und der Baron würde sie schon zustutzen."
Unter diesen Worten gingen sie die Treppe hinauf, und Melina präsentierte sich oben als Direktor. "Ruf' Er Seine Leute zusammen", sagte der Graf, "und stell' Er sie mir vor, damit ich sehe, was an ihnen ist. Ich will auch zugleich die Liste von den Stücken sehen, die sie allenfalls aufführen könnten."
Melina eilte mit einem tiefen Bücklinge aus dem Zimmer und kam bald mit den Schauspielern zurück. Sie drückten sich vor- und hintereinander, die einen präsentierten sich schlecht, aus grosser Begierde zu gefallen, und die andern nicht besser, weil sie sich leichtsinnig darstellten. Philine bezeigte der Gräfin, die ausserordentlich gnädig und freundlich war, alle Ehrfurcht; der Graf musterte indes die übrigen. Er fragte einen jeden nach seinem Fache und äusserte gegen Melina, dass man streng auf Fächer halten müsse, welchen Ausspruch dieser in der grössten Devotion aufnahm.
Der Graf bemerkte sodann einem jeden, worauf er besonders zu studieren, was er an seiner Figur und Stellung zu bessern habe, zeigte ihnen einleuchtend, woran es den Deutschen immer fehle, und liess so ausserordentliche Kenntnisse sehen, dass alle in der grössten Demut vor so einem erleuchteten Kenner und erlauchten Beschützer standen und kaum Atem zu holen sich getrauten.
"Wer ist der Mensch dort in der Ecke?" fragte der Graf, indem er nach einem Subjekte sah, das ihm noch nicht vorgestellt worden war, und eine hagre Figur nahte sich in einem abgetragenen, auf dem Ellbogen mit Fleckchen besetzten Rocke, eine kümmerliche Perücke bedeckte das Haupt des demütigen Klienten.
Dieser Mensch, den wir schon aus dem vorigen buch als Philinens Liebling kennen, pflegte gewöhnlich Pedanten, Magister und Poeten zu spielen und meistens die Rolle zu übernehmen, wenn jemand Schläge kriegen oder begossen werden sollte. Er hatte sich gewisse kriechende, lächerliche, furchtsame Bücklinge angewöhnt, und seine stockende Sprache, die zu seinen Rollen passte, machte die Zuschauer lachen, so dass er immer noch als ein brauchbares Glied der Gesellschaft angesehen wurde, besonders da er übrigens sehr dienstfertig und gefällig war. Er nahte sich auf seine Weise dem Grafen, neigte sich vor demselben und beantwortete jede Frage auf die Art, wie er sich in seinen Rollen auf dem Teater zu gebärden pflegte. Der Graf sah ihn mit gefälliger Aufmerksamkeit und mit Überlegung eine Zeitlang an; alsdann rief er, indem er sich zu der Gräfin wendete: "Mein Kind, betrachte mir diesen Mann genau! ich hafte dafür, das ist ein grosser Schauspieler oder kann es werden." Der Mensch machte von ganzem Herzen einen albernen Bückling, so dass der Graf laut über ihn lachen musste und ausrief: "Er macht seine Sachen exzellent! Ich wette, dieser Mensch kann spielen, was er will, und es ist schade, dass man ihn bisher zu nichts Besserm gebraucht hat."
Ein so ausserordentlicher Vorzug war für die übrigen sehr kränkend, nur Melina empfand nichts davon, er gab vielmehr dem Grafen vollkommen recht und versetzte mit ehrfurchtsvoller Miene: "Ach ja, es hat wohl ihm und mehreren von uns nur ein solcher Kenner und eine solche Aufmunterung gefehlt, wie wir sie gegenwärtig an Ew. Exzellenz gefunden haben."
"Ist das die sämtliche Gesellschaft?" fragte der Graf.
"Es sind einige Glieder abwesend", versetzte der kluge Melina, "und überhaupt könnten wir, wenn wir nur Unterstützung fänden, sehr bald aus der Nachbarschaft vollzählig sein."
Indessen sagte Philine zur Gräfin: "Es ist noch ein recht hübscher junger Mann oben, der sich gewiss bald zum ersten Liebhaber qualifizieren würde."
"Warum lässt er sich nicht sehen?" versetzte die Gräfin.
"Ich will ihn holen", rief Philine und eilte zur tür hinaus.
Sie fand Wilhelmen noch mit Mignon beschäftigt und beredete ihn, mit herunterzugehen. Er folgte ihr mit einigem Unwillen, doch trieb ihn die Neugier; denn da er von vornehmen Personen hörte, war er voll Verlangen, sie näher kennen zu lernen. Er trat ins Zimmer, und seine Augen begegneten sogleich den Augen der Gräfin, die auf ihn gerichtet waren. Philine zog ihn zu der Dame, indes der Graf sich mit den übrigen beschäftigte. Wilhelm neigte sich und gab auf verschiedene fragen, welche die reizende Dame an ihn tat, nicht ohne Verwirrung Antwort. Ihre Schönheit, Jugend, Anmut, Zierlichkeit und feines Betragen machten den angenehmsten Eindruck auf ihn, um so mehr, da ihre Reden und Gebärden mit einer gewissen Schamhaftigkeit, ja man dürfte sagen Verlegenheit begleitet waren. Auch dem Grafen ward er vorgestellt, der aber wenig acht auf ihn hatte, sondern zu seiner Gemahlin ans Fenster trat und sie um etwas zu fragen schien. Man konnte bemerken, dass ihre Meinung auf das lebhafteste mit der seinigen übereinstimmte, ja dass sie ihn eifrig zu bitten und ihn in seiner Gesinnung zu bestärken schien.
Er kehrte sich bald darauf zu der Gesellschaft und sagte: "Ich kann mich gegenwärtig nicht aufhalten, aber ich will einen Freund zu euch schicken, und wenn ihr billige Bedingungen macht, und euch recht viel Mühe geben wollt, so bin ich nicht abgeneigt, euch auf dem schloss spielen zu lassen."
Alle bezeigten ihre grosse Freude darüber, und besonders küsste Philine mit der grössten Lebhaftigkeit der Gräfin die hände.
"Sieht Sie, Kleine", sagte die Dame, indem sie dem leichtfertigen Mädchen die Backen