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.. ihm mit vieler Freundlichkeit entgegen, freute sich, seine Bekanntschaft zu machen, und präsentierte ihn der Gräfin, die sich eben frisieren liess und ihn mit freundlichen Worten und Blicken empfing, neben deren Stuhl er aber leider Philinen knien und allerlei Torheiten machen sah. – "Das schöne Kind", sagte die Baronesse, "hat uns verschiedenes vorgesungen. Endige Sie doch das angefangene Liedchen, damit wir nichts davon verlieren."

Wilhelm hörte das Stückchen mit grosser Geduld an, indem er die Entfernung des Friseurs wünschte, ehe er seine Vorlesung anfangen wollte. Man bot ihm eine Tasse Schokolade an, wozu ihm die Baronesse selbst den Zwieback reichte. Dessen ungeachtet schmeckte ihm das Frühstück nicht, denn er wünschte zu lebhaft, der schönen Gräfin irgend etwas vorzutragen, was sie interessieren, wodurch er ihr gefallen könnte. Auch Philine war ihm nur zu sehr im Wege, die ihm als Zuhörerin oft schon unbequem gewesen war. Er sah mit Schmerzen dem Friseur auf die hände und hoffte in jedem Augenblicke mehr auf die Vollendung des Baues.

Indessen war der Graf hereingetreten und erzählte von den heute zu erwartenden Gästen, von der Einteilung des Tages und was sonst etwa Häusliches vorkommen möchte. Da er hinausging, liessen einige Offiziere bei der Gräfin um die Erlaubnis bitten, ihr, weil sie noch vor Tafel wegreiten müssten, aufwarten zu dürfen. Der Kammerdiener war indessen fertig geworden, und sie liess die Herren hereinkommen.

Die Baronesse gab sich inzwischen Mühe, unsern Freund zu unterhalten und ihm viele achtung zu bezeigen, die er mit Ehrfurcht, obgleich etwas zerstreut, aufnahm. Er fühlte manchmal nach dem Manuskripte in der tasche, hoffte auf jeden Augenblick, und fast wollte seine Geduld reissen, als ein Galanteriehändler hereingelassen wurde, der seine Pappen, Kasten, Schachteln unbarmherzig eine nach der andern eröffnete und jede Sorte seiner Waren mit einer diesem Geschlechte eigenen Zudringlichkeit vorwies.

Die Gesellschaft vermehrte sich. Die Baronesse sah Wilhelmen an und sprach leise mit der Gräfin, er bemerkte es, ohne die Absicht zu verstehen, die ihm endlich zu haus klar wurde, als er sich nach einer ängstlich und vergebens durchharrten Stunde wegbegab. Er fand ein schönes englisches Portefeuille in der tasche. Die Baronesse hatte es ihm heimlich beizustecken gewusst, und gleich darauf folgte der Gräfin kleiner Mohr, der ihm eine artig gestickte Weste überbrachte, ohne recht deutlich zu sagen, woher sie komme.

Sechstes Kapitel

Das Gemisch der Empfindungen von Verdruss und Dankbarkeit verdarb ihm den ganzen Rest des Tages, bis er gegen Abend wieder Beschäftigung fand, indem Melina ihm eröffnete, der Graf habe von einem Vorspiele gesprochen, das dem Prinzen zu Ehren den Tag seiner Ankunft aufgeführt werden sollte. Er wolle darin die Eigenschaften dieses grossen Helden und Menschenfreundes personifizieret haben. Diese Tugenden sollten miteinander auftreten, sein Lob verkündigen und zuletzt seine Büste mit Blumen- und Lorbeerkränzen umwinden, wobei sein verzogener Name mit dem Fürstenhute durchscheinend glänzen sollte. Der Graf habe ihm aufgegeben, für die Versifikation und übrige Einrichtung dieses Stückes zu sorgen, und er hoffe, dass ihm Wilhelm, dem es etwas Leichtes sei, hierin gerne beistehen werde.

"Wie!" rief dieser verdriesslich aus, "haben wir nichts als Porträte, verzogene Namen und allegorische Figuren, um einen Fürsten zu ehren, der nach meiner Meinung ein ganz anderes Lob verdient? Wie kann es einem vernünftigen mann schmeicheln, sich in effigie aufgestellt und seinen Namen auf geöltem Papiere schimmern zu sehen! Ich fürchte sehr, die Allegorien würden, besonders bei unserer Garderobe, zu manchen Zweideutigkeiten und Spässen Anlass geben. Wollen Sie das Stück machen oder machen lassen, so kann ich nichts dawider haben, nur bitte ich, dass ich damit verschont bleibe."

Melina entschuldigte sich, es sei nur die ungefähre Angabe des Herrn Grafen, der ihnen übrigens ganz überlasse, wie sie das Stück arrangieren wollten. "Herzlich gerne", versetzte Wilhelm, "trage ich etwas zum Vergnügen dieser vortrefflichen herrschaft bei, und meine Muse hat noch kein so angenehmes Geschäfte gehabt, als zum Lob eines Fürsten, der so viel Verehrung verdient, auch nur stammelnd sich hören zu lassen. Ich will der Sache nachdenken; vielleicht gelingt es mir, unsre kleine truppe so zu stellen, dass wir doch wenigstens einigen Effekt machen."

Von diesem Augenblicke sann Wilhelm eifrig dem Auftrage nach. Ehe er einschlief, hatte er alles schon ziemlich geordnet, und den andern Morgen bei früher Zeit war der Plan fertig, die Szenen entworfen, ja schon einige der vornehmsten Stellen und Gesänge in Verse und zu Papiere gebracht.

Wilhelm eilte morgens gleich den Baron wegen gewisser Umstände zu sprechen und legte ihm seinen Plan vor. Diesem gefiel er sehr wohl, doch bezeigte er einige Verwunderung. Denn er hatte den Grafen gestern abend von einem ganz andern Stücke sprechen hören, welches nach seiner Angabe in Verse gebracht werden sollte.

"Es ist mir nicht wahrscheinlich", versetzte Wilhelm, "dass es die Absicht des Herrn Grafen gewesen sei, gerade das Stück, so wie er es Melinan angegeben, fertigen zu lassen; wenn ich nicht irre, so wollte er uns bloss durch einen Fingerzeig auf den rechten Weg weisen. Der Liebhaber und Kenner zeigt dem Künstler an, was er wünscht, und überlässt ihm alsdann die sorge, das Werk hervorzubringen."

"Mit nichten", versetzte der Baron; "der Herr Graf verlässt sich darauf, dass das Stück so und nicht anders, wie er es