T r a e t t a ' s Zauber eine wahre tragische person: leidend, voll Gefühl und Adel; das letztre nur nicht so schön, wie bei dem Griechen. Auch behandelt dieser das Begräbniss viel feiner, und nicht so ohne Wahrscheinlichkeit, wie der Italiäner."
"Doch ist T r a e t t a dabei wahrhaft erhaben, und greift bis ins Innerste. Dichter und Komponist haben vorzüglich für die Antigone gearbeitet, und sie den Reizen der G a b r i e l i zum Opfer gebracht.
Im
ersten Akt
ist nichts Ausserordentliches. Die Chöre darin sind schön; die Recitative gut declamirt; und die erste Arie der Antigone voll einfachen Ausdrucks: D'una misera famiglia, tutta sai l'istoria amara39.
Der Anfang des
zweiten Akts
gehört aber unter das Allervortreflichste der Italiänischen Musik; es ist so recht der eigentliche wahre edle tragische Ton aus der Seele gehohlt, was der Mensch von hoher Kultur empfinden muss, wenn er die erhabensten Stellen im S o p h o k l e s und E u r i p i d e s liest. Auch die Worte sind schön:
Ascolta il nostro pianto,
i gemiti, i sospiri,
ombra, che qui t'aggiri
al mesto rogo accanto!
E passa poi felice
d'eterna pace in sen40."
"Ganz erhaben ist der Seufzer der Antigone zwischen dem Chor ausgedrückt:
Ah, misero Polinice!"
"Nach dem Chor: O voi dell' Erebo pietosi Numi, kommt aber erst der rechte Kern, Antigone in dem Recitativ:
Ombra cara amorosa, ah perchè mai tu corri al tuo riposo, ed io qui resto!
Tu tranquilla godrai nelle sedi beate, ove non giunge ne sdegno ne dolor, ne sdegno de dolor! ricopre ogni cura mortale eterno obblio.
Ne più ramenterai fra gli amplessi paterni il pianto mio, ne questo di dolor soggiorno infesto.
Ombra cara amorosa, ah, perchè mai tu corri al tuo riposo, ed io qui resto!41 Und in der Cavatine sogleich darauf: Io resto sempre a piangere, dove mi guida ogn'or, d'uno in un altro orror, la cruda sorte. E a terminar le lagrime pietoso al mio dolor, ahi, che non giunge ancor per me la morte42!"
"Diese Musik ist, nebst der Poesie, so Accent und Ausdruck der natur, dass sie bei allen Völkern und in allen Zeitaltern ergreifen und rühren muss. Sie ist auch weiter nichts, als die gefühlvollste und zugleich edelste Declamazion; und die Arie geht in demselben Tone, nur im schnellern Pulsschlag des Sechsachteltakts, so fort, dass man den Unterschied gar nicht merkt. Ich kenne nichts Vollkommneres im ganzen Reiche der Musik; der schönste Ausdruck schwesterlicher Zärtlichkeit und tiefer Trauer."
"Der Chor fällt alsdann wieder prächtig ein: O folle orgoglio umano! und Antigone beschliesst himmlisch: O reliquie funeste! Dieses alles zusammen macht das vollkommenste Ganze, und die erhabenste Leichenfeier. Es kann neben J o m e l l i ' s Requiem aeternam stehen; nur dass alles dramatisch ist, und, was Genie betrift, einen höhern Rang behauptet."
"Noch sind in diesem Akte gute Chöre. Antigone hat auf die letzt, ein schönes Recitativ mit Begleitung, und eine glänzende Bravourarie, die der Kehle der G a b r i e l i Ehre macht."
"Der d r i t t e A k t
fängt mit einem vortreflichen Chor an: Piangi o Tebe! Antigone fällt ein: O Tebe, o Cittadini, o voi vicine sacre ombrose foreste, e voi di Dirce pure sorgenti, addio! wozwischen der Chor immer erhaben tragisch fortgeht."
"Ismene, ihre Schwester, will nun mit ihr sterben, und ihr Gesang dient zur Abwechslung. Darauf hat Antigone wieder ein begleitetes Recitativ: O germana, o Tebani; und eine Arie: Non piangete i casi miei. Alles voll Gefühl."
"Kreon, Adrast, Hämon haben gute Sachen, besonders der letzte; aber nichts davon kommt der Antigone gleich."
"Die Scene, wo sie in der Grube verhungern soll, Misera, ove m' inoltro, ist wieder vortreflich; und so das Duett zwischen ihr und Hämon."
"Kreon kommt dazu, bereuet, was er getan hat, und alles schliesst mit der Vermählung. Der Ausgang wird in der Musik, wie in der Poesie, grell. Man ist nicht mehr aufgelegt, die festlichen Sachen zu geniessen. Die Chöre und Tänze sind übrigens schön, besonders die Chaconne."
"In der Poesie ist Hämons Erzählung, wie er zu Antigonen in die Grube kommt, unwahrscheinlich. Man begreift nicht, wie er hinein kam, eben so wenig warum beide nicht wieder heraus können, und sich selbst das Leben nehmen wollen."
"Die Musik zu dieser Oper ist ohne Zweifel T r a e t t a ' s Meisterstück."
H i l d e g a r d sang nun die göttliche Scene einmal und zweimal mit so wahrem Gefühl und so rührenden Seelentönen, dass sie selbst den S o p h o k l e s und Aten entzückt haben würde. Der Mutter und auch ihr traten dabei Tränen in die Augen; sie dachten zugleich an das, was sie verloren. Nach einer langen Stille, worin beide ihre Gesichter wegwendeten, ging L o c k