Aufführung eines Puppenspiels am Weihnachtsabend unterhalten; es war lustig zu hören. Sie wurden eben unterbrochen, als das Ballett angehen sollte. Nun kennen wir das herrliche Personal, das jene grossen Wirkungen hervorbrachte."
"Ja", sagte Mariane, "erzähle uns weiter, wie war dir's zumute?"
"Es ist eine schöne Empfindung, liebe Mariane", versetzte Wilhelm, "wenn wir uns alter zeiten und alter unschädlicher Irrtümer erinnern, besonders wenn es in einem Augenblicke geschieht, da wir eine Höhe glücklich erreicht haben, von welcher wir uns umsehen und den zurückgelegten Weg überschauen können. Es ist so angenehm selbstzufrieden sich mancher Hindernisse zu erinnern, die wir oft mit einem peinlichen Gefühle für unüberwindlich hielten, und dasjenige, was wir jetzt, entwickelt, sind, mit dem zu vergleichen, was wir damals, unentwickelt, waren. Aber unaussprechlich glücklich fühl' ich mich jetzt, da ich in diesem Augenblicke mit dir von dem Vergangnen rede, weil ich zugleich vorwärts in das reizende Land schaue, das wir zusammen Hand in Hand durchwandern können."
"Wie war es mit dem Ballett?" fiel die Alte ein. "Ich fürchte, es ist nicht alles abgelaufen, wie es sollte."
"O ja", versetzte Wilhelm, "sehr gut! Von jenen wunderlichen Sprüngen der Mohren und Mohrinnen, Schäfer und Schäferinnen, Zwerge und Zwerginnen ist mir eine dunkle Erinnerung auf mein ganzes Leben geblieben. Nun fiel der Vorhang, die tür schloss sich, und die ganze kleine Gesellschaft eilte wie betrunken und taumelnd zu Bette; ich weiss aber wohl, dass ich nicht einschlafen konnte, dass ich noch etwas erzählt haben wollte, dass ich noch viele fragen tat, und dass ich nur ungern die Wärterin entliess, die uns zur Ruhe gebracht hatte.
Den andern Morgen war leider das magische Gerüste wieder verschwunden, der mystische Schleier weggehoben, man ging durch jene tür wieder frei aus einer stube in die andere, und so viel Abenteuer hatten keine Spur zurückgelassen. Meine Geschwister liefen mit ihren Spielsachen auf und ab, ich allein schlich hin und her; es schien mir unmöglich, dass da nur zwo Türpfosten sein sollten, wo gestern so viel Zauberei gewesen war. Ach, wer eine verlorne Liebe sucht, kann nicht unglücklicher sein, als ich mir damals schien."
Ein freudetrunkner blick, den er auf Marianen warf, überzeugte sie, dass er nicht fürchtete, jemals in diesen Fall kommen zu können.
Viertes Kapitel
"Mein einziger Wunsch war nunmehr", fuhr Wilhelm fort, "eine zweite Aufführung des Stücks zu sehen. Ich lag der Mutter an, und diese suchte zu einer gelegenen Stunde den Vater zu bereden; allein ihre Mühe war vergebens. Er behauptete, nur ein seltenes Vergnügen könne bei den Menschen einen Wert haben; Kinder und Alte wüssten nicht zu schätzen, was ihnen Gutes täglich begegnete.
Wir hätten auch noch lange, vielleicht bis wieder Weihnachten, warten müssen, hätte nicht der Erbauer und heimliche Direktor des Schauspiels selbst Lust gefühlt, die Vorstellung zu wiederholen und dabei in einem Nachspiele einen ganz frisch fertig gewordenen Hanswurst zu produzieren.
Ein junger Mann von der Artillerie, mit vielen Talenten begabt, besonders in mechanischen arbeiten geschickt, der dem Vater während des Bauens viele wesentliche Dienste geleistet hatte und von ihm reichlich beschenkt worden war, wollte sich am Christfeste der kleinen Familie dankbar erzeigen und machte dem haus seines Gönners ein Geschenk mit diesem ganz eingerichteten Teater, das er ehemals in müssigen Stunden zusammengebaut, – geschnitzt und – gemalt hatte. Er war es, der mit hülfe eines Bedienten selbst die Puppen regierte und mit verstellter stimme die verschiedenen Rollen hersagte Ihm ward nicht schwer, den Vater zu bereden, der einem Freunde aus gefälligkeit zugestand, was er seinen Kindern aus Überzeugung abgeschlagen hatte. Genug, das Teater ward wieder aufgestellt, einige Nachbarskinder gebeten und das Stück wiederholt.
Hatte ich das erste Mal die Freude der Überraschung und des Staunens, so war zum zweiten Male die Wollust des Aufmerkens und Forschens gross. Wie das zugehe, war jetzt mein Anliegen. Dass die Puppen nicht selbst redeten, hatte ich mir schon das erste Mal gesagt; dass sie sich nicht von selbst bewegten, vermutete ich auch, aber warum das alles doch so hübsch war, und es doch so aussah, als wenn sie selbst redeten und sich bewegten, und wo die Lichter und die Leute sein möchten, diese Rätsel beunruhigten mich um desto mehr, je mehr ich wünschte, zugleich unter den Bezauberten und Zauberern zu sein, zugleich meine hände verdeckt im Spiel zu haben und als Zuschauer die Freude der Illusion zu geniessen.
Das Stück war zu Ende, man machte Vorbereitungen zum Nachspiel, die Zuschauer waren aufgestanden und schwatzten durcheinander. Ich drängte mich näher an die tür und hörte inwendig am Klappern, dass man mit Aufräumen beschäftigt sei. Ich hub den untern Teppich auf und guckte zwischen dem Gestelle durch. Meine Mutter bemerkte es und zog mich zurück; allein ich hatte doch so viel gesehen, dass man Freunde und Feinde, Saul und Goliat und wie sie alle heissen mochten, in einen Schiebkasten packte, und so erhielt meine halbbefriedigte Neugierde frische Nahrung. Dabei hatte ich zu meinem grössten Erstaunen den Lieutenant im Heiligtume sehr geschäftig erblickt. Nunmehr konnte mich der Hanswurst, so sehr er mit seinen Absätzen klapperte, nicht unterhalten. Ich verlor mich in tiefes Nachdenken und war nach dieser Entdeckung ruhiger und unruhiger als vorher.