Eigenschaften, solche Skrupel gern zu erzeugen und sorgfältig zu nähren."
"Ist es nicht das nämliche mit allen Ehrenpunkten?" fragte Wilhelm.
"Ach ja", versetzte der Baron, "und andern Vorurteilen. Wir wollen sie nicht ausjäten, um nicht vielleicht edle Pflanzen zugleich mit auszuraufen. Aber mich freut immer, wenn einzelne Personen fühlen, über was man sich hinaussetzen kann und soll, und ich denke mit Vergnügen an die geschichte des geistreichen Dichters, der für ein Hofteater einige Stücke verfertigte, welche den ganzen Beifall des Monarchen erhielten. 'Ich muss ihn ansehnlich belohnen', sagte der grossmütige Fürst; 'man forsche an ihm, ob ihm irgendein Kleinod Vergnügen macht, oder ob er nicht verschmäht, Geld anzunehmen.' Nach seiner scherzhaften Art antwortete der Dichter dem abgeordneten Hofmann: 'Ich danke lebhaft für die gnädigen Gesinnungen, und da der Kaiser alle Tage Geld von uns nimmt, so sehe ich nicht ein, warum ich mich schämen sollte, Geld von ihm anzunehmen.'"
Der Baron hatte kaum das Zimmer verlassen, als Wilhelm eifrig die Barschaft zählte, die ihm so unvermutet und, wie er glaubte, so unverdient zugekommen war. Es schien, als ob ihm der Wert und die Würde des Goldes, die uns in spätern Jahren erst fühlbar werden, ahnungsweise zum erstenmal entgegenblickten, als die schönen blinkenden Stücke aus dem zierlichen Beutel hervorrollten. Er machte seine Rechnung und fand, dass er, besonders da Melina den Vorschuss sogleich wieder zu bezahlen versprochen hatte, ebensoviel, ja noch mehr in Kassa habe als an jenem Tage, da Philine ihm den ersten Strauss abfordern liess. Mit heimlicher Zufriedenheit blickte er auf sein Talent, mit einem kleinen Stolze auf das Glück, das ihn geleitet und begleitet hatte. Er ergriff nunmehr mit Zuversicht die Feder, um einen Brief zu schreiben, der auf einmal die Familie aus aller Verlegenheit und sein bisheriges Betragen in das beste Licht setzen sollte. Er vermied eine eigentliche Erzählung und liess nur in bedeutenden und mystischen Ausdrücken dasjenige, was ihm begegnet sein könnte, erraten. Der gute Zustand seiner Kasse, der Erwerb, den er seinem Talent schuldig war, die Gunst der Grossen, die Neigung der Frauen, die Bekanntschaft in einem weiten Kreise, die Ausbildung seiner körperlichen und geistigen Anlagen, die Hoffnung für die Zukunft bildeten ein solches wunderliches Luftgemälde, dass Fata Morgana selbst es nicht seltsamer hätte durcheinander wirken können.
In dieser glücklichen Exaltation fuhr er fort, nachdem der Brief geschlossen war, ein langes Selbstgespräch zu unterhalten, in welchem er den Inhalt des Schreibens rekapitulierte, und sich eine tätige und würdige Zukunft ausmalte. Das Beispiel so vieler edlen Krieger hatte ihn angefeuert, die Shakespearische Dichtung hatte ihm eine neue Welt eröffnet, und von den Lippen der schönen Gräfin hatte er ein unaussprechliches Feuer in sich gesogen. Das alles konnte, das sollte nicht ohne wirkung bleiben.
Der Stallmeister kam und fragte, ob sie mit Einpakken fertig seien. Leider hatte ausser Melina noch niemand daran gedacht. Nun sollte man eilig aufbrechen. Der Graf hatte versprochen, die ganze Gesellschaft einige Tagereisen weit transportieren zu lassen, die Pferde waren eben bereit und konnten nicht lange entbehrt werden. Wilhelm fragte nach seinem Koffer; Madame Melina hatte sich ihn zunutze gemacht; er verlangte nach seinem Gelde, Herr Melina hatte es ganz unten in den Koffer mit grosser Sorgfalt gepackt. Philine sagte: "Ich habe in dem meinigen noch Platz", nahm Wilhelms Kleider und befahl Mignon, das übrige nachzubringen. Wilhelm musste es, nicht ohne Widerwillen, geschehen lassen.
Indem man aufpackte und alles zubereitete, sagte Melina: "Es ist mir verdriesslich, dass wir wie Seiltänzer und Marktschreier reisen; ich wünschte, dass Mignon Weiberkleider anzöge, und dass der Harfenspieler sich noch geschwinde den Bart scheren liesse." Mignon hielt sich fest an Wilhelm und sagte mit grosser Lebhaftigkeit: "Ich bin ein Knabe: ich will kein Mädchen sein!" Der Alte schwieg, und Philine machte bei dieser gelegenheit über die Eigenheit des Grafen, ihres Beschützers, einige lustige Anmerkungen. "Wenn der Harfner seinen Bart abschneidet", sagte sie, "so mag er ihn nur sorgfältig auf Band nähen und bewahren, dass er ihn gleich wieder vornehmen kann, sobald er dem Grafen irgendwo in der Welt begegnet; denn dieser Bart allein hat ihm die Gnade dieses Herrn verschafft."
Als man in sie drang und eine Erklärung dieser sonderbaren Äusserung verlangte, liess sie sich folgendergestalt vernehmen: "Der Graf glaubt, dass es zur Illusion sehr viel beitrage, wenn der Schauspieler auch im gemeinen Leben seine Rolle fortspielt und seinen Charakter souteniert; deswegen war er dem Pedanten so günstig, und er fand, es sei recht gescheit, dass der Harfner seinen falschen Bart nicht allein abends auf dem Teater, sondern auch beständig bei Tage trage, und freute sich sehr über das natürliche Aussehen der Maskerade."
Als die andern über diesen Irrtum und über die sonderbaren Meinungen des Grafen spotteten, ging der Harfner mit Wilhelm beiseite, nahm von ihm Abschied und bat mit Tränen, ihn ja sogleich zu entlassen. Wilhelm redete ihm zu und versicherte, dass er ihn gegen jedermann schützen werde, dass ihm niemand ein Haar krümmen, viel weniger ohne seinen Willen abschneiden solle.
Der Alte war sehr bewegt, und in seinen Augen glühte ein sonderbares Feuer. "Nicht dieser Anlass treibt mich hinweg", rief er aus; "schon lange mache ich