" und Wilhelm versetzte: "Tu, mein Kind, was Mademoiselle dir sagt."
Das Kind besorgte alles und wartete den ganzen Abend mit grosser Sorgfalt den Gästen auf. Nach Tisch suchte Wilhelm mit dem Alten einen Spaziergang allein zu machen; es gelang ihm, und nach mancherlei fragen, wie es ihm bisher gegangen, wendete sich das Gespräch auf die ehemalige Gesellschaft, und Wilhelm wagte zuletzt nach Marianen zu fragen.
"Sagen Sie mir nichts von dem abscheulichen geschöpf!" rief der Alte, "ich habe verschworen, nicht mehr an sie zu denken." Wilhelm erschrak über diese Äusserung, war aber noch in grösserer Verlegenheit, als der Alte fortfuhr, auf ihre Leichtfertigkeit und Liederlichkeit zu schmälen. Wie gern hätte unser Freund das Gespräch abgebrochen! Allein er musste nun einmal die polternden Ergiessungen des wunderlichen Mannes aushalten.
"Ich schäme mich", fuhr dieser fort, "dass ich ihr so geneigt war. Doch hätten Sie das Mädchen näher gekannt, Sie würden mich gewiss entschuldigen. Sie war so artig, natürlich und gut, so gefällig und in jedem Sinne leidlich. Nie hätt' ich mir vorgestellt, dass Frechheit und Undank die Hauptzüge ihres Charakters sein sollten."
Schon hatte sich Wilhelm gefasst gemacht, das Schlimmste von ihr zu hören, als er auf einmal mit Verwunderung bemerkte, dass der Ton des Alten milder wurde, seine Rede endlich stockte und er ein Schnupftuch aus der tasche nahm, um die Tränen zu trocknen, die zuletzt seine Rede unterbrachen.
"Was ist Ihnen?" rief Wilhelm aus. "Was gibt Ihren Empfindungen auf einmal eine so entgegengesetzte Richtung? Verbergen Sie mir es nicht; ich nehme an dem Schicksale dieses Mädchens mehr Anteil, als Sie glauben; nur lassen Sie mich alles wissen."
"Ich habe wenig zu sagen", versetzte der Alte, indem er wieder in seinen ernstlichen, verdriesslichen Ton überging. "Ich werde es ihr nie vergeben, was ich um sie geduldet habe. Sie hatte", fuhr er fort, "immer ein gewisses Zutrauen zu mir; ich liebte sie wie meine Tochter und hatte, da meine Frau noch lebte, den Entschluss gefasst, sie zu mir zu nehmen und sie aus den Händen des Alten zu retten, von deren Anleitung ich mir nicht viel Gutes versprach. Meine Frau starb, das Projekt zerschlug sich.
Gegen das Ende des Aufentalts in Ihrer Vaterstadt, es sind nicht gar drei Jahre, merkte ich ihr eine sichtbare Traurigkeit an; ich fragte sie, aber sie wich aus. Endlich machten wir uns auf die Reise. Sie fuhr mit mir in einem Wagen, und ich bemerkte, was sie mir auch bald gestand, dass sie guter Hoffnung sei, und in der grössten Furcht schwebe, von unserm Direktor verstossen zu werden. Auch dauerte es nur kurze Zeit, so machte er die Entdeckung, kündigte ihr den Kontrakt, der ohnedies nur auf sechs Wochen stand, sogleich auf, zahlte, was sie zu fordern hatte, und liess sie, aller Vorstellungen ungeachtet, in einem kleinen Städtchen in einem schlechten wirtshaus zurück.
Der Henker hole alle liederlichen Dirnen!" rief der Alte mit Verdruss, "und besonders diese, die mir so manche Stunde meines Lebens verdorben hat. Was soll ich lange erzählen, wie ich mich ihrer angenommen, was ich für sie getan, was ich an sie gehängt, wie ich auch in der Abwesenheit für sie gesorgt habe. Ich wollte lieber mein Geld in den Teich werfen, und meine Zeit hinbringen, räudige Hunde zu erziehen, als nur jemals wieder auf so ein geschöpf die mindeste Aufmerksamkeit wenden. Was war's? Im Anfang erhielt ich Danksagungsbriefe, Nachricht von einigen Orten ihres Aufentalts und zuletzt kein Wort mehr, nicht einmal Dank für das Geld, das ich ihr zu ihren Wochen geschickt hatte. O, die Verstellung und der Leichtsinn der Weiber ist so recht zusammengepaart, um ihnen ein bequemes Leben und einem ehrlichen Kerl manche verdriessliche Stunde zu schaffen!"
Achtes Kapitel
Man denke sich Wilhelms Zustand, als er von dieser Unterredung nach haus kam. Alle seine alten Wunden waren wieder aufgerissen, und das Gefühl, dass sie seiner Liebe nicht ganz unwürdig gewesen, wieder lebhaft geworden; denn in dem Interesse des Alten, in dem Lobe, das er ihr wider Willen geben musste, war unserm Freunde ihre ganze Liebenswürdigkeit wieder erschienen; ja selbst die heftige Anklage des leidenschaftlichen Mannes entielt nichts, was sie vor Wilhelms Augen hätte herabsetzen können. Denn dieser bekannte sich selbst als Mitschuldigen ihrer Vergehungen, und ihr Schweigen zuletzt schien ihm nicht tadelhaft; er machte sich vielmehr nur traurige Gedanken darüber, sah sie als Wöchnerin, als Mutter in der Welt ohne hülfe herumirren, wahrscheinlich mit seinem eigenen kind herumirren, Vorstellungen, welche das schmerzlichste Gefühl in ihm erregten.
Mignon hatte auf ihn gewartet und leuchtete ihm die Treppe hinauf. Als sie das Licht niedergesetzt hatte, bat sie ihn, zu erlauben, dass sie ihm heute abend mit einem Kunststücke aufwarten dürfe. Er hätte es lieber verbeten, besonders da er nicht wusste, was es werden sollte. Allein er konnte diesem guten Geschöpfe nichts abschlagen. Nach einer kurzen Zeit trat sie wieder herein. Sie trug einen Teppich unter dem arme, den sie auf der Erde ausbreitete. Wilhelm liess sie gewähren. Sie brachte darauf vier Lichter, stellte eins auf jeden Zipfel des Teppichs. Ein Körbchen mit Eiern, das sie darauf holte