schien sich auf alles zu verstehen, wonach er fragte.
Wilhelm erkundigte sich nach diesem mann bei dem Baron, der aber nicht viel Gutes von ihm zu sagen wusste. Er habe den Charakter als Major, sei eigentlich der Günstling des Prinzen, versehe dessen geheimste Geschäfte und werde für dessen rechten Arm gehalten, ja man habe Ursache zu glauben, er sei sein natürlicher Sohn. In Frankreich, England, Italien sei er mit Gesandtschaften gewesen, er werde überall sehr distinguiert, und das mache ihn einbildisch; er wähne, die deutsche Literatur aus dem grund zu kennen, und erlaube sich allerlei schale Spöttereien gegen dieselbe. Er, der Baron, vermeide alle Unterredung mit ihm, und Wilhelm werde wohl tun, sich auch von ihm entfernt zu halten, denn am Ende gebe er jedermann etwas ab. Man nenne ihn Jarno, wisse aber nicht recht, was man aus dem Namen machen solle.
Wilhelm hatte darauf nichts zu sagen, denn er empfand gegen den Fremden, ob er gleich etwas Kaltes und Abstossendes hatte, eine gewisse Neigung.
Die Gesellschaft wurde in dem schloss eingeteilt, und Melina befahl sehr strenge, sie sollten sich nunmehr ordentlich halten, die Frauen sollten besonders wohnen, und jeder nur auf seine Rollen, auf die Kunst sein Augenmerk und seine Neigung richten. Er schlug Vorschriften und gesetz, die aus vielen Punkten bestanden, an alle Türen. Die Summe der Strafgelder war bestimmt, die ein jeder Übertreter in die gemeine Büchse entrichten sollte.
Diese Verordnungen wurden wenig geachtet. Junge Offiziere gingen aus und ein, spassten nicht eben auf das feinste mit den Aktricen, hatten die Akteure zum besten und vernichteten die ganze kleine Polizeiverordnung, noch ehe sie Wurzel fassen konnte. Man jagte sich durch die Zimmer, verkleidete sich, verstekkte sich. Melina, der anfangs einigen Ernst zeigen wollte, ward mit allerlei Mutwillen auf das Äusserste gebracht, und als ihn bald darauf der Graf holen liess, um den Platz zu sehen, wo das Teater aufgerichtet werden sollte, ward das Übel nur immer ärger. Die jungen Herren ersannen sich allerlei platte Spässe, durch hülfe einiger Akteure wurden sie noch plumper, und es schien, als wenn das ganze alte Schloss vom wütenden Heere besessen sei; auch endigte der Unfug nicht eher, als bis man zur Tafel ging.
Der Graf hatte Melinan in einen grossen Saal geführt, der noch zum alten schloss gehörte, durch eine Galerie mit dem neuen verbunden war, und worin ein kleines Teater sehr wohl aufgestellt werden konnte. Daselbst zeigte der einsichtsvolle Hausherr, wie er alles wolle eingerichtet haben.
Nun war die Arbeit in grosser Eile vorgenommen, das Teatergerüste aufgeschlagen und ausgeziert, was man von Dekorationen in dem Gepäcke hatte und brauchen konnte, angewendet, und das übrige mit hülfe einiger geschickten Leute des Grafen verfertiget. Wilhelm griff selbst mit an, half die Perspektive bestimmen, die Umrisse abschnüren, und war höchst beschäftigt, dass es nicht unschicklich werden sollte. Der Graf, der öfters dazu kam, war sehr zufrieden damit, zeigte, wie sie das, was sie wirklich taten, eigentlich machen sollten, und liess dabei ungemeine Kenntnisse jeder Kunst sehen.
Nun fing das Probieren recht ernstlich an, wozu sie auch Raum und Musse genug gehabt hätten, wenn sie nicht von den vielen anwesenden Fremden immer gestört worden wären. Denn es kamen täglich neue Gäste an, und ein jeder wollte die Gesellschaft in Augenschein nehmen.
Fünftes Kapitel
Der Baron hatte Wilhelmen einige Tage mit der Hoffnung hingehalten, dass er der Gräfin noch besonders vorgestellt werden sollte. – "Ich habe", sagte er, "dieser vortrefflichen Dame so viel von Ihren geistreichen und empfindungsvollen Stücken erzählt, dass sie nicht erwarten kann, Sie zu sprechen und sich eins und das andere vorlesen zu lassen. Halten Sie sich ja gefasst, auf den ersten Wink hinüberzukommen, denn bei dem nächsten ruhigen Morgen werden Sie gewiss gerufen werden." Er bezeichnete ihm darauf das Nachspiel, welches er zuerst vorlesen sollte, wodurch er sich ganz besonders empfehlen würde. Die Dame bedaure gar sehr, dass er zu einer solchen unruhigen Zeit eingetroffen sei und sich mit der übrigen Gesellschaft in dem alten schloss schlecht behelfen müsse. –
Mit grosser Sorgfalt nahm darauf Wilhelm das Stück vor, womit er seinen Eintritt in die grosse Welt machen sollte. "Du hast", sagte er, "bisher im stillen für dich gearbeitet, nur von einzelnen Freunden Beifall erhalten; du hast eine Zeitlang ganz an deinem Talente verzweifelt, und du musst immer noch in Sorgen sein, ob du denn auch auf dem rechten Wege bist, und ob du so viel Talent als Neigung zum Teater hast. Vor den Ohren solcher geübten Kenner, im Kabinette, wo keine Illusion stattfindet, ist der Versuch weit gefährlicher als anderwärts, und ich möchte doch auch nicht gerne zurückbleiben, diesen Genuss an meine vorigen Freuden knüpfen und die Hoffnung auf die Zukunft erweitern."
Er nahm darauf einige Stücke durch, las sie mit der grössten Aufmerksamkeit, korrigierte hier und da, rezitierte sie sich laut vor, um auch in Sprache und Ausdruck recht gewandt zu sein, und steckte dasjenige, welches er am meisten geübt, womit er die grösste Ehre einzulegen glaubte, in die tasche, als er an einem Morgen hinüber vor die Gräfin gefordert wurde.
Der Baron hatte ihm versichert, sie würde allein mit einer guten Freundin sein. Als er in das Zimmer trat, kam die Baronesse von C.