1795_Goethe_028_72.txt

ein Andenken von einer guten Freundin, die nichts lebhafter wünscht, als dass es Ihnen wohl gehen möge." Sie nahm darauf einen Ring heraus, der unter einem Kristall ein schön von Haaren geflochtenes Schild zeigte und mit Steinen besetzt war. Sie überreichte ihn Wilhelmen, der, als er ihn annahm, nichts zu sagen und nichts zu tun wusste, sondern wie eingewurzelt in den Boden dastand. Die Gräfin schloss den Schreibtisch zu und setzte sich auf ihren Sofa.

"Und ich soll leer ausgehen", sagte Philine, indem sie zur rechten Hand der Gräfin niederkniete; "seht nur den Menschen, der zur Unzeit so viele Worte im mund führt und jetzt nicht einmal eine armselige Danksagung herstammeln kann. Frisch, mein Herr, tun Sie wenigstens pantomimisch Ihre Schuldigkeit, und wenn Sie heute selbst nichts zu erfinden wissen, so ahmen Sie mir wenigstens nach!"

Philine ergriff die rechte Hand der Gräfin und küsste sie mit Lebhaftigkeit. Wilhelm stürzte auf seine Kniee, fasste die linke und drückte sie an seine Lippen. Die Gräfin schien verlegen, aber ohne Widerwillen.

"Ach!" rief Philine aus, "so viel Schmuck hab' ich wohl schon gesehen, aber noch nie eine Dame, so würdig, ihn zu tragen. Welche Armbänder! aber auch welche Hand! Welcher Halsschmuck! aber auch welche Brust!"

"Stille, Schmeichlerin", rief die Gräfin.

"Stellt denn das den Herrn Grafen vor?" sagte Philine, indem sie auf ein reiches Medaillon deutete, das die Gräfin an kostbaren Ketten an der linken Seite trug.

"Er ist als Bräutigam gemalt", versetzte die Gräfin.

"War er denn damals so jung?" fragte Philine; "Sie sind ja nur erst, wie ich weiss, wenige Jahre verheiratet."

"Diese Jugend kommt auf die Rechnung des Malers", versetzte die Gräfin.

"Es ist ein schöner Mann", sagte Philine. "Doch sollte wohl niemals", fuhr sie fort, indem sie die Hand auf das Herz der Gräfin legte, "in diese verborgene Kapsel sich ein ander Bild eingeschlichen haben?"

"Du bist sehr verwegen, Philine!" rief sie aus; "ich habe dich verzogen. Lass mich so etwas nicht zum zweiten mal hören."

"Wenn Sie zürnen, bin ich unglücklich", rief Philine, sprang auf und eilte zur tür hinaus.

Wilhelm hielt die schönste Hand noch in seinen Händen. Er sah unverwandt auf das Armschloss, das zu seiner grössten Verwunderung die Anfangsbuchstaben seiner Namen in brillantenen Zügen sehen liess.

"Besitz' ich", fragte er bescheiden, "in dem kostbaren Ringe denn wirklich Ihre Haare?"

"Ja", versetzte sie mit halber stimme; dann nahm sie sich zusammen und sagte, indem sie ihm die Hand drückte: "Stehen Sie auf, und leben Sie wohl!"

"Hier steht mein Name", rief er aus, "durch den sonderbarsten Zufall!" Er zeigte auf das Armschloss.

"Wie?" rief die Gräfin; "es ist die Chiffer einer Freundin!"

"Es sind die Anfangsbuchstaben meines Namens. Vergessen Sie meiner nicht. Ihr Bild steht unauslöschlich in meinem Herzen. Leben Sie wohl, lassen Sie mich fliehen!"

Er küsste ihre Hand und wollte aufstehn; aber wie im Traum das Seltsamste aus dem Seltsamsten sich entwickelnd uns überrascht, so hielt er, ohne zu wissen, wie es geschah, die Gräfin in seinen Armen, ihre Lippen ruhten auf den seinigen und ihre wechselseitigen lebhaften Küsse gewährten ihnen eine Seligkeit, die wir nur aus dem ersten aufbrausenen Schaum des frisch eingeschenkten Bechers der Liebe schlürfen.

Ihr Haupt ruhte auf seiner Schulter, und der zerdrückten Locken und Bänder ward nicht gedacht. Sie hatte ihren Arm um ihn geschlungen; er umfasste sie mit Lebhaftigkeit und drückte sie wiederholend an seine Brust. O dass ein solcher Augenblick nicht Ewigkeiten währen kann, und wehe dem neidischen Geschick, das auch unsern Freunden diese kurzen Augenblicke unterbrach!

Wie erschrak Wilhelm, wie betäubt fuhr er aus einem glücklichen Traume auf, als die Gräfin sich auf einmal mit einem Schrei von ihm losriss und mit der Hand nach ihrem Herzen fuhr.

Er stand betäubt vor ihr da; sie hielt die andere Hand vor die Augen und rief nach einer Pause: "Entfernen Sie sich, eilen Sie!"

Er stand noch immer.

"Verlassen Sie mich", rief sie, und indem sie die Hand von den Augen nahm und ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke ansah, setzte sie mit der lieblichsten stimme hinzu: "Fliehen Sie mich, wenn Sie mich lieben!"

Wilhelm war aus dem Zimmer und wieder auf seiner stube, eh' er wusste, wo er sich befand.

Die Unglücklichen! Welche sonderbare Warnung des Zufalls oder der Schickung riss sie auseinander?

Viertes Buch

Erstes Kapitel

Laertes stand nachdenklich am Fenster und blickte, auf seinen Arm gestützt, in das Feld hinaus. Philine schlich über den grossen Saal herbei, lehnte sich auf den Freund und verspottete sein ernstaftes Ansehen.

"Lache nur nicht", versetzte er, "es ist abscheulich, wie die Zeit vergeht, wie alles sich verändert und ein Ende nimmt! Sieh nur, hier stand vor kurzem noch ein schönes Lager, wie lustig sahen die Zelte aus! wie lebhaft ging es darin zu! wie sorgfältig bewachte man den ganzen Bezirk! und nun ist alles auf einmal