende zu entfernen oder zu verschmelzen, hat G l u c k das Recitativ meistens mit Instrumenten begleitet."

"Für die Französische Sprache mag diess sehr dienlich sein; die Italiänische bedarf der Kleiderpracht weit weniger. Das Geschleppe, gleichsam von vielen Bedienten, wird endlich doch lästig. Die Italiäner regen sich in ihrer blossen Declamazion weit freier und leichter. Für eine Königin Alceste, für den Hof eines Agamemnon, einer Klytämnestra, ist das Gepränge schicklich; man darf es nur nicht zur Regel und allgemein machen wollen."

"Um wieder dahin zurück zu kommen, wo wir ausgingenein Deutscher Kunstrichter hat, im Zorn über G l u c k s Reformazion, die Poesie gewaltig herunter zu setzen geglaubt, indem er R o u s s e a u ' s Worte in dessen musikalischem Wörterbuche: Les Airs de nos Opera sont, pour ainsi dire, la toile, ou le fond sur lequel se peignent les tableaux de la Musique, folgendermaassen dolmetschte:"

"Die Worte der Arien unsrer Opern sind gleichsam die Leinwand oder der Grund, worauf die Gemählde