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wir vielleicht bald in Verlegenheit sein werden, wo wir eine Mahlzeit hernehmen, bewegt er, unsre Mahlzeit mit ihm zu teilen. Er weiss uns das Geld, das wir anwenden könnten, um uns in einige Verfassung zu setzen, durch ein Liedchen aus der tasche zu locken. Es scheint so angenehm zu sein, das Geld zu verschleudern, womit man sich und andern eine Existenz verschaffen könnte."

Das Gespräch bekam durch diese Bemerkung nicht die angenehmste Wendung. Wilhelm, auf den der Vorwurf eigentlich gerichtet war, antwortete mit einiger leidenschaft, und Melina, der sich eben nicht der grössten Feinheit befliss, brachte zuletzt seine Beschwerden mit ziemlich trocknen Worten vor. "Es sind nun schon vierzehn Tage", sagte er, "dass wir das hier verpfändete Teater und die Garderobe besehen haben, und beides konnten wir für eine sehr leidliche Summe haben. Sie machten mir damals Hoffnung, dass Sie mir so viel kreditieren würden, und bis jetzt habe ich noch nicht gesehen, dass Sie die Sache weiter bedacht oder sich einem Entschluss genähert hätten. Griffen Sie damals zu, so wären wir jetzt im Gange. Ihre Absicht, zu verreisen, haben Sie auch noch nicht ausgeführt, und Geld scheinen Sie mir diese Zeit über auch nicht gespart zu haben; wenigstens gibt es Personen, die immer gelegenheit zu verschaffen wissen, dass es geschwinder weggehe."

Dieser nicht ganz ungerechte Vorwurf traf unsern Freund. Er versetzte einiges darauf mit Lebhaftigkeit, ja mit Heftigkeit, und ergriff, da die Gesellschaft aufstund und sich zerstreute, die tür, indem er nicht undeutlich zu erkennen gab, dass er sich nicht lange mehr bei so unfreundlichen und undankbaren Menschen aufhalten wolle. Er eilte verdriesslich hinunter, sich auf eine steinerne Bank zu setzen, die vor dem Tore seines Gastofs stand, und bemerkte nicht, dass er halb aus Lust, halb aus Verdruss mehr als gewöhnlich getrunken hatte.

Zwölftes Kapitel

Nach einer kurzen Zeit, die er, beunruhigt von mancherlei Gedanken, sitzend und vor sich hinsehend zugebracht hatte, schlenderte Philine singend zur Haustüre heraus, setzte sich zu ihm, ja man dürfte beinahe sagen, auf ihn, so nahe rückte sie an ihn heran, lehnte sich auf seine Schultern, spielte mit seinen Locken, streichelte ihn und gab ihm die besten Worte von der Welt. Sie bat ihn, er möchte ja bleiben und sie nicht in der Gesellschaft allein lassen, in der sie vor langer Weile sterben müsste; sie könne nicht mehr mit Melina unter einem dach ausdauern und habe sich deswegen herüberquartiert.

Vergebens suchte er sie abzuweisen, ihr begreiflich zu machen, dass er länger weder bleiben könne noch dürfe. Sie liess mit Bitten nicht ab, ja unvermutet schlang sie ihren Arm um seinen Hals und küsste ihn mit dem lebhaftesten Ausdrucke des Verlangens.

"Sind Sie toll, Philine?" rief Wilhelm aus, indem er sich loszumachen suchte, "die öffentliche Strasse zum Zeugen solcher Liebkosungen zu machen, die ich auf keine Weise verdiene! Lassen Sie mich los, ich kann nicht und ich werde nicht bleiben."

"Und ich werde dich festalten", sagte sie, "und ich werde dich hier auf öffentlicher Strasse so lange küssen, bis du mir versprichst, was ich wünsche. Ich lache mich zu tod", fuhr sie fort; "nach dieser Vertraulichkeit halten mich die Leute gewiss für deine Frau von vier Wochen, und die Ehemänner, die eine so anmutige Szene sehen, werden mich ihren Weibern als ein Muster einer kindlich unbefangenen Zärtlichkeit anpreisen."

Eben gingen einige Leute vorbei, und sie liebkoste ihn auf das anmutigste, und er, um kein Skandal zu geben, war gezwungen, die Rolle des geduldigen Ehemannes zu spielen. Dann schnitt sie den Leuten Gesichter im rücken und trieb voll Übermut allerhand Ungezogenheiten, bis er zuletzt versprechen musste, noch heute und morgen und übermorgen zu bleiben.

"Sie sind ein rechter Stock!" sagte sie darauf, indem sie von ihm abliess, "und ich eine Törin, dass ich so viel Freundlichkeit an Sie verschwende." Sie stand verdriesslich auf und ging einige Schritte; dann kehrte sie lachend zurück und rief: "Ich glaube eben, dass ich darum in dich vernarrt bin, ich will nur gehen und meinen Strickstrumpf holen, dass ich etwas zu tun habe. bleibe ja, damit ich den steinernen Mann auf der steinernen Bank wiederfinde."

Diesmal tat sie ihm Unrecht; denn so sehr er sich von ihr zu entalten strebte, so würde er doch in diesem Augenblicke, hätte er sich mit ihr in einer einsamen Laube befunden, ihre Liebkosungen wahrscheinlich nicht unerwidert gelassen haben.

Sie ging, nachdem sie ihm einen leichtfertigen blick zugeworfen, in das Haus. Er hatte keinen Beruf, ihr zu folgen, vielmehr hatte ihr Betragen einen neuen Widerwillen in ihm erregt; doch hob er sich, ohne selbst recht zu wissen, warum, von der Bank, um ihr nachzugehen.

Er war eben im Begriff, in die tür zu treten, als Melina herbeikam, ihn bescheiden anredete und ihn wegen einiger im Wortwechsel zu hart ausgesprochenen Ausdrücke um Verzeihung bat. "Sie nehmen mir nicht übel", fuhr er fort, "wenn ich in dem Zustande, in dem ich mich befinde, mich vielleicht zu ängstlich bezeige; aber die sorge für eine Frau, vielleicht bald für ein Kind, verhindert mich von einem Tag zum andern, ruhig zu leben und meine Zeit mit dem