die Messe gehe, wohin er ihr einmal folgte und sie in der Ecke der Kirche mit dem Rosenkranze knien und andächtig beten sah. Sie bemerkte ihn nicht; er ging nach haus, machte sich vielerlei Gedanken über diese Gestalt und konnte sich bei ihr nichts Bestimmtes denken.
Neues Andringen Melinas um eine Summe Geldes zur Auslösung der mehrerwähnten Teatergerätschaften bestimmte Wilhelmen noch mehr, an seine Abreise zu denken. Er wollte den Seinigen, die lange nichts von ihm gehört hatten, noch mit dem heutigen Posttage schreiben; er fing auch wirklich einen Brief an Wernern an und war mit Erzählung seiner Abenteuer, wobei er, ohne es selbst zu bemerken, sich mehrmal von der Wahrheit entfernt hatte, schon ziemlich weit gekommen, als er zu seinem Verdruss auf der hintern Seite des Briefblatts schon einige Verse geschrieben fand, die er für Madame Melina aus seiner Schreibtafel zu kopieren angefangen hatte. unwillig zerriss er das Blatt und verschob die Wiederholung seines Bekenntnisses auf den nächsten Posttag.
Siebentes Kapitel
Unsre Gesellschaft befand sich abermals beisammen, und Philine, die auf jedes Pferd, das vorbeikam, auf jeden Wagen, der anfuhr, äusserst aufmerksam war, rief mit grosser Lebhaftigkeit: "Unser Pedant! Da kommt unser allerliebster Pedant! Wen mag er bei sich haben?" Sie rief und winkte zum Fenster hinaus, und der Wagen hielt stille.
Ein kümmerlich armer Teufel, den man an seinem verschabten, graulich-braunen Rocke und an seinen übelkonditionierten Unterkleidern für einen Magister, wie sie auf Akademien zu vermodern pflegen, hätte halten sollen, stieg aus dem Wagen und entblösste, indem er, Philinen zu grüssen, den Hut abtat, eine übelgepuderte, aber übrigens sehr steife Perücke, und Philine warf ihm hundert Kusshände zu.
So wie sie ihre Glückseligkeit fand, einen teil der Männer zu lieben und ihre Liebe zu geniessen, so war das Vergnügen nicht viel geringer, das sie sich so oft als möglich gab, die übrigen, die sie eben in diesem Augenblicke nicht liebte, auf eine sehr leichtfertige Weise zum besten zu haben.
Über den Lärm, womit sie diesen alten Freund empfing, vergass man auf die übrigen zu achten, die ihm nachfolgten. Doch glaubte Wilhelm die zwei Frauenzimmer und einen ältlichen Mann, der mit ihnen hereintrat, zu kennen. Auch entdeckte sich's bald, dass er sie alle drei vor einigen Jahren bei der Gesellschaft, die in seiner Vaterstadt spielte, mehrmals gesehen hatte. Die Töchter waren seit der Zeit herangewachsen; der Alte aber hatte sich wenig verändert. Dieser spielte gewöhnlich die gutmütigen polternden Alten, wovon das deutsche Teater nicht leer wird, und die man auch im gemeinen Leben nicht selten antrifft. Denn da es der Charakter unsrer Landsleute ist, das Gute ohne viel Prunk zu tun und zu leisten, so denken sie selten daran, dass es auch eine Art gebe, das Rechte mit Zierlichkeit und Anmut zu tun, und verfallen vielmehr, von einem geist des Widerspruchs getrieben, leicht in den Fehler, durch ein mürrisches Wesen ihre liebste Tugend im Kontraste darzustellen.
Solche Rollen spielte unser Schauspieler sehr gut, und er spielte sie so oft und ausschliesslich, dass er darüber eine ähnliche Art sich zu betragen im gemeinen Leben angenommen hatte.
Wilhelm geriet in grosse Bewegung, sobald er ihn erkannte; denn er erinnerte sich, wie oft er diesen Mann neben seiner geliebten Mariane auf dem Teater gesehen hatte; er hörte ihn noch schelten, er hörte ihre schmeichelnde stimme, mit der sie seinem rauhen Wesen in manchen Rollen zu begegnen hatte.
Die erste lebhafte Frage an die neuen Ankömmlinge, ob ein Unterkommen auswärts zu finden und zu hoffen sei, ward leider mit Nein beantwortet, und man musste vernehmen, dass die Gesellschaften, bei denen man sich erkundigt, besetzt und einige davon sogar in Sorgen seien, wegen des bevorstehenden Krieges auseinandergehen zu müssen. Der polternde Alte hatte mit seinen Töchtern, aus Verdruss und Liebe zur Abwechslung, ein vorteilhaftes Engagement aufgegeben, hatte mit dem Pedanten, den er unterwegs traf, einen Wagen gemietet, um hierher zu kommen, wo denn auch, wie sie fanden, guter Rat teuer war.
Die Zeit, in welcher sich die übrigen über ihre Angelegenheiten sehr lebhaft unterhielten, brachte Wilhelm nachdenklich zu. Er wünschte den Alten allein zu sprechen, wünschte und fürchtete, von Marianen zu hören, und befand sich in der grössten Unruhe.
Die Artigkeiten der neuangekommenen Frauenzimmer konnten ihn nicht aus seinem Traume reissen; aber ein Wortwechsel, der sich erhub, machte ihn aufmerksam. Es war Friedrich, der blonde Knabe, der Philinen aufzuwarten pflegte, sich aber diesmal lebhaft widersetzte, als er den Tisch decken und Essen herbeischaffen sollte. "Ich habe mich verpflichtet", rief er aus, "Ihnen zu dienen, aber nicht allen Menschen aufzuwarten." Sie gerieten darüber in einen heftigen Streit. Philine bestand darauf, er habe seine Schuldigkeit zu tun, und als er sich hartnäckig widersetzte, sagte sie ihm ohne Umstände, er könnte gehen, wohin er wolle.
"Glauben Sie etwa, dass ich mich nicht von Ihnen entfernen könne?" rief er aus, ging trotzig weg, machte seinen Bündel zusammen und eilte sogleich zum haus hinaus. "Geh, Mignon", sagte Philine, "und schaff' uns, was wir brauchen! sag' es dem Kellner und hilf aufwarten!"
Mignon trat vor Wilhelm hin und fragte in ihrer lakonischen Art: "Soll ich? darf ich?