nach unserm Freund. Er eilte zu ihr und fand sie auf dem Kanapee liegen; sie schien an Kopfweh zu leiden, und ihr ganzes Wesen konnte eine fieberhafte Bewegung nicht verbergen. Ihr Auge erheiterte sich, als sie den Hereintretenden ansah. "Vergeben Sie!" rief sie ihm entgegen; "das Zutrauen, das Sie mir einflössten, hat mich schwach gemacht. Bisher konnte' ich mich mit meinen Schmerzen im stillen unterhalten, ja sie gaben mir Stärke und Trost; nun haben Sie, ich weiss nicht, wie es zugegangen ist, die Bande der Verschwiegenheit gelöst, und Sie werden nun selbst wider Willen teil an dem Kampfe nehmen, den ich gegen mich selbst streite."
Wilhelm antwortete ihr freundlich und verbindlich. Er versicherte, dass ihr Bild und ihre Schmerzen ihm beständig vor der Seele geschwebt, dass er sie um Vertrauen bitte, dass er sich ihr zum Freund widme.
Indem er so sprach, wurden seine Augen von dem Knaben angezogen, der vor ihr auf der Erde sass und allerlei Spielwerk durcheinander warf. Er mochte, wie Philine schon angegeben, ungefähr drei Jahre alt sein, und Wilhelm verstand nun erst, warum das leichtfertige, in ihren Ausdrücken selten erhabene Mädchen den Knaben der Sonne verglichen. Denn um die offenen Augen und das volle Gesicht kräuselten sich die schönsten goldnen Locken, an einer blendend weissen Stirne zeigten sich zarte, dunkle, sanftgebogene Augenbrauen, und die lebhafte Farbe der Gesundheit glänzte auf seinen Wangen. "Setzen Sie sich zu mir", sagte Aurelie: "Sie sehen das glückliche Kind mit Verwunderung an; gewiss, ich habe es mit Freuden auf meine arme genommen, ich bewahre es mit Sorgfalt; nur kann ich auch recht an ihm den Grad meiner Schmerzen erkennen, denn sie lassen mich den Wert einer solchen Gabe nur selten empfinden.
Erlauben Sie mir", fuhr sie fort, "dass ich nun auch von mir und meinem Schicksale rede; denn es ist mir sehr daran gelegen, dass Sie mich nicht verkennen. Ich glaubte einige gelassene Augenblicke zu haben, darum liess ich Sie rufen; Sie sind nun da, und ich habe meinen Faden verloren.
'Ein verlassnes geschöpf mehr in der Welt!' werden Sie sagen. Sie sind ein Mann und denken: 'Wie gebärdet sie sich bei einem notwendigen Übel, das gewisser als der Tod über einem weib schwebt, bei der Untreue eines Mannes, die Törin!' – O mein Freund, wäre mein Schicksal gemein, ich wollte gern gemeines Übel ertragen; aber es ist so ausserordentlich; warum kann ich's Ihnen nicht im Spiegel zeigen, warum nicht jemand auftragen, es Ihnen zu erzählen! O wäre, wäre ich verführt, überrascht und dann verlassen, dann würde in der Verzweiflung noch Trost sein; aber ich bin weit schlimmer daran, ich habe mich selbst hintergangen, mich selbst wider Wissen betrogen, das ist's, was ich mir niemals verzeihen kann."
"Bei edlen Gesinnungen, wie die Ihrigen sind", versetzte der Freund, "können Sie nicht ganz unglücklich sein."
"Und wissen Sie, wem ich meine Gesinnung schuldig bin?" fragte Aurelie; "der allerschlechtesten Erziehung, durch die jemals ein Mädchen hätte verderbt werden sollen, dem schlimmsten Beispiele, um Sinne und Neigung zu verführen.
Nach dem frühzeitigen tod meiner Mutter bracht' ich die schönsten Jahre der Entwicklung bei einer Tante zu, die sich zum Gesetz machte, die gesetz der Ehrbarkeit zu verachten. Blindlings überliess sie sich einer jeden Neigung, sie mochte über den Gegenstand gebieten oder sein Sklav' sein, wenn sie nur im wilden Genuss ihrer selbst vergessen konnte.
Was mussten wir Kinder mit dem reinen und deutlichen blick der Unschuld uns für Begriffe von dem männlichen Geschlechte machen? Wie dumpf, dreist, ungeschickt war jeder, den sie herbeireizte; wie satt, übermütig, leer und abgeschmackt dagegen, sobald er seiner Wünsche Befriedigung gefunden hatte. So hab' ich diese Frau jahrelang unter dem Gebote der schlechtesten Menschen erniedrigt gesehen; was für Begegnungen musste sie erdulden, und mit welcher Stirne wusste sie sich in ihr Schicksal zu finden, ja mit welcher Art diese schändlichen Fesseln zu tragen!
So lernte ich Ihr Geschlecht kennen, mein Freund, und wie rein hasste ich's, da ich zu bemerken schien, dass selbst leidliche Männer im Verhältnis gegen das unsrige jedem guten Gefühl zu entsagen schienen, zu dem sie die natur sonst noch mochte fähig gemacht haben.
Leider musst' ich auch bei solchen Gelegenheiten viel traurige Erfahrungen über mein eigen Geschlecht machen, und wahrhaftig, als Mädchen von sechzehn Jahren war ich klüger, als ich jetzt bin, jetzt, da ich mich selbst kaum verstehe. Warum sind wir so klug, wenn wir jung sind, so klug, um immer törichter zu werden!"
Der Knabe machte Lärm, Aurelie ward ungeduldig und klingelte. Ein altes Weib kam herein, ihn wegzuholen. "Hast du noch immer Zahnweh?" sagte Aurelie zu der Alten, die das Gesicht verbunden hatte. "Fast unleidliches" versetzte diese mit dumpfer stimme, hob den Knaben auf, der gerne mitzugehen schien, und brachte ihn weg.
Kaum war das Kind beiseite, als Aurelie bitterlich zu weinen anfing. "Ich kann nichts als jammern und klagen", rief sie aus, "und ich schäme mich, wie ein armer Wurm vor Ihnen zu liegen. Meine Besonnenheit ist schon weg,