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Ich überliess mich meiner Phantasie, probierte und bereitete ewig, baute tausend Luftschlösser und spürte nicht, dass ich den Grund des kleinen Gebäudes zerstört hatte."

Während dieser Erzählung hatte Mariane alle ihre Freundlichkeit gegen Wilhelm aufgeboten, um ihre Schläfrigkeit zu verbergen. So scherzhaft die Begebenheit von einer Seite schien, so war sie ihr doch zu einfach, und die Betrachtungen dabei zu ernstaft. Sie setzte zärtlich ihren Fuss auf den Fuss des Geliebten und gab ihm scheinbare Zeichen ihrer Aufmerksamkeit und ihres Beifalls. Sie trank aus seinem Glase, und Wilhelm war überzeugt, es sei kein Wort seiner geschichte auf die Erde gefallen. Nach einer kleinen Pause rief er aus: "Es ist nun an dir, Mariane, mir auch deine ersten jugendlichen Freuden mitzuteilen. Noch waren wir immer zu sehr mit dem Gegenwärtigen beschäftigt, als dass wir uns wechselseitig um unsere vorige Lebensweise hätten bekümmern können. Sage mir: unter welchen Umständen bist du erzogen? Welche sind die ersten lebhaften Eindrücke, deren du dich erinnerst?"

Diese fragen würden Marianen in grosse Verlegenheit gesetzt haben, wenn ihr die Alte nicht sogleich zu hülfe gekommen wäre. "Glauben Sie denn", sagte das kluge Weib, "dass wir auf das, was uns früher begegnet, so aufmerksam sind, dass wir so artige begebenheiten zu erzählen haben, und, wenn wir sie zu erzählen hätten, dass wir der Sache auch ein solches Geschick zu geben wüssten?"

"Als wenn es dessen bedürfte!" rief Wilhelm aus. "Ich liebe dieses zärtliche, gute, liebliche geschöpf so sehr, dass mich jeder Augenblick meines Lebens verdriesst, den ich ohne sie zugebracht habe. Lass mich wenigstens durch die Einbildungskraft teil an deinem vergangenen Leben nehmen! Erzähle mir alles, ich will dir alles erzählen. Wir wollen uns womöglich täuschen und jene für die Liebe verlornen zeiten wieder zu gewinnen suchen."

"Wenn Sie so eifrig darauf bestehen, können wir Sie wohl befriedigen", sagte die Alte. "Erzählen Sie uns erst, wie Ihre Liebhaberei zum Schauspiele nach und nach gewachsen sei, wie Sie sich geübt, wie Sie so glücklich zugenommen haben, dass Sie nunmehr für einen guten Schauspieler gelten können? Es hat Ihnen dabei gewiss nicht an lustigen begebenheiten gemangelt. Es ist nicht der Mühe wert, dass wir uns zur Ruhe legen, ich habe noch eine Flasche in Reserve; und wer weiss, ob wir bald wieder so ruhig und zufrieden zusammensitzen?"

Mariane schaute mit einem traurigen blick nach ihr auf, den Wilhelm nicht bemerkte und in seiner Erzählung fortfuhr.

Siebentes Kapitel

"Die Zerstreuungen der Jugend, da meine Gespannschaft sich zu vermehren anfing, taten dem einsamen, stillen Vergnügen Eintrag. Ich war wechselsweise bald Jäger, bald Soldat, bald Reiter, wie es unsre Spiele mit sich brachten; doch hatte ich immer darin einen kleinen Vorzug vor den andern, dass ich imstande war, ihnen die nötigen Gerätschaften schicklich auszubilden. So waren die Schwerter meistens aus meiner Fabrik; ich verzierte und vergoldete die Schlitten, und ein geheimer Instinkt liess mich nicht ruhen, bis ich unsre Miliz ins Antike umgeschaffen hatte. Helme wurden verfertiget, mit papiernen büsche geschmückt, Schilde, sogar Harnische wurden gemacht, arbeiten, bei denen die Bedienten im haus, die etwa Schneider waren, und die Nähterinnen manche Nadel zerbrachen.

Einen teil meiner jungen Gesellen sah ich nun wohlgerüstet; die übrigen wurden auch nach und nach, doch geringer ausstaffiert, und es kam ein stattliches Korps zusammen. Wir marschierten in Höfen und Gärten, schlugen uns brav auf die Schilde und auf die Köpfe; es gab manche Misshelligkeit, die aber bald beigelegt war.

Dieses Spiel, das die andern sehr unterhielt, war kaum etlichemal getrieben worden, als es mich schon nicht mehr befriedigte. Der Anblick so vieler gerüsteten Gestalten musste in mir notwendig die Ritterideen aufreizen, die seit einiger Zeit, da ich in das Lesen alter Romane gefallen war, meinen Kopf anfüllten.

'Das befreite Jerusalem', davon mir Koppens Übersetzung in die hände fiel, gab meinen herumschweifenden Gedanken endlich eine bestimmte Richtung. Ganz konnte ich zwar das Gedicht nicht lesen; es waren aber Stellen, die ich auswendig wusste, deren Bilder mich umschwebten. Besonders fesselte mich Chlorinde mit ihrem ganzen Tun und Lassen. Die Mannweiblichkeit, die ruhige Fülle ihres Daseins taten mehr wirkung auf den Geist, der sich zu entwikkeln anfing, als die gemachten Reize Armidens, ob ich gleich ihren Garten nicht verachtete.

Aber hundert und hundertmal, wenn ich abends auf dem Altan, der zwischen den Giebeln des Hauses angebracht ist, spazierte, über die Gegend hinsah und von der hinabgewichenen Sonne ein zitternder Schein am Horizont heraufdämmerte, die Sterne hervortraten, aus allen Winkeln und Tiefen die Nacht hervordrang und der klingende Ton der Grillen durch die feierliche Stille schrillte, sagte ich mir die geschichte des traurigen Zweikampfs zwischen Tankred und Chlorinden vor.

So sehr ich, wie billig, von der Partei der Christen war, stand ich doch der heidnischen Heldin mit ganzem Herzen bei, als sie unternahm, den grossen Turm der Belagerer anzuzünden. Und wie nun Tankred dem vermeinten Krieger in der Nacht begegnet, unter der düstern Hülle der Streit beginnt, und sie gewaltig kämpfenich konnte nie die Worte aussprechen:

'Allein das Lebensmass Chlorindens ist nun voll,

Und ihre Stunde kommt, in der sie sterben soll!',

dass mir nicht die Tränen in die Augen kamen, die reichlich flossen,