feind geworden war. "Wer wird ihm übelnehmen", rief sie aus, "dass er ein Geschlecht hasst, das ihm so übel mitgespielt hat und ihm alle Übel, die sonst Männer von Weibern zu befürchten haben, in einem sehr konzentrierten Tranke zu verschlucken gab? Stellen Sie sich vor: binnen vierundzwanzig Stunden war er Liebhaber, Bräutigam, Ehmann, Hahnrei, Patient und Witwer! Ich wüsste nicht, wie man's einem ärger machen wollte."
Laertes lief halb lachend, halb verdriesslich zur stube hinaus, und Philine fing in ihrer allerliebsten Art die geschichte zu erzählen an, wie Laertes als ein junger Mensch von achtzehn Jahren, eben als er bei einer Teatergesellschaft eingetroffen, ein schönes vierzehnjähriges Mädchen gefunden, die eben mit ihrem Vater, der sich mit dem Direktor entzweiet, abzureisen willens gewesen. Er habe sich aus dem Stegreife sterblich verliebt, dem Vater alle möglichen Vorstellungen getan, zu bleiben, und endlich versprochen, das Mädchen zu heiraten. Nach einigen angenehmen Stunden des Brautstandes sei er getraut worden, habe eine glückliche Nacht als Ehmann zugebracht, darauf habe ihn seine Frau des andern Morgens, als er in der probe gewesen, nach Standesgebühr mit einem Hörnerschreck beehrt; weil er aber aus allzugrosser Zärtlichkeit viel zu früh nach haus geeilt, habe er leider einen ältern Liebhaber an seiner Stelle gefunden, habe mit unsinniger leidenschaft dreingeschlagen, Liebhaber und Vater herausgefordert und sei mit einer leidlichen Wunde davongekommen. Vater und Tochter seien darauf noch in der Nacht abgereist, und er sei leider auf eine doppelte Weise verwundet zurückgeblieben. Sein Unglück habe ihn zu dem schlechtesten Feldscher von der Welt geführt, und der arme sei leider mit schwarzen Zähnen und triefenden Augen aus diesem Abenteuer geschieden. Er sei zu bedauern, weil er übrigens der bravste Junge sei, den Gottes Erdboden trüge. "Besonders", sagte sie, "tut es mir leid, dass der arme Narr nun die Weiber hasst: denn wer die Weiber hasst, wie kann der leben?"
Melina unterbrach sie mit der Nachricht, dass alles zum Transport völlig bereit sei, und dass sie morgen früh abfahren könnten. Er überreichte ihnen eine Disposition, wie sie fahren sollten.
"Wenn mich ein guter Freund auf den Schoss nimmt" sagte Philine, "so bin ich zufrieden, dass wir eng und erbärmlich sitzen; übrigens ist mir alles einerlei."
"Es tut nichts", sagte Laertes, der auch herbeikam.
"Es ist verdriesslich!" sagte Wilhelm und eilte weg. Er fand für sein Geld noch einen gar bequemen Wagen, den Melina verleugnet hatte. Eine andere Einteilung ward gemacht, und man freute sich, bequem abreisen zu können, als die bedenkliche Nachricht einlief, dass auf dem Wege, den sie nehmen wollten, sich ein Freikorps sehen lasse, von dem man nicht viel Gutes erwartete.
An dem Orte selbst war man sehr auf diese Zeitung aufmerksam, wenn sie gleich nur schwankend und zweideutig war. Nach der Stellung der Armeen schien es unmöglich, dass ein feindliches Korps sich habe durchschleichen, oder dass ein freundliches so weit habe zurückbleiben können. Jedermann war eifrig, unserer Gesellschaft die Gefahr, die auf sie wartete, recht gefährlich zu beschreiben und ihr einen andern Weg anzuraten.
Die meisten waren darüber in Unruhe und Furcht gesetzt, und als nach der neuen republikanischen Form die sämtlichen Glieder des staates zusammengerufen wurden, um über diesen ausserordentlichen Fall zu beratschlagen, waren sie fast einstimmig der Meinung, dass man das Übel vermeiden und am Orte bleiben, oder ihm ausweichen und einen andern Weg erwählen müsse.
Nur Wilhelm, von Furcht nicht eingenommen, hielt für schimpflich, einen Plan, in den man mit so viel Überlegung eingegangen war, nunmehr auf ein blosses Gerücht aufzugeben. Er sprach ihnen Mut ein, und seine Gründe waren männlich und überzeugend.
"Noch", sagte er, "ist es nichts als ein Gerücht, und wie viele dergleichen entstehen im Kriege! Verständige Leute sagen, dass der Fall höchst unwahrscheinlich, ja beinah unmöglich sei. Sollten wir uns in einer so wichtigen Sache bloss durch ein so ungewisses Gerede bestimmen lassen? Die Route, welche uns der Herr Graf angegeben hat, auf die unser Pass lautet, ist die kürzeste, und wir finden auf selbiger den besten Weg. Sie führt uns nach der Stadt, wo ihr Bekanntschaften, Freunde vor euch seht und eine gute Aufnahme zu hoffen habt. Der Umweg bringt uns auch dahin, aber in welche schlimmen Wege verwikkelt er uns, wie weit führt er uns ab! Können wir Hoffnung haben, uns in der späten Jahrszeit wieder herauszufinden, und was für Zeit und Geld werden wir indessen versplittern!" Er sagte noch viel und trug die Sache von so mancherlei vorteilhaften Seiten vor, dass ihre Furcht sich verringerte und ihr Mut zunahm. Er wusste ihnen so viel von der Mannszucht der regelmässigen Truppen vorzusagen und ihnen die Marodeurs und das hergelaufene Gesindel so nichtswürdig zu schildern und selbst die Gefahr so lieblich und lustig darzustellen, dass alle Gemüter aufgeheitert wurden.
Laertes war vom ersten Moment an auf seiner Seite und versicherte, dass er nicht wanken noch weichen wolle. Der alte Polterer fand wenigstens einige übereinstimmende Ausdrücke in seiner Manier, Philine lachte sie alle zusammen aus, und da Madame Melina, die, ihrer hohen Schwangerschaft ungeachtet, ihre natürliche Herzhaftigkeit nicht verloren hatte, den Vorschlag heroisch fand, so konnte Melina, der denn freilich auf dem nächsten Wege, auf den er