ziemlich fertig, als er in das neue Schloss gerufen wurde, wo er hörte, dass die herrschaft, die eben frühstückte, ihn sprechen wollte. Er trat in den Saal, die Baronesse kam ihm wieder zuerst entgegen, und unter dem Vorwande, als wenn sie ihm einen guten Morgen bieten wollte, lispelte sie heimlich zu ihm: "Sagen Sie nichts von Ihrem Stücke, als was Sie gefragt werden."
"Ich höre," rief ihm der Graf zu, "Sie sind recht fleissig und arbeiten an meinem Vorspiele, das ich zu Ehren des Prinzen geben will. Ich billige, dass Sie eine Minerva darin anbringen wollen, und ich denke beizeiten darauf, wie die Göttin zu kleiden ist, damit man nicht gegen das Kostüm verstösst. Ich lasse deswegen aus meiner Bibliotek alle Bücher herbeibringen, worin sich das Bild derselben befindet."
In eben dem Augenblicke traten einige Bedienten mit grossen Körben voll Bücher allerlei Formats in den Saal.
Montfaucon, die Sammlungen antiker Statuen, Gemmen und Münzen, alle Arten mytologischer Schriften wurden aufgeschlagen und die Figuren verglichen. Aber auch daran war es noch nicht genug! Des Grafen vortreffliches Gedächtnis stellte ihm alle Minerven vor, die etwa noch auf Titelkupfern, Vignetten oder sonst vorkommen mochten. Es musste deshalb ein Buch nach dem andern aus der Bibliotek herbeigeschafft werden, so dass der Graf zuletzt in einem Haufen von Büchern sass. Endlich, da ihm keine Minerva mehr einfiel, rief er mit lachen aus: "Ich wollte wetten, dass nun keine Minerva mehr in der ganzen Bibliotek sei, und es möchte wohl das erstemal vorkommen, dass eine Büchersammlung so ganz und gar des Bildes ihrer Schutzgöttin entbehren muss."
Die ganze Gesellschaft freute sich über den Einfall, und besonders Jarno, der den Grafen immer mehr Bücher herbeizuschaffen gereizt hatte, lachte ganz unmässig.
"Nunmehr", sagte der Graf, indem er sich zu Wilhelm wendete, "ist es eine Hauptsache, welche Göttin meinen Sie? Minerva oder Pallas? Die Göttin des Krieges oder der Künste?"
"Sollte es nicht am schicklichsten sein, Ew. Exzellenz", versetzte Wilhelm, "wenn man hierüber sich nicht bestimmt ausdrückte und sie, eben weil sie in der Mytologie eine doppelte person spielt, auch hier in doppelter Qualität erscheinen liesse. Sie meldet einen Krieger an, aber nur, um das Volk zu beruhigen; sie preist einen Helden, indem sie seine Menschlichkeit erhebt; sie überwindet die Gewalttätigkeit und stellt die Freude und Ruhe unter dem volk wieder her."
Die Baronesse, der es bange wurde, Wilhelm möchte sich verraten, schob geschwinde den Leibschneider der Gräfin dazwischen, der seine Meinung abgeben musste, wie ein solcher antiker Rock auf das beste gefertiget werden könnte. Dieser Mann, in Maskenarbeiten erfahren, wusste die Sache sehr leicht zu machen, und da Madame Melina ungeachtet ihrer hohen Schwangerschaft die Rolle der himmlischen Jungfrau übernommen hatte, so wurde er angewiesen, ihr das Mass zu nehmen, und die Gräfin bezeichnete, wiewohl mit einigem Unwillen ihrer Kammerjungfern, die Kleider aus der Garderobe, welche dazu verschnitten werden sollten.
Auf eine geschickte Weise wusste die Baronesse Wilhelmen wieder beiseitezuschaffen und liess ihn bald darauf wissen, sie habe die übrigen Sachen auch besorgt. Sie schickte ihm zugleich den Musikus, der des Grafen Hauskapelle dirigierte, damit dieser teils die notwendigen Stücke komponieren, teils schickliche Melodien aus dem Musikvorrate dazu aussuchen sollte. Nunmehr ging alles nach Wunsche, der Graf fragte dem Stücke nicht weiter nach, sondern war hauptsächlich mit der transparenten Dekoration beschäftigt, welche am Ende des Stückes die Zuschauer überraschen sollte. Seine Erfindung und die Geschicklichkeit seines Konditors brachten zusammen wirklich eine recht angenehme Erleuchtung zuwege. Denn auf seinen Reisen hatte er die grössten Feierlichkeiten dieser Art gesehen, viele Kupfer und Zeichnungen mitgebracht, und wusste, was dazu gehörte, mit vielem Geschmacke anzugeben.
Unterdessen endigte Wilhelm sein Stück, gab einem jeden seine Rolle, übernahm die seinige, und der Musikus, der sich zugleich sehr gut auf den Tanz verstand, richtete das Ballett ein, und so ging alles zum besten.
Nur ein unerwartetes Hindernis legte sich in den Weg, das ihm eine böse Lücke zu machen drohte. Er hatte sich den grössten Effekt von Mignons Eiertanze versprochen, und wie erstaunt war er daher, als das Kind ihm mit seiner gewöhnlichen Trockenheit abschlug, zu tanzen, versicherte, es sei nunmehr sein und werde nicht mehr auf das Teater gehen. Er suchte es durch allerlei Zureden zu bewegen und liess nicht eher ab, als bis es bitterlich zu weinen anfing, ihm zu Füssen fiel und rief: "Lieber Vater! bleib auch du von den Brettern!" Er merkte nicht auf diesen Wink und sann, wie er durch eine andere Wendung die Szene interessant machen wollte.
Philine, die eins von den Landmädchen machte und in dem Reihentanz die einzelne stimme singen und die Verse dem Chore zubringen sollte, freute sich recht ausgelassen darauf. übrigens ging es ihr vollkommen nach Wunsche, sie hatte ihr besonderes Zimmer, war immer um die Gräfin, die sie mit ihren Affenpossen unterhielt und dafür täglich etwas geschenkt bekam; ein Kleid zu diesem Stücke wurde auch für sie zurechte gemacht; und weil sie von einer leichten nachahmenden natur war, so hatte sie sich bald aus dem Umgange der Damen so viel gemerkt, als sich für sie schickte, und war in kurzer Zeit voll Lebensart und guten Betragens geworden. Die Sorgfalt des Stallmeisters nahm mehr zu