zuvor. Schon war die Baronesse wieder zum Zimmer hinaus, als er erst bemerkte, wie gefährlich der Posten war, den er eingenommen hatte. Er leugnete sich nicht, dass die Schönheit, die Jugend, die Anmut der Gräfin einigen Eindruck auf ihn gemacht hatten; allein da er seiner natur nach von aller leeren Galanterie weit entfernt war, und ihm seine Grundsätze einen Gedanken an ernstaftere Unternehmungen nicht erlaubten, so war er wirklich in diesem Augenblick in nicht geringer Verlegenheit. Die Furcht, der Gräfin zu missfallen, oder ihr mehr als billig zu gefallen, war gleich gross bei ihm.
Jeder weibliche Reiz, der jemals auf ihn gewirkt hatte, zeigte sich wieder vor seiner Einbildungskraft. Mariane erschien ihm im weissen Morgenkleide und flehte um sein Andenken. Philinens Liebenswürdigkeit, ihre schönen Haare und ihr einschmeichelndes Betragen waren durch ihre neueste Gegenwart wieder wirksam geworden; doch alles trat wie hinter den Flor der Entfernung zurück, wenn er sich die edle, blühende Gräfin dachte, deren Arm er in wenig Minuten an seinem Halse fühlen sollte, deren unschuldige Liebkosungen er zu erwidern aufgefordert war.
Die sonderbare Art, wie er aus dieser Verlegenheit sollte gezogen werden, ahnete er freilich nicht. Denn wie gross war sein Erstaunen, ja sein Schrecken, als hinter ihm die tür sich auftat und er bei dem ersten verstohlenen blick in den Spiegel den Grafen ganz deutlich erblickte, der mit einem Lichte in der Hand hereintrat. Sein Zweifel, was er zu tun habe, ob er sitzenbleiben oder aufstehen, fliehen, bekennen, leugnen oder um Vergebung bitten solle, dauerte nur einige Augenblicke. Der Graf, der unbeweglich in der tür stehengeblieben war, trat zurück und machte sie sachte zu. In dem Moment sprang die Baronesse zur Seitentüre herein, löschte die Lampe aus, riss Wilhelmen vom stuhl und zog ihn nach sich in das Kabinett. Geschwind warf er den Schlafrock ab, der sogleich wieder seinen gewöhnlichen Platz erhielt. Die Baronesse nahm Wilhelms Rock über den Arm und eilte mit ihm durch einige Stuben, Gänge und Verschläge in ihr Zimmer, wo Wilhelm, nachdem sie sich erholt hatte, von ihr vernahm, sie sei zu der Gräfin gekommen, um ihr die erdichtete Nachricht von der Ankunft des Grafen zu bringen. "Ich weiss es schon", sagte die Gräfin, "was mag wohl begegnet sein? Ich habe ihn soeben zum Seitentor hereinreiten sehen." Erschrokken sei die Baronesse sogleich auf des Grafen Zimmer gelaufen, um ihn abzuholen.
"Unglücklicherweise sind Sie zu spät gekommen!" rief Wilhelm aus; "der Graf war vorhin im Zimmer und hat mich sitzen sehen."
"Hat er Sie erkannt?"
"Ich weiss es nicht. Er sah mich im Spiegel, so wie ich ihn, und eh' ich wusste, ob es ein Gespenst oder er selbst war, trat er schon wieder zurück und drückte die tür hinter sich zu."
Die Verlegenheit der Baronesse vermehrte sich, als ein Bedienter sie zu rufen kam und anzeigte, der Graf befinde sich bei seiner Gemahlin. Mit schwerem Herzen ging sie hin und fand den Grafen zwar still und in sich gekehrt, aber in seinen Äusserungen milder und freundlicher als gewöhnlich. Sie wusste nicht, was sie denken sollte. Man sprach von den Vorfällen der Jagd und den Ursachen seiner früheren Zurückkunft. Das Gespräch ging bald aus. Der Graf ward stille, und besonders musste der Baronesse auffallen, als er nach Wilhelmen fragte und den Wunsch äusserte, man möchte ihn rufen lassen, damit er etwas vorlese.
Wilhelm, der sich im Zimmer der Baronesse wieder angekleidet und einigermassen erholt hatte, kam nicht ohne Sorgen auf den Befehl herbei. Der Graf gab ihm ein Buch, aus welchem er eine abenteuerliche Novelle nicht ohne Beklemmung vorlas. Sein Ton hatte etwas Unsicheres, Zitterndes, das glücklicherweise dem Inhalt der geschichte gemäss war. Der Graf gab einigemal freundliche Zeichen des Beifalls und lobte den besonderen Ausdruck der Vorlesung, da er zuletzt unsern Freund entliess.
Eilftes Kapitel
Wilhelm hatte kaum einige Stücke Shakespeares gelesen, als ihre wirkung auf ihn so stark wurde, dass er weiter fortzufahren nicht imstande war. Seine ganze Seele geriet in Bewegung. Er suchte gelegenheit, mit Jarno zu sprechen, und konnte ihm nicht genug für die verschaffte Freude danken.
"Ich habe es wohl vorausgesehen", sagte dieser, "dass Sie gegen die Trefflichkeiten des ausserordentlichsten und wunderbarsten aller Schriftsteller nicht unempfindlich bleiben würden."
"Ja", rief Wilhelm aus, "ich erinnere mich nicht, dass ein Buch, ein Mensch oder irgendeine Begebenheit des Lebens so grosse Wirkungen auf mich hervorgebracht hätte als die köstlichen Stücke, die ich durch Ihre Gütigkeit habe kennen lernen. Sie scheinen ein Werk eines himmlischen Genius zu sein, der sich den Menschen nähert, um sie mit sich selbst auf die gelindeste Weise bekannt zu machen. Es sind keine Gedichte! Man glaubt vor den aufgeschlagenen ungeheuren Büchern des Schicksals zu stehen, in denen der Sturmwind des bewegtesten Lebens saust und sie mit Gewalt rasch hin und wider blättert. Ich bin über die Stärke und Zarteit über die Gewalt und Ruhe so erstaunt und ausser aller Fassung gebracht, dass ich nur mit sehnsucht auf die Zeit warte, da ich mich in einem Zustande befinden werde, weiterzulesen."
"Bravo", sagte Jarno, indem er unserm Freunde die Hand reichte und sie ihm drückte, "so wollte ich es haben! und die Folgen, die ich hoffe, werden