blonden Locken, unter den Sängerinnen hervortrat und ihn mit diesen Worten anredete: "Auch ich bin gekommen, mich in die hohe Kunst, als eine gehorsame Schülerin von einem so vortreflichen Meister einweihen zu lassen, wenn er meine stimme und geringen Fähigkeiten würdig genug dazu findet."
L o c k m a n n antwortete ernstaft darauf: "Gehorsamst bitten wir vielmehr um Ihren guten Unterricht, gnädiges fräulein, bei der Aufführung des Meisterstücks von unserm grossen Landsmann, der die himmlische Kunst so entzückend unter die Britten verpflanzte, dass noch jetzt seine Melodien und Harmonien ihm wie einem Heiligen in ihren Tempeln widerhallen. Von den Jubelorkanen, Donnerwettern, Niagarakatarakten in Westminster können Sie hier freilich nur einen äusserst schwachen Nachlaut hören."
"O, ich glaube nicht, versetzte sie eben so ernstaft, dass der Instrumentensturm, der die Menschenstimmen, immer doch die Seele des Ganzen, so überrauscht, dem Unsterblichen gefallen könne, der die rührendsten Melodien, die er ihr gegeben hat, meistens nur, wenn ich mich so ausdrücken darf, gleichsam in ein zartes Griechisches Gewand hüllte; und hoffe bei Ihrer Aufführung mehr wahre Nahrung für Herzen und Religionsgefühle zu finden. Doch war die Begleitung auch in Westminster nicht so stark, als man auswärts sich vorstellt; die stimme steht weit voran, und alles gleichsam nach der Ohrenperspektiv."
Beider Blicke glänzten in einander bei diesen Reden, wie von einem gemeinschaftlichen Geistesquell.
Er liess sich inzwischen nicht stören, teilte die Stimmen aus, und überreichte ihr die Sopranstimme; sie nahm diese gefällig an, und stellte sich an den gehörigen Posten.
Darauf machte er Alle nach seinem flüchtigen kurzen Aufsatze mit dem Ganzen bekannt, zeigte jedem, wie die Hauptstellen vorzutragen wären; setzte sich an den Flügel, und fing an. Die Gegenwart und Mitwirkung der Schönheit selbst, von der Temse herüber, brachte die gespannteste Aufmerksamkeit zuwege. Er führte wie ein junger Apoll an, und die probe war in der Tat ein reizendes Schauspiel.
Sie gelang auch sogleich zum Verwundern. Niemand unter ihnen, und selbst L o c k m a n n hatte noch je so reine, volle, süsse, Ohr und Herz schmeichelnd ergreifende Töne gehört, als bei den Worten: e r w e i d e t s e i n e H e e r d e ; und: l i e b l i c h ist der Boten Schritt, sie kündigen F r i e d e n u n s a n ; aus der gewaltigen Kehle und von den holdseligen Lippen der H i l d e g a r d , wie der Cäcilia selbst aus dem Himmel auf Erden, hervorströmten, in Bescheidenheit und Unschuld, ohne die allergeringste Künstelei, nur mit den Accenten hoher Grazie und den netten Läufen rascher Jugend und Fertigkeit da und dort verziert und geschmückt.
So wie sie ihn, entzückte er sie; er sang mit ihr den zweiten Sopran, anstatt der Sängerin, die ihn singen sollte, zuweilen im Tenor, mit der Entschuldigung, ihr für die nächste probe nur den gehörigen Ausdruck zeigen zu wollen. Beide hatten solche Vollkommenheit von einander nicht erwartet; er nur viel weniger von ihr. Nach ihren ersten Arien sprang er vom Flügel, fiel vor ihr nieder voll Glut des Entusiasmus, fasste ihre zarten hände, küsste sie inbrünstig, und stammelte: "Wunderwesen, ich bete Sie und Ihre Kunst an. O, die Italiäner haben Recht, dass sie einer G a b r i e l i , einem P a c c h i a r o t t i , M a r c h e s i fünf- und zehnmal mehr dafür geben in einer Oper zu singen, als einem S a r t i , P a e s i e l l o , die ganze Musik dafür zu setzen. Die vortreflichsten Noten sind dürres Geripp, wenn ihre Melodien nicht durch solche Stimmen schön und reizend und jugendlich lebendig in die Seelen gezaubert werden."
Sie ergriff ihn bei der Hand, zog ihn in die Höhe, und sagte lächelnd: "Zu viel, zu viel Lob für eine Anfängerin! ich werde sonst Nichts lernen."
"Nichts lernen? Mutwillige!"
Dieser Vorfall kam allen so natürlich vor, dass er fast nicht bemerkt wurde. Mann und Jüngling und so gar die Weiber sagten wie aus Einem mund: solche göttliche stimme hätten sie noch nie gehört, mit so viel Fertigkeit und Ausdruck.
Darauf ging die probe fort, von ihrer Seite immer mit neuer Schönheit überraschend bis zu Ende.
Sie hielt sich nicht lange mehr auf, bat nur, dass man nichts von ihrer Anwesenheit sagen möchte; verneigte sich vor L o c k m a n n und der Gesellschaft, und verschwand wie eine Gotteit. Ein freudiges Murmeln entstand im Saal, wie von den Wogen an den Ufern des Meers, wenn die Weste nicht mehr in den Lüften gehört werden.
L o c k m a n n bestellte Sänger und Sängerinnen zur zweiten probe des Miserere auf den Nachmittag; und zugleich zu einer neuen für ein kleines Werk von dem Patriarchen der Kirchenmusik, P a l e s t r i n a . Und die Gesellschaft ging höchst vergnügt aus einander.
"Das ist wieder ganz etwas anders!" sagt' er laut für sich, als er nach seinem Zimmer ging. "Aber was will daraus werden!" endigte er mit einem tiefen Seufzer.
Er