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m a n n unbemerkt fort, und überliess sie ihren Empfindungen.

Den Tag darauf hielt er probe, und liess seine Leute den Chor dazu einstudiren; auch andere Sachen für die Kirche und das Konzert.

Den folgenden, Nachmittags, ging er schon wieder zu H i l d e g a r d e n , mit dem Wunsche, sie allein zu finden; ein unwiderstehlicher Zug trieb ihn zu ihr. Ihm war es jetzt, als ob er sie nicht gesehen hätte, wenn er sie nicht allein sah; sie schien dann nicht s e i n e H i l d e g a r d , sondern die H i l d e g a r d der M u t t e r , des B r u d e r s , der G e s e l l schaft.

Zu seinem Missvergnügen traf er sie wieder nicht allein, sondern im Garten mit der Frau v o n L u p f e n , welche bald nach Schwaben auf ihre Güter abzureisen gedachte, wohin Geschäfte sie riefen.

"Es freut mich sehr, dass Sie kommen," sagte H i l d e g a r d freundlich zu ihm; "wir haben noch drei Opern von G l u c k durchzugehen, und können, wenn Sie beide wollen heute mit der Alceste ein paar Stunden angenehm zubringen."

"Schon längst, Herr L o c k m a n n ," fuhr Frau von L u p f e n fort, "bin ich begierig gewesen, Ihre Gedanken über G l u c k s neue Art von Musik zu hören."

"Ich werde Damen von so viel Kenntniss, Verstand und Geschmack wenig Neues zu sagen wissen;" erwiderte er darauf. Und Frau v o n L u p f e n fragte ferner: "Worin besteht denn eigentlich G l u c k s Revoluzion, von der man so viel spricht?"

Er antwortete: "Die Frage ist, ob in der Oper, oder überhaupt, ob bei Singemusik, die Poesie oder die Musik herrschen soll. G l u c k hat bei weitem der Poesie den Vorrang gegeben, nach ihr als ein gehorsamer Diener gearbeitet, und dadurch die grosse Menge der Tonkünstler und Liebhaber beleidigt. Er selbst widerlegt sich aber am besten: denn eben in seinen guten Opern herrscht die Musik mehr, als in andern; nur flattert sie nicht herum, und treibt kein Spielwerk, sondern drückt die Gefühle mit mächtiger Entscheidung aus. Und so herrscht im Gegenteil die Poesie bei manchem Italiäner; denn wenn man die Worte nicht wüsste, so fühlte man oft gar nichts."

"Doch wir müssen die Sache genauer untersuchen."

"G l u c k s neuere Opern unterscheiden sich von andern dadurch, dass das Ganze mehr Einheit und Zusammenhang hat, dass es nicht durch die eingeführten Formen, besonders der Arien, und die unzweckmässige Kunst der Sänger und Virtuosen unterbrochen oder in seinem Gange aufgehalten wird, und dass alles Wesentliche in gehöriger Haltung hervorstrahlt."

"Darin hat er völlig Recht; und es war Zeit, dass die übeln Gewohnheiten und Missbräuche abgeschaft wurden. Doch haben grosse Meister vor ihm nach eben diesen grundsätzen gearbeitet."

"Darin aber hat er Unrecht, dass die Poesie nur Zeichnung sein soll, und die Musik nur Kolorit und Licht und Schatten. Jede von den beiden Künsten hat ihre Zeichnung, ihr Kolorit und Helldunkel. Dieses springt, dünkt mich, so in die Augen, und wird so allgemein für wahr angenommen, dass es keines Beweises bedarf."

"Die Musik macht in der Oper ein Ganzes für sich aus: die Worte vereinigen sich damit, nicht als etwas Fremdes und Verschiednes, sondern als etwas Gleichartiges in Melodie und Harmonie; und sie bestehen in eben solchen abgemessnen, nur durch Konsonanten bestimmter geformten Tönen, wie die Vocale der blossen Musik. Die Personen der Sänger, und die Worte, stellen das Individuelle und Bestimmte dar; was die blossen Vocale der Musik nicht vermögen."

"G l u c k s Hauptverbesserung besteht in der Form der Arien. Die seit L e o ' s und V i n c i ' s zeiten eingeführte Italiänische Hauptform war bei weitem nicht mannigfaltig genug, und passte in vielen Fällen gar nicht. Auch diess ist schon so oft gerügt worden, dass ich mit Wiederhohlung davon Ihnen nicht beschwerlich fallen will."

"Inzwischen hat man noch immer keine bestimmte idee, was A r i e überhaupt eigentlich ist."

"Das Wort Aria ist Italiänisch, und hat vielerlei Bedeutungen. In der Oper bedeutet es nichts anders, als das Werden eines besonderen Ganzen im Strome der Handlung. A r i e ist, in Musik und Poesie, die sich sammelnde Empfindung, das sich sammelnde Gefühl einer Situazion, welches sich nicht selten in einem Bilde, in einer Sentenz äussert, wobei der Tonkünstler alsdann nicht sowohl das Pittoreske des Bildes, den Inhalt der Sentenz, sondern, wo möglich, das Gefühl, woraus beide entstehen, darzustellen hat. Arien sind gleichsam reizende Tuner- und GenferSeen nach den wütenden Stürzen des Rhodan und der Aar, deren beim Einströmen trübe Fluten das vorangehende, von Instrumenten begleitete Recitativ ausmachen; und ihre Formen können unendlich verschieden sein."

"Aria, nach dem Wortverstande, ist die Dauer des Ausdrucks einer Empfindung. Quell' aria dolce del bel viso, der süsse Ausdruck des