, fing der Alte das Lob des geselligen Lebens auf das geistreichste zu singen an. Er pries Einigkeit und gefälligkeit mit einschmeichelnden Tönen. Auf einmal ward sein Gesang trocken, rauh und verworren, als er gehässige Verschlossenheit, kurzsinnige Feindschaft und gefährlichen Zwiespalt bedauerte, und gern warf jede Seele diese unbequemen Fesseln ab, als er, auf den Fittichen einer vordringenden Melodie getragen, die Friedensstifter pries und das Glück der Seelen, die sich wiederfinden, sang.
Kaum hatte er geendigt, als ihm Wilhelm zurief: "Wer du auch seist, der du als ein hülfreicher Schutzgeist mit einer segnenden und belebenden stimme zu uns kommst, nimm meine Verehrung und meinen Dank! Fühle, dass wir alle dich bewundern, und vertrau' uns, wenn du etwas bedarfst!"
Der Alte schwieg, liess erst seine Finger über die saiten schleichen, dann griff er sie stärker an und sang:
"Was hör' ich draussen vor dem Tor,
Was auf der brücke schallen?
Lasst den Gesang zu unserm Ohr
Im saal widerhallen!"
Der König sprach's, der Page lief,
Der Knabe kam, der König rief:
"Bring' ihn herein, den Alten."
"Gegrüsset seid, ihr hohen Herrn,
Gegrüsst ihr, schöne Damen!
Welch reicher Himmel! Stern bei Stern!
Wer kennet ihre Namen?
Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit
Schliesst, Augen, euch, hier ist nicht Zeit,
Sich staunend zu ergötzen."
Der Sänger drückt' die Augen ein
Und schlug die vollen Töne;
Der Ritter schaute mutig drein,
Und in den Schoss die Schöne.
Der König, dem das Lied gefiel,
Liess ihm zum Lohne für sein Spiel
Eine goldne Kette holen.
"Die goldne Kette gib mir nicht,
Die Kette gib den Rittern,
Vor deren kühnem Angesicht
Der Feinde Lanzen splittern.
Gib sie dem Kanzler, den du hast,
Und lass ihn noch die goldne Last
Zu andern Lasten tragen.
Ich singe, wie der Vogel singt,
Der in den Zweigen wohnet.
Das Lied, das aus der Kehle dringt,
Ist Lohn, der reichlich lohnet;
Doch darf ich bitten, bitte' ich eins,
Lass einen Trunk des besten Weins
In reinem Glase bringen."
Er setzt' es an, er trank es aus:
"O Trank der süssen Labe!
O! dreimal hochbeglücktes Haus,
Wo das ist kleine Gabe!
Ergeht's euch wohl, so denkt an mich,
Und danket Gott so warm, als ich
Für diesen Trunk euch danke."
Da der Sänger nach geendigtem lied ein Glas Wein, das für ihn eingeschenkt dastand, ergriff, und es mit freundlicher Miene, sich gegen seine Wohltäter wendend, austrank, entstand eine allgemeine Freude in der Versammlung. Man klatschte und rief ihm zu, es möge dieses Glas zu seiner Gesundheit, zur Stärkung seiner alten Glieder gereichen. Er sang noch einige Romanzen und erregte immer mehr Munterkeit in der Gesellschaft.
"Kannst du die Melodie, Alter", rief Philine, "der Schäfer putzte sich zum Tanz?"
"O ja", versetzte er; "wenn Sie das Lied singen und aufführen wollen, an mir soll es nicht fehlen."
Philine stand auf und hielt sich fertig. Der Alte begann die Melodie, und sie sang ein Lied, das wir unsern Lesern nicht mitteilen können, weil sie es vielleicht abgeschmackt oder wohl gar unanständig finden könnten.
Inzwischen hatte die Gesellschaft, die immer heiterer geworden war, noch manche Flasche Wein ausgetrunken und fing an, sehr laut zu werden. Da aber unserm Freunde die bösen Folgen ihrer Lust noch in frischem Andenken schwebten, suchte er abzubrechen, steckte dem Alten für seine Bemühung eine reichliche Belohnung in die Hand, die andern taten auch etwas, man liess ihn abtreten und ruhen und versprach sich auf den Abend eine wiederholte Freude von seiner Geschicklichkeit.
Als er hinweg war, sagte Wilhelm zu Philinen: "Ich kann zwar in Ihrem Leibgesange weder ein dichterisches noch sittliches Verdienst finden; doch wenn Sie mit eben der Naivetät, Eigenheit und Zierlichkeit etwas Schickliches auf dem Teater jemals ausführen, so wird Ihnen allgemeiner lebhafter Beifall gewiss zuteil werden."
"Ja", sagte Philine, "es müsste eine recht angenehme Empfindung sein, sich am Eise zu wärmen."
"Überhaupt", sagte Wilhelm, "wie sehr beschämt dieser Mann manchen Schauspieler. Haben Sie bemerkt, wie richtig der dramatische Ausdruck seiner Romanzen war? Gewiss, es lebte mehr Darstellung in seinem Gesang als in unsern steifen Personen auf der Bühne; man sollte die Aufführung mancher Stücke eher für eine Erzählung halten und diesen musikalischen Erzählungen eine sinnliche Gegenwart zuschreiben."
"Sie sind ungerecht!" versetzte Laertes. "Ich gebe mich weder für einen grossen Schauspieler noch Sänger; aber das weiss ich, dass, wenn die Musik die Bewegungen des Körpers leitet, ihnen Leben gibt und ihnen zugleich das Mass vorschreibt, wenn Deklamation und Ausdruck schon von dem Kompositeur auf mich übertragen werden, so bin ich ein ganz anderer Mensch, als wenn ich im prosaischen Drama das alles erst erschaffen und Takt und Deklamation mir erst erfinden soll, worin mich noch dazu jeder Mitspielende stören kann."
"So viel weiss ich", sagte Melina, "dass uns dieser Mann in einem Punkte gewiss beschämt, und zwar in einem Hauptpunkte. Die Stärke seiner Talente zeigt sich in dem Nutzen, den er davon zieht. Uns, die