lustig war, jedem etwas zu schenken, jedem nach dem Sinne zu reden wusste und dabei immer tat, was sie wollte. Wilhelm befand sich nicht übel; der Chirurgus, ein unwissender, aber nicht ungeschickter Mensch, liess die natur walten, und so war der Patient bald auf dem Wege der Besserung. Sehnlich wünschte dieser, sich wiederhergestellt zu sehen, um seine Pläne, seine Wünsche eifrig verfolgen zu können.
Unaufhörlich rief er sich jene Begebenheit zurück, welche einen unauslöschlichen Eindruck auf sein Gemüt gemacht hatte. Er sah die schöne Amazone reitend aus den büsche hervorkommen, sie näherte sich ihm, stieg ab, ging hin und wider und bemühte sich um seinetwillen. Er sah das umhüllende Kleid von ihren Schultern fallen; ihr Gesicht, ihre Gestalt glänzend verschwinden. Alle seine Jugendträume knüpften sich an dieses Bild. Er glaubte nunmehr die edle, heldenmütige Chlorinde mit eignen Augen gesehen zu haben: ihm fiel der kranke Königssohn wieder ein, an dessen Lager die schöne, teilnehmende Prinzessin mit stiller Bescheidenheit herantritt.
"Sollten nicht", sagte er manchmal im stillen zu sich selbst, "uns in der Jugend wie im Schlafe die Bilder zukünftiger Schicksale umschweben und unserm unbefangenen Auge ahnungsvoll sichtbar werden? Sollten die Keime dessen, was uns begegnen wird, nicht schon von der Hand des Schicksals ausgestreut, sollte nicht ein Vorgenuss der Früchte, die wir einst zu brechen hoffen, möglich sein?"
Sein Krankenlager gab ihm Zeit, jene Szene tausendmal zu wiederholen. Tausendmal rief er den Klang jener süssen stimme zurück, und wie beneidete er Philinen, die jene hülfreiche Hand geküsst hatte. Oft kam ihm die geschichte wie ein Traum vor, und er würde sie für ein Märchen gehalten haben, wenn nicht das Kleid zurückgeblieben wäre, das ihm die Gewissheit der Erscheinung versicherte.
Mit der grössten Sorgfalt für dieses Gewand war das lebhafteste Verlangen verbunden, sich damit zu bekleiden. Sobald er aufstand, warf er es über, und befürchtete den ganzen Tag, es möchte durch einen Flecken oder auf sonst eine Weise beschädigt werden.
Zehntes Kapitel
Laertes besuchte seinen Freund. Er war bei jener lebhaften Szene im wirtshaus nicht gegenwärtig gewesen, denn er lag in einer obern kammer. Über seinen Verlust war er sehr getröstet, und half sich mit seinem gewöhnlichen "Was tut's?" Er erzählte verschiedene lächerliche Züge von der Gesellschaft; besonders gab er Frau Melina schuld, sie beweine den Verlust ihrer Tochter nur deswegen, weil sie nicht das altdeutsche Vergnügen haben könne, eine Mechtilde taufen zu lassen. Was ihren Mann betreffe, so offenbare sich's nun, dass er viel Geld bei sich gehabt und auch schon damals des Vorschusses, den er Wilhelmen abgelockt, keineswegs bedurft habe. Melina wolle nunmehr mit dem nächsten Postwagen abgehn und werde von Wilhelmen ein Empfehlungsschreiben an seinen Freund, den Direktor Serlo, verlangen, bei dessen Gesellschaft er, weil die eigne Unternehmung gescheitert, nun unterzukommen hoffe.
Mignon war einige Tage sehr still gewesen, und als man in sie drang, gestand sie endlich, dass ihr rechter Arm verrenkt sei. "Das hast du deiner Verwegenheit zu danken", sagte Philine und erzählte, wie das Kind im Gefechte seinen Hirschfänger gezogen und, als es seinen Freund in Gefahr gesehen, wacker auf die Freibeuter zugehauen habe. Endlich sei es beim arme ergriffen und auf die Seite geschleudert worden. Man schalt auf sie, dass sie das Übel nicht eher entdeckt habe, doch merkte man wohl, dass sie sich vor dem Chirurgus gescheut, der sie bisher immer für einen Knaben gehalten hatte. Man suchte das Übel zu heben, und sie musste den Arm in der Binde tragen. Hierüber war sie aufs neue empfindlich, weil sie den besten teil der Pflege und Wartung ihres Freundes Philinen überlassen musste, und die angenehme Sünderin zeigte sich nur um desto tätiger und aufmerksamer.
Eines Morgens, als Wilhelm erwachte, fand er sich mit ihr in einer sonderbaren Nähe. Er war auf seinem weiten Lager in der Unruhe des Schlafs ganz an die hintere Seite gerutscht. Philine lag quer über den vordern teil hingestreckt; sie schien auf dem Bette sitzend und lesend eingeschlafen zu sein. Ein Buch war ihr aus der Hand gefallen; sie war zurück und mit dem Kopf nah an seine Brust gesunken, über die sich ihre blonden aufgelösten Haare in Wellen ausbreiteten. Die Unordnung des Schlafs erhöhte mehr als Kunst und Vorsatz ihre Reize; eine Lindische lächelnde Ruhe schwebte über ihrem gesicht. Er sah sie eine Zeitlang an und schien sich selbst über das Vergnügen zu tadeln, womit er sie ansah, und wir wissen nicht, ob er seinen Zustand segnete oder tadelte, der ihm Ruhe und Mässigung zur Pflicht machte. Er hatte sie eine Zeitlang aufmerksam betrachtet, als sie sich zu regen anfing. Er schloss die Augen sachte zu, doch konnte er nicht unterlassen, zu blinzen und nach ihr zu sehen, als sie sich wieder zurechtputzte und wegging, nach dem Frühstück zu fragen.
Nach und nach hatten sich nun die sämtlichen Schauspieler bei Wilhelmen gemeldet, hatten Empfehlungsschreiben und Reisegeld, mehr oder weniger unartig und ungestüm, gefordert und immer mit Widerwillen Philinens erhalten. Vergebens stellte sie ihrem Freunde vor, dass der Jäger auch diesen Leuten eine ansehnliche Summe zurückgelassen, dass man ihn nur zum besten habe. Vielmehr kamen sie darüber in einen lebhaften Zwist, und Wilhelm behauptete nunmehr ein für allemal, dass sie sich gleichfalls an die übrige Gesellschaft anschliessen und ihr Glück bei Serlo